25.08.2025

IWP-Preis

«Es ist ein Preis mit Experimentalcharakter»

René Scheu leitet das Institut für Wirtschaftspolitik (IWP), das dieses Jahr seinen Preis für exzellenten Wirtschaftsjournalismus an Arthur Rutishauser verliehen hat. Der ehemalige NZZ-Feuilletonchef sagt, warum die Auszeichnung nicht so ist wie die anderen Journalismus-Preise.
IWP-Preis: «Es ist ein Preis mit Experimentalcharakter»
«Im Zentrum steht nicht wie üblich das Storytelling, sondern die Faktentreue», so IWP-Leiter René Scheu.

Herr Scheu, das IWP vergibt zum zweiten Mal den Preis für exzellenten Wirtschaftsjournalismus. Preisträger ist mit Arthur Rutishauser ein bekannter Name (persoenlich.com berichtete). Warum erhält den Preis wiederum ein Print-Journalist?
Bitte keine Vorurteile! Unter den letzten zehn Beiträgen rangierten in der Endausmachung ein Podcast über Anlegen und Sparen, ein privat finanzierter Film über die Schweiz, ein SRF-Dok-Beitrag und ein exzellenter Wirtschafts-Blog aus Deutschland. An der Vielfalt fehlt es also keineswegs. Aber zwei Textbeiträge von Dr. Arthur Rutishauser zum Untergang der Credit Suisse haben nach dem Urteil der Preis-Jury die anderen Zusendungen schlicht und ergreifend überstrahlt. Der Untergang der Schweizer Traditionsbank ist ein hochrelevantes Thema, das Arthur Rutishauser mit kühler Distanz, Präzision und Scharfsinn für das breite Publikum recherchiert und aufgearbeitet hat. Chapeau.

Es gibt aber schon so viele Journalisten-Preise. Warum braucht es den IWP-Preis?
Die gibt es in der Tat. Und trotzdem braucht es den IWP-Preis. Das IWP will einen Unterschied machen: Im Zentrum steht nicht wie üblich das Storytelling, sondern die Faktentreue. In einer Zeit, in der gefühlte Wahrheiten den Ton angeben, scheint uns dieser Ansatz besonders fruchtbar. Deshalb haben wir den IWP-Preis für exzellenten Wirtschaftsjournalismus ins Leben gerufen. Es bleibt allerdings ein Preis mit Experimentalcharakter – nach Jahr drei entscheiden wir, ob wir ihn weiterführen oder nicht.

Wovon hängt das ab?
Ganz einfach: von der Relevanz des Preises und dem Zuspruch der Zunft. Schafft es der IWP-Preis, sich in der journalistischen Branche zu etablieren oder nicht? Unsere bisherigen Erfahrungen stimmen uns positiv.

 «Das IWP ist jedoch weder liberal noch illiberal oder antiliberal»

Wie viele Zusendungen gab es?
Über 60 an der Zahl, die meisten aus der Schweiz, manche aus Deutschland, einige aus Österreich. Das zeigt: Es hat sich bereits im Jahr zwei seines Existierens herumgesprochen, dass es diesen Preis gibt.

Das IWP gilt als wirtschaftsliberal. Haben auch linke Journalisten eine Chance auf den Preis?
Ich stelle fest: Journalisten haben die Neigung, alles zu labeln. Das IWP ist jedoch weder liberal noch illiberal oder antiliberal, stattdessen ist es ein Wirtschaftsforschungsinstitut, das der Erkenntnissuche verpflichtet ist. Labels wie «links» und «rechts» spielen für uns ebenso wenig eine Rolle wie die Bezeichnungen von oben und unten. Insofern kann ich Ihre Fragen ruhigen Gewissens mit Ja beantworten.

Die Preissumme von CHF 30'000 ist beträchtlich. Wer kommt dafür aus?
Es ist ein gut dotierter Award, entsprechend der Bedeutung, die wir einer wohlinformierten wirtschaftspolitischen Berichterstattung beimessen. Der IWP-Preis für exzellenten Wirtschaftsjournalismus wird von der Stiftung Schweizer Wirtschaftspolitik im Sinne des Stiftungsauftrags finanziert, zu dem die Wissenschaftskommunikation gehört.

Und wer finanziert die Stiftung?
Das Geld stammt von all jenen, die Spenden zuhanden der Stiftung tätigen. Mittlerweile sind es rund 100 Donatoren. Dabei handelt es sich vor allem um Privatpersonen, Vertreter von KMU, Institutionen und öffentliche Körperschaften, die das IWP unterstützen. Dank Crowdfunding kommen seit zwei Jahren auch viele Kleinspender hinzu. Die Stiftung will breit in der Bevölkerung verankert sein. 

