27.02.2020

Keystone-SDA

«Früher musste man deutlich mehr ellbögeln»

Fast jeder Journalist kennt ihn: Seit 33 Jahren fotografiert Walter Bieri für Keystone-SDA. Am Sonntag hat der Pressefotograf seinen letzten Arbeitstag. Wie hat sich seine Arbeit verändert? Der 65-jährige Stadtzürcher Autodidakt über Filme, Filmstars und Fusionen.
Keystone-SDA: «Früher musste man deutlich mehr ellbögeln»
Dieses Feature-Bild zur taumelnden UBS, gespiegelt in der Sihl und 2009 fotografiert von Walter Bieri, schaffte es auf die Front der International Herald Tribune. (Bilder: Walter Bieri)
von Christian Beck

Herr Bieri, am Sonntag werden Sie bei Keystone-SDA pensioniert. Was machen Sie am Tag danach?
Ich habe ja noch eine junge Familie mit zwei Töchtern (8 und 11, Anm. der Red.). Am Montag ist mein Kinderhütetag. Also, alles wie immer (lacht).

Welches wird Ihr letztes Bild?
Mein letztes Bild wird im Hallenstadion Zürich sein, ZSC gegen EV Zug – am Samstagabend.

Und am Sonntag?
Am Sonntag gehe ich nur noch meinen Kasten räumen (lacht).

Seit 33 Jahren sind Sie als Keystone-Pressefotograf unterwegs. Wie viele Bilder sind da zusammengekommen?
Das weiss ich nicht. Tausende. Der legendäre Magnum-Fotograf Henri Cartier-Bresson sagte einst: Jeder Fotograf, der mehr als drei Bilder pro Jahr macht, ist kein Fotograf. Bei ihm war jedes Bild ein Meisterwerk. Bei uns Pressefotografen kommt an all den Fussball- und Hockeymatches einiges an Material zusammen. Eine Zeitung schreibt vielleicht über eine bestimmte Szene, die fotografisch vielleicht nicht so wertvoll ist – aber genau deshalb müssen wir ein grosses Angebot liefern.

Auf welches Bild sind Sie besonders stolz?
(Überlegt lange.) Es war kein Wahnsinns-Super-Bild, aber die Geschichte zum Bild berührte mich emotional. Schon als Teenager war ich Fan eines Musikers. Es kam mir nicht im Traum in den Sinn, dass ich x Jahre später mit diesem Menschen, einem Weltmusiker, je zu tun haben werde. Ich musste mit diesem Musiker, wie es üblich ist, einen Vertrag unterzeichnen. Und da stand mein Name auf dem gleichen Papier wie sein Name: Sir Paul McCartney.

Und diesen Vertrag haben Sie nun eingerahmt?
Tatsächlich hat mir der Manager den Vertrag geschenkt.

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Gibt es auch ein Bild, für welches Sie sich heute schämen?
Ja, da gab es einige davon. Ich muss aber sagen: Früher waren wir Fotografen weniger selbstständig als heute. Wir gingen fotografieren, lieferten die Filme ab und der Chefredaktor wählte aus. Wir hatten da gar nichts zu sagen. Heute, durch die ganze Digitalisierung, bin ich extern und entscheide selber, welche Bilder ich gut finde und übermittle. Dadurch habe ich auch mehr Verantwortung.

Bleiben wir bei den schlechten Bildern …
Teilweise, wenn heute ein Uraltbild aus dem Archiv ausgegraben wird, kann es schon vorkommen, dass ich da nicht mehr dazu stehe. Verrückt ist ja: Es gab ja früher auch viel mehr Fotografen auf Platz. Da hatte alleine der Tagi fünf, sechs Fotografen. Das war immer ein grosser Konkurrenzkampf. Da musste man deutlich mehr ellbögeln. Das wäre heute nicht mehr möglich. Heute bin ich teilweise alleine an einem Anlass – da hat man mehr Zeit für gute Bilder.

