31.12.2025

Das war 2025

Es kommt doch anders, als man denkt – oder nicht?

2025 war ein Jahr der Überraschungen und Kehrtwendungen. Es zeigte sich: Die Realität schreibt ihre eigenen Regeln. Eine Jahresbilanz des persönlich-Verlegers Matthias Ackeret über das Scheitern von Prognosen, den Wandel des Zeitgeistes und die Frage, ob wir überhaupt noch etwas vorhersagen können.
Das war 2025: Es kommt doch anders, als man denkt – oder nicht?
«Beim ‹Prinzip Hoffnung› dominiert vor allem eines: die Hoffnung», so Matthias Ackeret, Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com. (Bild: Keystone/Gaëtan Bally, Grafik: Corinne Lüthi)

Es ist zur Tradition geworden, dass ich am Ende des Jahres kurz auf die vergangenen zwölf Monate zurückschaue. Was ich hiermit gerne mache. 2025 zeigte sich, dass viele mediale Entwicklungen zwar eingetreten sind wie prophezeit, aber meist mit anderem Ausgang. Wobei das alte Helmut-Kohl-Zitat, wonach die Wirklichkeit anders als die Realität sei, ihre Berechtigung findet.

Nehmen wir die Sendung «Gesichter & Geschichten», kurz «G&G». Lange wurde sie als «Schande für den Service public» bezeichnet. Kaum wurde sie aber eingestellt, wurde sie zum Inbegriff des Service public. Oder die Plakate, mittlerweile die erfolgreichste traditionelle Werbeform überhaupt, denen in den rot-grünen Städten wie Zürich ein ideologisch bedingtes Verbot droht. Deren Begründung: Sie könnten das Publikum zum Kauf verführen. Was ja per Definition die Aufgabe von Werbung ist. Berühmtestes Beispiel für meine These ist aber UKW. Diese drei Buchstaben konnten in der Beachtungsökonomie von 2025 fast schon mit KI, SRG, KKS oder ESC mithalten. Letzterer wurde – und dies als Klammerbemerkung – dank der Moderation von Sandra Studer, Hazel Brugger und später Michèle Hunziker zum medialen Highlight des Jahres. Basel – und dies muss aus Zürcher Perspektive zugestanden werden – hat die Veranstaltung mit einer solch souveränen Lässigkeit, Freude und Euphorie durchgeführt, wie es an der Limmat kaum möglich gewesen wäre. Die verkorkste Rad-WM mit dem anschliessenden Kritik-Tsunami sind ein beredtes Beispiel dafür.

Das Jahr 2025 begann also mit einem Rauschen. Zwischen dem siebten und dem achten Glockenschlag der katholischen Kirche von Andermatt, dem obligaten Ausläuten zum Jahresende, stellte die SRG an Silvester alle ihre 2000 UKW-Sender ab – ein weltweit wohl einzigartiger Vorgang. Gerade in einer medialen Welt, die sich vor allem über Lautstärke definiert, ist dies die absolute Ausnahme. Da ich in der Nähe des Rheinfalls aufgewachsen bin, ist mir diese Tonlage nicht ganz unbekannt, ich bin sozusagen ein Rauschexperte. Doch bekanntlich entpuppte sich dieser Entscheid knapp zwölf Monate später als Fehler, eine halbe Million Hörerinnen und Hörer kehrten der SRG den Rücken. Dass sie sich nun wieder zu UKW bekennt und ihre Sender wieder einschalten will, ist nicht nur ein unfreiwilliges Weihnachtsgeschenk, sondern auch die teuerste Pointe des Jahres. Doch Schadenfreude wäre fehl am Platz: Jahrzehntelang haben die Radioexperten aus allen Lagern – mit Ausnahme von Medienpionier Roger Schawinski – DAB als führende Technologie beschworen und UKW zum Auslaufmodell erklärt. Nach dem Entscheid des Ständerates ist plötzlich nicht mehr DAB die Zukunft, sondern nur noch ein Sinnbild des Scheiterns. So wie die Fünfjahrespläne die DDR nicht retten konnten, wird DAB kaum mehr die SRG retten. UKW hingegen – auferstanden aus den Ruinen – feiert ein neues Comeback, gemäss der Devise: «Vorwärts in die Vergangenheit.»

Selbst der Print, seit einem Vierteljahrhundert totgesagt, lebt immer noch. Schweizweit werden in den nächsten Monaten sogar neue Druckereien in Betrieb genommen. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass KI unser Leben immer verändern wird. Obwohl diese Entwicklungen wie in einer Parallelwelt stattfinden, beeinflussen und beeinträchtigen sie unser Leben und dasjenige unserer Branche immer mehr. Die Schweizer Standorte von Google, Facebook und Co sind von unserem Büro in Wiedikon schneller zu erreichen als das Leutschenbach, schrittemässig jedenfalls. Was fast schon symbolischen Charakter hat. Man übersieht gerne, dass die Techkonzerne mittlerweile die Hälfte des hiesigen Werbemarktes abgrasen, im Gegenzug aber nichts ins hiesige Ökosystem zurückgeben. Nicht einmal in Form von Steuern, einer Werbekampagne oder irgendeiner Abgeltung. Durch den Trump-Deal wird sicherlich keine Kehrtwende eingeleitet, das geplante Leistungsschutzrecht dürfte am Ende eine gut gemeinte Vision bleiben. Wer einmal einen Apéro riche bei einem hiesigen Techgiganten geniessen durfte, weiss, dass unter «riche» nicht überall dasselbe verstanden wird.

