06.07.2012

Erfolgreiche Frauen

Esther Girsberger

Als 37-Jährige wurde Esther Girsberger als erste und bisher einzige Frau Chefredaktorin des "Tages-Anzeigers". Im zehnten Teil unserer Serie "Erfolgreiche Frauen" spricht die bekannte Publizistin und Dozentin über Männer-Allianzen in der Tamedia-Konzernleitung und ihre späte Berufung als Mutter. Zum Interview:
Erfolgreiche Frauen: Esther Girsberger

Frau Girsberger, was beschäftigt Sie momentan?

Ich habe im Mai ein neues 50-Prozent-Amt übernommen, nämlich das Zentralpräsidium von "Forum elle", der Frauenorganisation der Migros. Diese Aufgabe beschäftigt mich intensiv. Es ist eine echte Herausforderung, den etwas überalterten Verein zu verjüngen. Ältere, langjährige Mitglieder dürfen nicht verärgert werden zugunsten von potentiellen jüngeren Frauen, die wir mit speziellen Angeboten ansprechen.

Sie arbeiten zudem als Moderatorin und Dozentin.

Ja, ich moderiere verschiedene Veranstaltungen und doziere an der ZHAW und an der HWZ. Daneben habe ich – wie viele andere Frauen – zahlreiche ehrenamtliche Ämter. Ich bin im Zentralvorstand der Helvetas, im Stiftungsrat der "Serata" und der Zewo und ich führe den Gönnerverein der Swiss Chamber Concerts. Daneben habe ich noch zwei relativ kleine Kinder von neun und sieben Jahren.

Welchen Beruf notieren Sie in Ihrer Steuererklärung?

Das weiss ich gar nicht so genau. "Publizistin" wahrscheinlich.

Womit verdienen Sie am meisten?

Tagungsmoderationen von Wirtschaftsevents oder Corporate-Publishing-Aufträge sind am einträglichsten. Aber mein Ehemann verdient ja auch, sodass es gut für die Familie reicht.

Aus finanziellen Gründen müssten Sie nicht arbeiten.

Würden wir unseren Lebensstandard heruntersetzen, kämen wir mit weniger Geld aus. Doch es geht ja nicht in erster Linie ums Geldverdienen. Es ist die intellektuelle Herausforderung, die mich neben meinem Dasein als Mutter zusätzlich fordert.

Ihre Karriere verlief sehr steil. Nach dem Studium waren Sie Inlandredaktorin der NZZ, gingen dann zum "Berner Bund" und wurden mit 37 Jahren bereits Chefredaktorin des "Tages-Anzeigers". Warum ging es so rasch aufwärts?

Wie man so oft sagt: Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Damals, als ich in die Medienwelt einstieg, gab es sehr wenige Frauen im Journalismus – noch viel weniger als heute. Ich will damit nicht sagen, dass nur mein Geschlecht ausschlaggebend für meine Karriere war, doch dieses war mit Sicherheit ein wichtiger Punkt. Daneben bin ich neugierig, ehrgeizig und hatte einen Willen, mich in der männlich dominierten Berufswelt durchzusetzen.

Sie haben also vom Frauenbonus profitiert.

Mit Sicherheit auch, ja.

Sie waren zwei Jahre lang Chefredaktorin des "Tages-Anzeigers". Das ist keine lange Zeit.

Ja, das ist tatsächlich keine lange Zeit. Für meinen raschen Abgang gibt es zwei wesentliche Gründe. Erstens war ich damals nicht nur Chefredaktorin, sondern sass auch in der Geschäftsleitung von Tamedia. Diese Doppelfunktion gibt es heute nicht mehr – zu Recht. Denn diesen Spagat zu machen, ist fast unmöglich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Zu meiner Zeit wurde TV3 lanciert. Dieser Sender hatte einen ganz anderen Qualitätsanspruch als der "Tages-Anzeiger". Doch man erwartete von mir und den Journalisten konvergentes Arbeiten für beide Kanäle. In dieser Doppelfunktion trug ich zwei unterschiedliche Hüte: Einerseits sollte ich als Konzernleitungsmitglied möglichst kosteneffizient diesen TV-Sender mittragen, andererseits war es meine Hauptaufgabe, den Qualitätsanspruch des "Tages-Anzeigers" mindestens zu bewahren. Beides zusammen war ein Ding der Unmöglichkeit.

