21.05.2002

Comedia

GAV für Schweizer Verpackungsindustrie verlangt

Schwere Vorwürfe an die Baselbieter Regia-Gruppe.

Die Gewerkschaft Comedia kritisiert die Arbeitsbedingungen in der Verpackungsindustrie und verlangt einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für die Branche. Ins Visier genommen hat die Comedia namentlich die Baselbieter Regia-Gruppe. Dass die Comedia die Regia-Gruppe an den Pranger stellt, kommt nicht von ungefähr: Der Direktor der Gruppe, Angelo Eberle, ist zugleich Präsident des Verbands der Schweizer Druckindustrie (VSD). Auch gehört die Regia-Gruppe neben Model, Amcor Rentsch und Tetra Pack zu den grössten Verpackungsbetrieben der Schweiz.

"Mit unserer Attacke gegen die Regia-Gruppe wollen wir nicht nur ihre Unterstellung unter einen GAV erreichen, sondern auch die Position des VSD schwächen", machte Comedia-Zentralsekretärin Denise Chervet Marshall am Dienstag an einer Medienkonferenz in Bern deutlich.

Schlechtere Arbeitsbedingungen

Die Comedia fuhr mit schwerem Geschütz gegen die Regia-Gruppe auf: Die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich kontinuierlich, sagte Comedia-Regionalsekretärin Isabella Lauper. Das Personal werde autoritär behandelt. Dies führe zu immer mehr Kündigungen. Konkret wirft die Comedia dem Unternehmen unter anderem vor, Sonntagsarbeit anzuordnen, ohne jedoch über die entsprechenden Bewillligungen zu verfügen. Damit verstosse die Regia-Gruppe gegen das Arbeitsgesetz. Darüber hinaus seien die Schichtzulagen für Nachtarbeit auf 50 Prozent halbiert worden.

Im Regia-Betrieb Wassermann gehöre die Leistung von Überstunden zum normalen Arbeitstag, sagte Lauper. So gebe es Angestellte, die bis heute zwischen 200 und 300 Überstunden auf ihren Zeitkonten hätten. Diese müssten ausbezahlt oder kompensiert werden, denn das Arbeitsgesetz erlaube nicht mehr als 170 Überstunden.

Streiks führten nicht zum Ziel

Wegen dieser Vorwürfe war bereits Ende Februar in der Druckerei Wassermann AG in Reinach und Therwil sowie in der Verpackungsfirma Allpack AG in Reinach gestreikt worden. Laut Comedia hatten sich rund 125 von insgesamt 150 Angestellten am eintägigen Warnstreik beteiligt. Der Streik führte allerdings nicht zum Ziel. Die Comedia wollte die Arbeitgeber an den Verhandlungstisch zwingen. Noch vor den Sommerferien sollten GAV-Verhandlungen aufgenommen werden, hatte die Gewerkschaft damals angekündigt. Die Regia-Gruppe trat bislang aber nicht auf diese Forderung ein.

Immerhin sei es der Comedia dank des Streiks gelungen, rund zwanzig neue Mitglieder zu rekrutieren, sagte Regionalsekretär Hansjörg Bartholdi. Die Wassermann- und Allpack-Belegschaft sei aber von der Geschäftsleitung eingeschüchtert und aufgefordert worden, die Gewerkschaft wieder zu verlassen.

Verpackungsbranche im Umbruch

Die Regia-Gruppe ist für die Comedia nur ein Beispiel für eine Entwicklung, die sich in der gesamten Verpackungsindustrie zeige. Nicht in allen, aber doch in vielen Betrieben leide das Personal unter den Arbeitsbedingungen. Wegen des Strukturwandels blickten die Angestellten in eine unsichere Zukunft, sagte Chervet. Ein GAV wäre daher ein "minimaler Schutz für die Beschäftigten". Bei ihrer Forderung nach einem GAV beruft sich die Comedia auch auf internationale Übereinkommen, die die Schweiz unterzeichnet hat, wie Zentralpräsident Christian Tirefort sagte.


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