 «Etatisten haben keine Freude, wenn man Licht ins Dunkel des Staates bringt»

Sie selbst haben jüngst ebenfalls einen Preis gewonnen – den Bonny-Preis der Freiheit, zusammen mit Christoph Schaltegger. Was bedeutet er Ihnen?
Es ist eine Würdigung unseres Schaffens – und darauf ist man immer stolz. Natürlich hat auch die Freiheit eine grosse Bedeutung. «Freiheit» kommt etymologisch von «Freihals» – einem vom Joch befreiten Hals. Frei ist, wer keinen Herrn und keine Herrin über sich hat oder duldet. Ein starkes Bild – und ein wahres, wie mir scheint.

Das IWP hat mit seinen Studien und Analysen etwa zu Staatslöhnen oder Subventionen für viel Aufsehen gesorgt, allerdings auch für Kritik von linker Seite. Wie gehen Sie damit um?
Etatisten gibt es in allen politischen Lagern. Und die haben selbstverständlich keine Freude, wenn man Licht ins Dunkel des Staates bringt, diesen also nach allen Regeln der Kunst vermisst. Aber das gehört sich trotzdem für eine aufgeklärte Gesellschaft. Die Staatsausgaben wachsen in der Schweiz seit Jahr und Tag, und dennoch tun manche so, als sei dies das bestgehütete Geheimnis der Eidgenossenschaft. Das IWP will hier Transparenz für die Bürger herstellen. Die Politik kann dann ihre Schlüsse daraus ableiten – wie auch immer sie lauten mögen.

Von 2016 bis 2021 waren Sie Feuilletonchef der NZZ. Hand aufs Herz – vermissen Sie die alte Aufgabe nicht?
Vermissen? Nein. Aber ich erinnere mich gerne an diese Zeit zurück. Ein Debatten-Feuilleton zu gestalten, ist eine ebenso reizende wie fordernde Aufgabe. Man trifft viele kluge Menschen, führt tolle Gespräche, man lernt jeden Tag eine Menge, man muss einiges aushalten, man übt sich in Resilienz. Die Pace ist auch im Kulturjournalismus mittlerweile beachtlich. Man kann viel bewegen und muss zugleich darauf achten, dass man nicht verbrennt. Ein Kantengang.

«Mehr denn je besteht die Aufgabe der Feuilletonisten darin, eine Zeitung in der Zeitung zu fabrizieren»

Wie stehen Sie zu Ihrem Nach-Nachfolger auf dem Feuilletonsessel, Rico Bandle?
Rico Bandle ist eine hervorragende Wahl. Er verkörpert die journalistischen Tugenden von Expertise und Distanz, zugleich ist er mutig, neugierig und ein guter Schreiber. Ich wünsche ihm für seine neue Aufgabe viel Kraft – und die nötige Ausdauer!

Wie sehen Sie die Zukunft des deutschsprachigen Feuilletons?
Das Feuilleton im klassischen Sinne, so mein Eindruck, gibt es kaum mehr, weder was die Kulturberichterstattung noch was die Debattenkultur im Gefolge Frank Schirrmachers angeht. Mehr denn je besteht die Aufgabe der Feuilletonisten darin, eine Zeitung in der Zeitung zu fabrizieren: mit eigenen Akzenten, Reflexionen, Sprachformen. Im besten Fall sind sie schräger, überraschender, unangepasster als die anderen ihrer Zunft – darin besteht ihre grosse Chance. Die Kür ist ihre Pflicht.


René Scheu ist Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern, das er zusammen mit Prof. Dr. Christoph Schaltegger (Direktor) aufgebaut hat. Von 2007 bis 2015 war er Herausgeber des Schweizer Monats, von 2016 bis 2021 Feuilletonchef der NZZ.

Der IWP-Preis für exzellenten Wirtschaftsjournalismus wurde 2024 ins Leben gerufen und ist mit CHF 30'000 dotiert. Eine Jury entscheidet über ihre Preisvergabe. Sie besteht aus Prof. Dr. Lars Feld, Prof. Dr. Reto Föllmi, Dr. Alexandra Janssen, Nina Ruge und Dr. Reinhard Sprenger. Die Vergabekriterien sind Faktentreue, Argumentation, Verständlichkeit, Relevanz und Wirkung im Ziel. Die Verleihung findet am 9. September an der Universität Luzern statt.


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