Der zweite Grund für meinen raschen Abgang liegt in der Situation als einzige Frau. Es gab weder innerhalb von Tamedia, noch extern andere Frauen mit ähnlicher publizistischer Führungsverantwortung. Das war extrem schwierig.

Warum war dies ein Problem?

Ich konnte mich mit niemandem austauschen.

Sie hätten sich doch auch mit Männern austauschen können.

Das ist nicht dasselbe. Frauen in Führungspositionen müssen anderen Ansprüchen gerecht werden als Männer in der gleichen Position. Frauen werden nicht neutral als Führungsperson betrachtet, sondern immer auch noch als Frau. Zudem gibt es Absprachen unter Männern und ungeschriebene Regeln, die uns Frauen weniger geläufig sind.

Können Sie ein Beispiel für solche Männer-Absprachen machen?

Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass man vor wichtigen Konzernleitungsentscheiden Allianzen bilden muss. Als es zum Beispiel bei einer Tamedia-Konzernleitungssitzung um den Entscheid ging, TV3 zu lancieren, ging ich vorbereitet in diese Sitzung, realisierte aber erst da, dass viele Absprachen bereits vorgängig gemacht wurden und diese Sitzung gar nicht mehr wirklich – wie ich angenommen hatte – zur Diskussion und Entscheidungsfindung diente.

Fehlende weibliche Gleichgesinnte und die Doppelrolle waren die Hauptgründe für Ihren raschen Abgang?

Hinzu kam, dass ich als erste Frau an der Spitze einer grossen politischen Tageszeitung permanent in der Öffentlichkeit stand, indem ich von den Kolleginnen und Kollegen anderer Medien dauernd kritisch beobachtet wurde. Das war nicht lustig.

Sie mochten es nicht, im Mittelpunkt zu stehen?

Ich musste ständig über mich selber lesen. Was ich angezogen hatte, wen ich traf, was ich trank und was ich ass: All das wurde stark beobachtet und kommentiert, viel stärker als dies bei Männern der Fall ist.

Haben Sie die damalige ständige Beobachtung zu persönlich genommen?

Vielleicht. Heute bin ich 13 Jahre älter, erfahrener und nehme alles viel gelassener.

Wie kam es schliesslich zum Abgang?

Ausschlaggebend war meine Kritik an einem "Facts"-Artikel über die angeblichen regelmässigen und exzessiven Bordellbesuche von Alt Bundesrat Kaspar Villiger. Dieser Text war ein reiner Thesenartikel, der bis heute nicht belegt worden ist. Für meinen harschen "Tagesanzeiger"-Kommentar zu diesen happigen Anschuldigen an die Adresse von Villiger wurde ich von der Tamedia-Konzernleitung nicht gestützt. Vielmehr beschied man mir, dass ich mich als Konzernleitungsmitglied nicht so pointiert gegen den Artikel eines anderen hauseigenen Produkts äussern könnte. Als Tagi-Chefredaktorin sah ich es geradezu als meine Pflicht an, diesen Kommentar zu schreiben.

Hierauf kündigten Sie.

Ja.

Und Sie gingen zu Novartis. Aber auch dort waren Sie nur kurz: vier Monate.

Ja, denn rückblickend hätte ich mir damals vor dem Stellenantritt eine Auszeit nehmen sollen. Ich war nicht bereit für diese ganz neue "Corporate World". Das realisierte ich und kündigte dann rasch wieder.

Heute würde man das ein "Burn out" nennen.

Ich war physisch und psychisch nicht fit genug, um diesen Seitenwechsel, der auch sehr anspruchsvoll war, mit voller Energie anzugehen.

Hätten Sie nicht gerne wieder eine so prestigeträchtige, verantwortungsvolle Stelle wie Kommunikationschefin oder Chefredaktorin?

Nein. Ehrlich gesagt gefällt mir meine Selbständigkeit viel zu gut. Klar, in Bezug auf Frauen und Diversity muss ich sagen: Ich bin auch eine dieser Verräterinnen, die sich selbständig gemacht hat, weil sich Beruf und Familie so viel besser vereinbaren lassen.

Sie arbeiten tatsächlich lieber selbstständig zu Hause, anstatt dass Sie eine Abteilung oder eine Redaktion führen?

