29.04.2008

"Gegen eine reine Mantellösung würde ich mich wehren"

Letzten Samstag ist der "Bund" in die Räumlichkeiten der "Berner Zeitung" am Dammweg gezogen. Folgt auf die geografische Zusammenlegung der Zeitungen auch eine redaktionelle? Laut "Bund"-Chefredaktor Artur K. Vogel sind solche Befürchtungen aus der Luft gegriffen: "Wir versuchen, uns klar von der 'BZ' abzugrenzen", erklärt er im Interview mit "persoenlich.com" und übt scharfe Kritik an Medien, die anderslautende Berichte publizierten.
"Gegen eine reine Mantellösung würde ich mich wehren"

Herr Vogel, am Samstag ist Ihre Redaktion in die Räumlichkeiten der "Berner Zeitung" gezügelt. Mit welchen Gefühlen ziehen Sie ins neue Medienhaus ein?

Für mich ist der Umzug nicht mit Emotionen verbunden. Ich stelle aber einen negativen Aspekt fest: Wir liegen nicht mehr so nahe am Bahnhof -- was für uns ein Nachteil ist. Die Räumlichkeiten hier am Dammweg sind dafür besser auf die Bedürfnisse einer Redaktion zugeschnitten, als sie es am Bubenbergplatz waren.

Befürchten Sie nicht, dass nun eine schrittweise Abschaffung der redaktionellen Eigenständigkeit des "Bund" einsetzt?

Bei Edipresse in Lausanne werden seit Jahren in den gleichen Räumen "24 heures" und "Le Matin" produziert. Dies hat in keiner Weise zu einer Annäherung der beiden Redaktionen geführt. Ganz im Gegenteil. Diese Befürchtungen sind also aus der Luft gegriffen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass eine Zusammenlegung stattfinden sollte. Schliesslich versuchen nicht nur wir uns, von der "BZ" abzugrenzen, sondern auch die "BZ" uns gegenüber.

"BZ" und "Bund" teilen sich bereits das Sportressort. Eine Ausweitung der redaktionellen Zusammenarbeit liegt damit doch auf der Hand.

Nein, das stimmt nicht. Das Berner Modell funktioniert nur, wenn "BZ" und "Bund" zwei klar voneinander unterscheidbare Zeitungen bleiben.

Tamedia-CEO Martin Kall hat sich in der Vergangenheit nicht bedingungslos für das Berner Modell ausgesprochen. Nur wenn die publizistische und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit stimmen, will er es fortsetzen. Zugleich bezeichnete er das ausgeglichene Ergebnis des "Bund" als "nicht nachhaltig". Kann der Bund, so wie er jetzt aufgestellt ist, denn längerfristig überhaupt rentabel sein?

Herr Kall hat auch gesagt, dass die Situation aller Bezahlzeitungen der Tamedia in der zweiten Hälfte 2008 überprüft wird. Ich gehe deshalb davon aus, dass es zu bestimmten Kooperationen unter bestimmten Tamedia-Produkten kommen wird. Wie diese Zusammenarbeit aussehen wird, und zwischen welchen Zeitungen sie stattfindet, weiss ich nicht. Das müssen wir zuerst herausfinden.

Laut "Sonntag" ist es ein Szenario der Tamedia, dass der Bund in absehbarer Zeit vollständig in der "Berner Zeitung" aufgehen soll…

(unterbricht) Es geistern unendlich viele Gerüchte herum. Ich halte es für journalistisch extrem unsauber, wenn in gewissen Medien, zum Beispiel in der Zeitung "Sonntag", solche Gerüchte als Tatsachen verkauft werden.

Wie stark sind Sie und Ihre Redaktion überhaupt in die Weiterentwicklung des Berner Modells involviert: Haben Sie ein Mitspracherecht -- oder wird alles von Zürich aus diktiert?

Ich habe mit der Tamedia-Führung -- namentlich mit Herrn Kall und Herrn Supino -- zahlreiche Gespräche geführt, ebenso wie mit den verantwortlichen Personen der Espace Media. Ich hoffe, dass der "Bund" in den entsprechenden Arbeitsgruppen -- wenn sie denn gegründet werden -- adäquat vertreten sein wird.

Als noch die "NZZ" Gruppe am "Bund" beteiligt war, beklagten sie gegenüber "persoenlich.com", dass unter den Zeitungen kaum Synergien genutzt würden. Hat sich dies geändert, seit die Tamedia alleinige Besitzerin des "Bund" ist?

Ich habe bei der Tamedia kompetente und interessierte Gesprächspartner, und ich bin sehr froh darüber.

Wo sähen Sie denn Möglichkeiten zur Nutzung von Synergien in publizistischer Hinsicht?

Leider kann ich diese Frage noch nicht beantworten, denn sie kommt Monate zu früh. Wir müssen erst einmal abklären, was bei den Gesprächen in den Arbeitsgruppen herauskommt, die in der zweiten Hälfte 2008 stattfinden werden.

Anders gefragt: Wie würden Sie einer Zusammenlegung der Ausland-, Inland-, und Wirtschaftsressorts von "Bund" und "BZ" gegenüber stehen?

Mein vorrangiges Ziel ist es, die Existenz der Traditionszeitung "Der Bund" zu garantieren, nach Möglichkeit für weitere 159 Jahre. Wenn gewisse Konzessionen für das längerfristige Überleben der Zeitung nötig sind, und wenn diese nicht an die Substanz der Zeitung gehen, dann bin ich selbstverständlich bereit zu kooperieren.

Sie werden also nicht stur für eine redaktionelle Eigenständigkeit des "Bund" kämpfen?

Doch, auf der redaktionellen Eigenständigkeit werde ich beharren. Will die Zeitung eine eigenständige Stimme in der Schweizer Medienszene bleiben, muss sie insbesondere ihre gesamte Analyse- und Kommentarfähigkeit behalten. Ich würde mich daher ganz sicher gegen eine reine Mantellösung wehren. Diese steht aber auch nicht zur Diskussion.

Der "Bund" musste in den vergangenen Jahren Sparübung über Sparübung über sich ergehen lassen. Sind Sie mit dem Status quo trotzdem zufrieden. Lässt sich Ihrer Ansicht nach unter den gegebenen Umständen eine seriöse Zeitung machen?

Ja, mit dem bestehenden Team auf jeden Fall.

Wagen Sie doch für uns zum Schluss noch eine Prognose: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass beim "Bund" in einem Jahr noch alles beim Alten geblieben ist -- und Sie weiterhin der Redaktion vorstehen?

Über meine Zukunft kann ich nicht entscheiden. Diese Frage müssten sie also der Tamedia-Führung stellen. Ansonsten kann ich mich nur wiederholen: Ich hoffe, dass der "Bund" auch in einem Jahr -- und auch noch in zehn Jahren -- eine eigenständige publizistische Stimme in der Schweizer Zeitungslandschaft bleiben wird.

(Interview: David Vonplon)


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