Der Berufsverband Impressum und die Mediengewerkschaft Syndicom bleiben hartnäckig: Sie fordern dringend einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für die Deutschschweiz und das Tessin, für Presse und Online.
Geschäftsmodell auf Kosten der Journalisten
Impressum und Syndicom beanstanden systematische Arbeitsüberlastung und Tempodruck. Oftmals müssten Redaktoren zwei oder mehr Artikel pro Tag schreiben und gleichzeitig Web-Teaser und Bild- oder Videomaterial liefern. Dabei würde das Gesetz, namentlich die Ruhezeitvorschriften, nicht eingehalten und eine gesunde Work-Life-Balance sei unmöglich. "Die Überarbeitung der Journalisten wurde zum Geschäftsmodell der Verlage", sagte Impressum-Geschäftsführer Urs Thalmann am Donnerstag an einer eigenen, kurzfristig einberufenen Medienkonferenz vor Beginn des Medienkongresses in Interlaken.
Im letzten Januar haben Syndicom und Impressum beim Arbeitsinspektorat Anzeigen gegen die drei Medienhäuser Tamedia, Ringier und NZZ eingereicht. Weitere Verlagshäuser könnten ins Visier genommen werden, stellte Thalman in Aussicht.
Klagen im Zusammenhang mit dem GAV
Die Verbände machten zudem deutlich, dass die Klagen wegen fehlender Arbeitserfassung in einem grösseren Zusammenhang stehen. Ziel sei es, auch für die Deutschschweiz und das Tessin einen Gesamtarbeitsvertrag zu erreichen. "Ein Arbeitserfassungssystem ist nur ein Teil einer umfassenden sozialpartnerschaftlichen Lösung", sagte Syndicom-Zentralsekretärin Stephanie Vonarburg anlässlich der Gegenveranstaltung. Sie schlug vor, als Modell den bereits bestehenden und auf Deutsch übersetzten GAV der Westschweiz zu verwenden. Dieser könnte in den Verhandlungen zwischen dem Verband Schweizer Medien und den Gewerkschaften sozusagen als Vorlage dienen.
Verleger nehmen es gelassen
Ob es tatsächlich zu GAV-Verhandlungen kommen wird, ist keineswegs klar. Dass der Verband Schweizer Medien wenig Handlungsbedarf sieht, signalisierte die neue Direktorin Verena Vonarburg in einem Interview mit persoenlich.com bereits im Vorfeld des Kongresses: "Momentan reden wir mit den Gewerkschaften nur über die Arbeitszeiterfassung und über nichts anderes. Es kann nicht sein, dass man über die Arbeitszeiterfassungsgeschichte anschliessend versucht, einen GAV auszuhandeln (persoenlich.com berichtete).
Ähnlich die Haltung von Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument. Er sagte anlässlich der offiziellen Medienkonferenz zum Verlegerkongress in Interlaken, das Thema Arbeitszeit habe nicht erste Priorität. Man sei bereit, mit den Gewerkschaften über das Thema Arbeitserfassung Gespräche zu führen und sei auch daran, ein Arbeitserfassungssystem zu testen.
Dass ihre Einladung, einen Schritt Richtung Sozialpartnerschaft zu tun, von den Verlegern nicht gehört wurde, enttäuscht Impressum und Syndicom: "An der Mitgliederversammlung wurden weder die Sozialpartnerschaft noch der Gesamtarbeitsvertrag diskutiert. Keine Verlegerin, kein Verleger hat sich dazu zu Wort gemeldet." (sda/eh)

