01.07.2021

Studie der Uni Zürich

Frauen sind in Medien deutlich untervertreten

Nur jede vierte Person, über die in Schweizer Nachrichtenmedien berichtet wird, ist weiblich. Am wenigsten kommen Frauen in Sport und Wirtschaft vor, am meisten in Kultur und Human-Interest. Gemäss Fög ist der Gender Gap seit 2015 nahezu unverändert geblieben.
Studie der Uni Zürich: Frauen sind in Medien deutlich untervertreten
In der NZZ sind Frauen gemäss Fög-Studie am wenigsten präsent. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft Fög der Universität Zürich hat in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IKMZ) untersucht, wie Frauen in Schweizer Online- und Printmedien dargestellt werden. Die Resultate einer automatisierten Inhaltsanalyse auf Basis von 106’706 Medienbeiträgen zeigen, dass Frauen im Vergleich zu Männern in Schweizer Medien nach wie vor deutlich unterrepräsentiert sind, wie es in einer Mitteilung des Fög heisst.

Zwischen 2015 und 2020 stagniert die Anzahl Beiträge, in denen Frauen erwähnt werden, auf tiefem Niveau (durchschnittlicher Frauenanteil von 23 Prozent). Ein leicht höherer Wert wurde lediglich im Jahr 2019 gemessen (25 Prozent Frauenanteil), das geprägt war vom Frauenstreik und den eidgenössischen Wahlen. Dies deute darauf hin, dass sich das Engagement für Gleichstellung in der Gesellschaft auszahle, schreibt das Fög weiter. Diese positive Veränderung war jedoch nicht nachhaltig und verflüchtigte sich wieder im Jahr 2020.

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In den grossen Sprachregionen zeigen sich nur geringfügige Unterschiede. In Deutschschweizer Medien beträgt der Frauenanteil in der Berichterstattung 23 Prozent, in den Medien der französischen und der italienischen Schweiz jeweils 24 Prozent. Ebenfalls nur sehr geringe Unterschiede bestehen zwischen den Medientypen. Der Frauenanteil bewegt sich zwischen 22 Prozent bei den gedruckten Abonnementszeitungen und 26 Prozent bei den Online-Portalen der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG).

Der Frauenanteil hängt gemäss Studie stark vom Beitragsthema ab. Die geringsten Frauenanteile bestehen in Sport- (13 Prozent Frauenanteil) und Wirtschaftsnachrichten (17 Prozent Frauenanteil). Am höchsten sind sie bei Human-Interest-Themen (31 Prozent) und in der Kulturberichterstattung (27 Prozent). Die Politikberichterstattung liegt mit einem Frauenanteil von 23 Prozent im Durchschnitt. Es sind also die eher mit Männern assoziierten Themenbereiche Sport und Wirtschaft, die besonders tiefe Frauenanteile aufweisen. Im Kulturbereich oder in Soft-News aus dem Human-Interest-Bereich ist das Verhältnis hingegen etwas ausgeglichener, obwohl Männer auch hier dominieren.

Grössere Differenzen bei den einzelnen Medien

Deutlichere Unterschiede zeigen sich auf Ebene der einzelnen Medientitel, auch wenn der Gender Gap in allen untersuchten Medien besteht. Der Frauenanteil beträgt je nach Medium zwischen 19 und rund 29 Prozent. Die höchsten Frauenanteile weisen Die Wochenzeitung WoZ (29 Prozent), rts.ch (27 Prozent) und blick.ch (26 Prozent) auf. In der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) (19 Prozent), watson.ch (20 Prozent) und Der Bund (20 Prozent) sind Frauen am wenigsten präsent. Das thematische Profil der Medien bestimme mit, wie ausgeprägt der Gender Gap ausfalle, heisst es weiter. Ein starker Fokus auf Wirtschaft oder Sport erhöhen diesen, eine grössere Gewichtung von Kultur oder Human-Interest-Themen haben einen weniger ausgeprägten Gender Gap zur Folge.

Auch das Beitragsformat spielt eine Rolle: Die Präsenz von Frauen fällt doppelt so hoch aus bei der redaktionellen Berichterstattung als bei Medienbeiträgen, die auf Agenturmeldungen basieren. Wenn also Journalistinnen und Journalisten Beiträge selbst schreiben, wird die Medienpräsenz von Frauen positiv beeinflusst. Vermutlich kann in der redaktionellen Berichterstattung die Wahl von Quellen oder die Thematisierung von Akteurinnen und Akteuren eher gesteuert werden als bei der Verarbeitung von Agenturmeldungen. Das deckt sich mit dem Befund, dass Frauen bei personenzentrierten Formaten präsenter sind als in Berichten und Meldungen.

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Zusätzlich haben die Autorinnen und Autoren der Studie in einer vertiefenden manuellen Analyse untersucht, wie und in welchem Kontext über Frauen im Jahr 2020 berichtet wird. Es zeigt sich: Frauen werden im Vergleich zu Männern seltener in beruflichen und öffentlichen Kontexten dargestellt (24 Prozent Frauenanteil, 76 Prozent Männeranteil). Wenn über Privates berichtet wird, ist der Gender Gap weniger ausgeprägt (33 Prozent Frauenanteil, 67 Prozent Männeranteil). Nur rund 21 Prozent aller sichtbaren Sprecherinnen und Sprecher von Organisationen und 23 Prozent aller Expertinnen und Experten in der Medienberichterstattung sind weiblich. Bei Personen, die Führungsverantwortung tragen und in ihrer Leitungsfunktion sprechen, sind Frauen besonders stark unterrepräsentiert.

Ungleichheiten minimieren

Die aktuelle Repräsentation von Frauen in Schweizer Nachrichtenmedien sei klar ungenügend, schreibt das Fög weiter. Gerade für eine Demokratie sei es wichtig, dass sich alle gesellschaftlichen Gruppen mit ihren verschiedenen Stimmen in den öffentlichen Diskurs einbringen können. «Die starke Unterrepräsentation von Frauen in Schweizer Medien ist ein Ergebnis von bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und journalistischen Routinen. Die Medien sind gefordert, zukünftig für eine ausbalanciertere Berichterstattung zu sorgen, Frauen vermehrt als Expertinnen, Sprecherinnen und Führungspersonen zu Wort kommen zu lassen und damit zu einem Abbau gesellschaftlicher Ungleichheiten beizutragen», wird Studienleiterin Lisa Schwaiger in der Mitteilung zitiert. Die Ergebnisse legen nahe, dass es dafür vor allem eine Stärkung journalistischer Recherche und entsprechende Ressourcen braucht.

Die Studie und deren Vermittlung wurden von Alliance F/Stiftung Mercator Schweiz, Migros Kulturprozent, NZZ, Post CH AG, SRG SSR sowie aus Eigenmitteln des IKMZ/fög finanziert. (pd/lom)



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