04.05.2020

20 Jahre persoenlich.com

«Es wirkte wie ein Hub für Medienleute»

Am 2. Mai 2000, als persoenlich.com an den Start ging, war Moritz Leuenberger Medienminister. Zum Jubiläum blendet der ehemalige Bundesrat 20 Jahre zurück. Er spricht ausserdem über das Katastrophenjahr 2001 und seinen ganz persönlichen Medienmix.
20 Jahre persoenlich.com: «Es wirkte wie ein Hub für Medienleute»
Moritz Leuenberger, hier 2016 in Zürich, wurde 1995 als Nachfolger von Otto Stich in den Bundesrat gewählt. Er war bis 2010 Uvek-Vorsteher. (Bild: Keystone/Gaëtan Bally; Grafik: Corinne Lüthi)
von Matthias Ackeret

Herr Leuenberger, am 2. Mai 2000 startete persoenlich.com. Wissen Sie noch, was Sie an jenem Tag unternahmen?
Da geht es mir wie Bundesanwalt Lauber: Ich weiss einfach nicht mehr alles auswendig. Was ich noch weiss: Es war die Zeit, als ich mich von den administrativen Fesseln im Amt langsam befreite und mir als Bundesrat erlaubte, mich etwas spielerischer zu zeigen. Ich wagte vor zunächst verblüfftem Publikum Reden wie «Die Kunst der richtigen Tempi» oder «Liebe deine Feinde». Später erhielt ich ja auch Preise für solche Reden. Vielleicht beflügelte mich ja die Neugeburt von persoenlich.com dazu.

Haben Sie persoenlich.com und das Printmagazin persönlich als Medienminister überhaupt wahrgenommen? Und wenn ja, wie?
Es tobte damals der Kampf um eine neue Medienordnung, und ich bewegte mich zwischen den Hämmern der Privatradios und dem Amboss der SRG. Da war persoenlich.com schon fast ein neutraler Verbündeter. Es wurde sehr häufig von Journalisten bei Interviews und von den Mitarbeitern im Bakom zitiert. Es wirkte wie ein Hub für Medienleute.

«Soziale Medien meide ich»

Sie waren während 15 Jahren Medienminister. Wie beurteilen Sie die heutige Medienrealität? Welche Medien nutzen Sie?
Ich höre Radio, sehe TV, lese online und Gedrucktes. Soziale Medien meide ich. Das ist natürlich eine Verweigerung und ein langsames Ausklinken aus der gesellschaftlichen Realität, ich weiss. Aber ich habe ja keine öffentliche Funktion mehr und muss mir nichts zuleide tun.

Glauben Sie, dass es in zehn Jahren noch gedruckte Zeitungen geben wird?
Sicher. Das BAG nutzt heute ja auch noch ein Fax. Aber ich weiss nicht, welche Bedeutung sie dann haben werden.

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Sie hatten immer ein ambivalentes Verhältnis zu den Medien. Glauben Sie, dass Sie auch ungerecht behandelt wurden?
Ich kann mich nicht beklagen. Und mit der Zeit verblasst ja ohnehin vieles.

Sie sind vor genau zehn Jahren als Bundesrat zurückgetreten. Wären Sie heute gerne in der Landesregierung?
Wenn ich es wäre, würde ich mich voll reinknien und mich mit den immensen Aufgaben identifizieren. So wie ich es im damaligen Katastrophenjahr 2001 auch tat.

«Der Bundesrat rückt zusammen»

Welche Erfahrungen haben Sie im Katastrophenjahr 2001 gewonnen?
Der Bundesrat rückt zusammen. Keine Ränkespiele, keine Rivalitäten, sondern gegenseitige Unterstützung. Ich selber identifizierte mich zu 100 Prozent mit der Aufgabe und verliess jede ironische Distanz zu meiner Aufgabe, wie ich sie sonst ja im Tagesgeschäft oft pflegte.

Ist dies mit Corona vergleichbar?
Die Verantwortung für die wirtschaftlichen Massnahmen wegen Corona sind ungleich grösser als diejenige beim Grounding der Swissair. Umgekehrt ist die psychische Belastung angesichts von 14 Ermordeten in einem Schweizer Parlament unmittelbarer, konkreter und heftiger als beim Managen der Fallzahlen einer Pandemie. Ein Vergleich ist also nicht wirklich möglich.

Es gibt verschiedene Arten, eine Krise zu bewältigen, wie wir sie erleben: mit Resignation oder Pragmatismus. Zu welchem Typ gehören Sie?
Ich beobachte interessiert. Ich bin nicht mehr Bundesrat und stelle keine rechtlichen oder moralischen Regeln auf, wie sich andere verhalten sollen. Ich bin in einer neuen Rolle und nehme jetzt Anweisungen entgegen.



Das ausführliche Interview mit Moritz Leuenberger ist in der aktuellen Printausgabe von persönlich erschienen. Darin spricht er eingehend über die Coronakrise, aber auch über Religion und seine Rolle als Gastgeber der «Bernhard Matinée».

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Gerne hätte persoenlich.com den 20. Geburtstag gefeiert, wie es sich für dieses Alter gehört: Mit einer rauschenden Party. Doch aufgrund der aktuellen Krise mussten die Pläne angepasst werden: Stattdessen kommen Exponenten, die personlich.com in den letzten 20 Jahren mitgeprägt haben, zu Wort. Hier finden Sie alle Beiträge.



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