Und wie ist da jeweils die Zusammenarbeit mit der schreibenden Gilde?
Die ist positiv. Wir arbeiten ja irgendwie alle zusammen. Es ist immer gut, wenn man sich untereinander kennt. Da kann man auch mal was fragen. Ich weiss beispielsweise in der Wirtschaft nicht immer so gut Bescheid, da kann ich einfach mal einen Journalisten fragen, um was es hier genau geht und wer die wichtigen Personen sind. Oder ich muss oft ins Kunsthaus. Ich gebe offen und ehrlich zu: Manchmal weiss ich nicht, ob der Künstler, um den es geht, überhaupt noch lebt (lacht).

«Wenn man vor jemandem knien muss, ist man entweder Fotograf oder Pfarrer»

Ich kenne Sie ja als denjenigen, der an Medienkonferenzen zwischen schreibenden Journalisten und den referierenden Experten am Boden rumkriecht, stets auf der Suche nach dem perfekten Bild. Wie sehen Ihre Knie aus?
(Lacht und zeigt auf seine Knie.) Sie sehen es ja. Ich pflege stets zu sagen: Wenn man vor jemandem knien muss, ist man entweder Fotograf oder Pfarrer (lacht). Das hat natürlich damit zu tun, dass ich die Leute nicht stören will. Einfach vor die Referierenden zu stehen, gehört sich nicht.

Waren aber Medienkonferenzen nicht eher ein notwendiges Übel? Wirklich kreativ kann man da ja nicht werden.
Man kann immer irgendwo versuchen, etwas anders zu machen. Ich höre viel von Bern, wo die Medienkonferenzen immer im gleichen Saal durchgeführt werden, dass es manchmal schwierig ist, neue Ideen zu kreieren. Am Schlimmsten sind Flaschen, die auf dem Tisch stehen – die muss ich jeweils zuerst wegräumen …

… oder übergrosse Namensschilder …
… ja, die können auch störend sein. Bei uns ist es so: Ich muss bereits beim Fotografieren die Namenstäfeli wegschneiden. Ich darf danach nichts wegretuschieren, das wäre Fotomontage. Da würde die Glaubwürdigkeit leiden. Bei uns ist die Latte sehr hoch: Da wird nichts an den Bildern manipuliert, mit Ausnahme von Ausschnitt, Kontrast, Schärfe und Farbe.

In einem Porträt über Sie, das kürzlich im Tages-Anzeiger erschien, gestanden Sie, manchmal auch Tricks anzuwenden. Welches ist Ihr Lieblingstrick?
Meistens entscheide ich spontan, was angebracht ist. Einmal kamen Brad Pitt und Angelina Jolie ans WEF. Ich wurde zu einem Hotel geschickt und wartete dort, bis ein Auto ankam – mit Brad Pitt. Als er ausstieg, fotografierte ich «wie en Pickte». Irgendwann sagte mir jemand, dass die Frau daneben nicht Angelina Jolie sei. Ich sah sie ja noch nie live. Die Frau mit der mega Sonnenbrille war bloss die Managerin.

Und dann?
Wir wussten, Jolie müsste bereits im Hotel sein – sie hatten aber noch keine Lust auf Medien. Es wurden deshalb Autos vor dem Hoteleingang parkiert, damit wir nicht sehen, wenn Pitt und Jolie rauskommen. Wie es immer so ist in den Bergen, erbarmte sich eine ältere Frau vis-à-vis mit uns Fotografen in der Kälte und bat uns in ihr Haus zu Kaffee und Kuchen. Wir standen also auf dem Balkon gegenüber des Hotels. Als wir sahen, dass nun etwas passieren könnte, versteckten wir uns hinter einer Mauer. Durch einen Spalt sah ich, dass die Stars das Hotel verliessen, ich juckte hoch wie ein Sputnik und rief laut: «Hi, Brad.» Er schaute zu mir hoch und ich hatte mein Bild (lacht).