Ja, die momentane Arbeitssituation ist derzeit die richtige für mich. Ich habe genügend Aufträge und kann meine Arbeit frei einteilen. Zugegebenermassen habe ich die Tagi-Redaktion sehr gerne geführt. Aber die gegenwärtige Situation in der Medienwelt verlockt mich gar nicht, wieder in eine Redaktion einzusteigen.

Sie sind "spätberufene Mutter", wie Sie von sich selber auf Ihrer Webseite schreiben.

Ich war über 42 Jahre alt, als ich Jonathan, mein erstes Kind bekam. Diese Formulierung "späte Berufung" kommt daher, dass ich Kindern gegenüber offen war, doch ich sagte mir: Nur mit dem richtigen Mann. Den richtigen Mann, also den richtigen Vater für meine Kinder, lernte ich sehr spät kennen.

Ihre beiden Kinder, Jonathan und Benjamin sind nun 7 und 9 Jahre alt. Wie vereinbaren Sie Familie und Beruf?

Es ist eine Frage des Geldes und der Organisation. Unsere Kinder gehen in eine öffentliche Tagesschule, zudem leisten wir uns anderthalb Tage eine Teilzeit-Haushälterin. Weil ich abends oft an Veranstaltungen moderiere und weil auch mein Mann Vollzeit arbeitet – er ist Chef eines Migros-Betriebs – braucht es eine gute Koordination. Wir sitzen jeden Sonntagabend mit unseren Agenden zusammen und planen die Woche. Weil die Jungs in der Tagesschule sind, wollen wir wenigstens am Abend versuchen, dass wenn nicht Vater und Mutter so zumindest der eine oder andere Elternteil zu Hause ist.

Sie sind in Zürich aufgewachsen, beide Elternteile waren Anwälte. Wie wurden Sie erzogen?

Meine Eltern hatten eine liberale Grundeinstellung. Zudem war Kultur wichtig und die Entwicklung unserer Eigenständigkeit. Meine Mutter praktizierte die Gleichstellung bereits ganz selbstverständlich. Sie arbeitete als Anwältin, steckte aber auch zurück, als meine beiden älteren Brüder und ich klein waren. Nie bekam ich zu hören, dass ich dann mal heiraten werde und dass somit meine Ausbildung unwichtig sei. Im Gegenteil: Dass ich eine gute Ausbildung mache und dann ins Berufsleben einsteige, wurde auch von mir erwartet. In meinem Elternhaus herrschte grosse Leistungsbezogenheit. Das kann ich nicht negieren.

Wenn Sie nun in die Zukunft blicken: Was würden Sie noch gerne tun?

Ich möchte genauso weitermachen, wie ich mein Leben momentan führe. Die Selbstständigkeit gefällt mir, zumal ich neben der vielseitigen Arbeit genügend Zeit für meine beiden Söhne habe. Später würde ich gerne wieder mehr reisen, obwohl wir auch jetzt jeweils mit den Kindern einmal jährlich eine etwas verrückte Reisen unternehmen. Wir fuhren beispielsweise über den Atlas in Marokko, waren im Iran und diesen Frühling in Madagaskar. Ich würde später gerne längere Zeit in einem Land verbringen, vor allem auch in den Ländern, in denen die Entwicklungsorganisation Helvetas präsent ist. Afghanistan, Mali oder Bhutan zum Beispiel. Dort die Projekte mitzuverfolgen und selber Hand anzulegen, das würde mich sehr reizen.

Interview: Edith Hollenstein

Lesen Sie auch die anderen, bereits publizierten Interviews unserer Serie "Erfolgreiche Frauen":

Andrea Hemmi, Leiterin Unternehmenskommunikation SRF; Nicole Althaus, Chefredaktorin von "wir eltern"; Regula Fecker, Partnerin bei der Werbeagentur Rod Kommunikation; Rita Flubacher, Ressortleiterin Wirtschaft beim Tagesanzeiger; Colette Gradwohl, Chefredaktorin beim "Landboten"; Jill Abramson, Chefredaktorin bei der "New York Times"; Nadine Borter, Inhaberin der Werbeagentur Contexta; Lis Borner, Chefredaktorin Schweizer Radio DRS; Karin Müller, Programmleiterin bei Radio 24.



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