Dagegen sind die Diskussionen mit der SRG fast schon Pipifax. So würde beispielsweise fast die ganze einheimische Filmindustrie ohne die Gelder aus der Berner Giacomettistrasse, dem Immer-noch-Hauptsitz, gar nicht funktionieren. Deren Generaldirektorin Susanne Wille, seit diesem Jahr Helvetia, Jeanne d’Arc und UKFee 2.0 in Personalunion, erfüllt momentan eine Herkulesaufgabe. Gewinnt sie die Abstimmung im nächsten Frühjahr, sind alle momentanen Sorgen weggewischt und auch die jetzigen Baustellen erscheinen in einem weitaus sanfteren Licht. Doch dieser Konjunktiv muss zuerst noch Realität werden. Wo ein Wille ist, ist meist auch ein Weg. Doch mit Wortspielen allein gewinnt man keine Abstimmung. Trotzdem sei die schüchterne Frage erlaubt: Welches Spiel spielt eigentlich der SRG-Verwaltungsrat? Ist deren Präsident, Herr Cina, – um dieses plumpe Wortspiel zu verwenden – bereits abgetaucht? Beispielsweise nach China? Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird die SRG Anfang März ihre Schicksalsabstimmung gewinnen und die sogenannte Halbierungsinitiative bodigen, sicher ist dies aber keineswegs. Beim «Prinzip Hoffnung» dominiert vor allem eines: die Hoffnung.

Dass mediale Trends manchmal doch so laufen wie prognostiziert, zeigt die Einstellung der gedruckten Ausgabe von 20 Minuten. Aber so einfach ist es auch da nicht: Die Pendlerzeitung wurde vor einem Vierteljahrhundert zum Totengräber der Bezahlzeitung hochstilisiert. Doch es ist wie in «High Noon»: Das Duell wird erst am Ende entschieden: Das gedruckte 20 Minuten wird als die letzte aller Pendlerzeitungen zwar eingestellt, deren blaue Boxen entsorgt, doch die vor einem Vierteljahrhundert attackierten Bezahlzeitungen, denen damals ihr baldiges Ende prophezeit wurde, existieren immer noch. Und zwar auf Papier. Lesen macht wirklich sexy.

Obwohl ich – wie viele andere auch – längst nicht mehr zu den Lesern der Printausgabe von 20 Minuten gehörte und den Einstellungsentscheid auch nachvollziehen kann, weine ich dem Blatt doch ein paar Tränen nach. Die aus Skandinavien importierte Idee war bestechend, wenn nicht sogar brillant: das Wichtigste des Tages in 20 Minuten, «Reduce to the Max». Doch am Ende scheiterte die berühmteste aller Pendlerzeitungen an den Pendlern, die das iPhone dem gedruckten Papier vorzogen – oder gar im Homeoffice blieben. Zum Glück bleibt 20minuten.ch als reichweitenstärkste Newsplattform des Landes erhalten.

Zu Unrecht aber haben die Qualitätsjournalisten, Medienexperten und Bedenkenträger über 20 Minuten geschnödet und deren kommerziellen Erfolg zum Untergang des Journalismus hochstilisiert. Trotzdem ist es 20 Minuten immer wieder gelungen, die heute als «Newsdeprivierte» bezeichneten Jugendlichen an ein Medium zu binden. Schneller als andere Medien hat 20 Minuten – und 20minuten.ch – in seiner täglichen Berichterstattung erkannt, dass Ideologie, Diversität und all das Andere keine ständigen medialen Erfolgsgaranten mehr sind. Was Ringiers erster Journalist und Vordenker Frank A. Meyer ähnlich sieht, dessen Biografie vor wenigen Wochen erschienen ist. Meyer stört sich in seiner wöchentlichen Kolumne mittlerweile an der «akademisch-anmassenden Links-Elite», die sich mit «Kolonialismus, Rassismus, Klimatismus, Queerismus, natürlich auch mit Genderismus» beschäftigt. Dies zeige sich in ihrer «jugendlichen Vulgarität». Womit FAM – mit Ausnahme der Stadt Zürich – schon wieder ein Trendsetter ist, dabei kaum die hauseigene EqualVoice-Initiative meint.

Sollte Trump mit seinem bizarren Regierungsstil etwas bewirkt haben, sind es weniger die Strafzölle, sondern die abrupten Veränderungen des Zeitgeistes. Trump, als personifizierte Disruption, zeigt aber auch, dass die zum Modewort und Allerheilmittel hochstilisierte Disruption nicht nur von Vorteil sein muss.

Ich möchte mich an dieser Stelle im Namen unseres Verlags und unseres Teams für Ihre Treue bedanken. Das Tröstliche aber: Meist kommt es anders als prophezeit. Dieses Jahr ist der beste Beweis. Das einzige Beständige sind der Tod, die Steuern und dass es keine weissen Weihnachten gibt. Der Rheinfall wird weiterhin das Rausch-Monopol haben. Wir wünschen Ihnen schöne Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr!



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com. Sein neuer Roman «Eva» feiert am Montag, 23. März, im Kaufleuten Buchpremiere.

In der Serie «Das war 2025» greifen wir die grossen Themen des Jahres in kompakter Form nochmals auf. Hier finden Sie die Übersicht. 


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen
Neue Podcast-Folge: Jetzt reinhören