«Das war eine schöne Zeit»

Inwiefern hat sich eigentlich die Arbeit als Pressefotograf verändert während Ihrer Karriere?
Massiv. Heute muss ich manchmal noch Videos liefern, auch wenn das nicht gerade zu meiner Lieblingsbeschäftigung gehört. Wir haben zwar ein eigenes Videoteam mit rund fünf Leuten. Gleichzeitig sind wir 18, 20 Fotografen. Da müssen wir manchmal aushelfen. Video wird immer mehr verlangt, das hat extrem zugenommen.

Fotografierten Sie früher bewusster, als Sie noch Filme einlegen und nach 36 Bildern wieder wechseln mussten?
(Überlegt lange.) Glaube ich nicht. Eine Zeit lang fotografierte ich tatsächlich viel bewusster: Als ich zwei Jahre bei der SonntagsZeitung arbeitete, war ich viel mit einer Hasselblad unterwegs – da hatte man Zwölferfilme, kein Belichtungsmesser und nichts. Das war eine schöne Zeit.

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Mit einer Mittelformatkamera wie der Hasselblad würden Sie aber nicht an einen Fussballmatch …
(Lacht.) Definitiv nicht. Aber früher, als ich bei Keystone begann, fotografierten wir noch mit Rolleiflex. Da stellte ich an einem Handballmatch die Schärfe auf drei bis sechs Meter und benutzte den Stabblitz Metz 45 CT – einmal blitzen, und der Handballer flog zehn Meter weg (lacht). Die Bilder waren danach im Hintergrund rabenschwarz. Das macht heute niemand mehr so.

Brachten Digitalkameras für Sie eher Vor- oder Nachteile?
Sie haben brutale Vorteile gebracht. Auch wenn alle Nostalgiker sagen: Weisst du noch? Aber schauen Sie sich heute die Daten an, welche ein digitales Bild liefert. Das brachte man analog einfach nicht hin. Früher mussten wir nach einer halben Stunde Fussballmatch zurückfahren, Filme entwickeln, Prints vergrössern. Niemand will diese Zeit zurück.

«Ich erlebte ja schon einige Hochzeiten mit»

Apropos Vor- oder Nachteil: Wie beurteilen Sie den Zusammenschluss von Keystone und der SDA?
Das war für Keystone ein massiver Einschnitt. Trotz vielen Änderungen: Unter den Fotografen, im sogenannten Keystone-Team, ist es so wie immer. Ich erlebte ja schon einige Hochzeiten mit. Irgendwann stand jeweils einer hin und sagte, er hätte jetzt die Firma gekauft. Aber, ja (lange Pause) … das mit dieser SDA … ich weiss gar nicht, was ich da sagen soll.

Im Geschäft sind Sie vermutlich eh selten …
Ja, häufig liefere ich von unterwegs, habe aber auch zu Hause eine gute Infrastruktur.

Nun werden Sie pensioniert, denken aber trotzdem nicht ans Aufhören. Sie wollen Freelancer werden. Warum ist Briefmarkensammeln keine Alternative?
Das interessiert mich nun wirklich nicht. Ich fotografierte immer sehr gerne. Sicher gab es Momente, in denen es mir auch mal «gstunke» hat. Aber ich verspüre gegenüber Keystone eine gewisse Dankbarkeit. Die Firma hat mir unglaublich viel ermöglicht: Ich war an den Olympischen Spielen, an Europa- und Weltmeisterschaften, in Atomkraftwerken … Ich persönlich finde, dass der Job als Agenturfotograf bei Keystone einer der spannendsten Jobs der ganzen Schweizer Medienbranche überhaupt ist. Es gibt kaum etwas Vielfältigeres.

Wann werden Sie diese Vielfältigkeit in einer Ausstellung zeigen?
Das glaube ich eher nicht. Ich stehe selber nicht gerne in der Öffentlichkeit. Ich stehe auch nicht gerne auf einer Bühne. Ich war stets unten an der Bühne und fotografierte diejenigen Leute, die darauf standen. Ich füllte jahrelang die Schweizer Zeitungen mit meinen Bildern ab. Das ist meine Ausstellung.



«persönlich» zeigt in der März-Ausgabe eine Auswahl der besten Bilder von Walter Bieri.



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