Papierausgaben würden auf lange Sicht wohl aussterben, die Titel hingegen nicht. sagt Emily Bell in einem Interview in "Das Magazin" mit Michael Marti, Mitglied der Chefredaktion des "Tages-Anzeigers" und Leiter Digital und Newsnet.
Emily Bell war verantwortlich für die digitale Strategie des "Guardian" und lehrt heute als Professorin an der Columbia University Graduate School of Journalism in New York. Zudem leitet sie das dortige Tow Center for Digital Journalism.
Website ist nur noch ein grosses Archiv
Wolle ein Titel nicht aussterben, müsse er seine Strategie gewaltig überdenken. Gemäss Bell seien Social Media-Plattformen matchentscheidend: "Die Plattform für die Breaking News sind die Push-Meldungen auf dem Bildschirm der Smartwatch oder des Smartphones. Die tagesaktuellen Storys publizieren sie – reichweitenoptimiert – im Facebook-News-Feed. Und ja, sie haben noch eine eigene Website, aber die ist eigentlich nur noch ein grosses Archiv."
Bell führt Buzzfeed mit seinem sogenannten "Optimisation Desk" als funktionierendes Beispiel ins Feld. Dort sitzen Spezialisten, welche die Artikel für die Distribution in den sozialen Medien anpassen und den Redaktoren zeigen, wie sie Überschriften zu texten haben, damit eine Story möglichst oft mit anderen Nutzern geteilt und geliket wird.
Michael Marti entgegnet daraufhin, dass beispielweise beim "Tages-Anzeiger" nur ein geringer Teil der Leser über Facebook erreicht würden. "Das mag für Ihre alten Leserinnen und Leser gelten, die über 50-Jährigen.“
Aber Medientitel, welche die nächsten zehn Jahre überstehen wollen, müssen ein junges Publikum anziehen, sagt Bell. "In den USA beziehen bereits 40 Prozent der Erwachsenen Nachrichten über Facebook. Ja, Sie können hoffen, dass ausgerechnet in der Schweiz diese Entwicklung nicht stattfinden wird. Aber wahrscheinlich ist diese Annahme nicht."
Redaktionen müssen effizienter arbeiten
Im Verhältnis zur Rendite seien heutige Redaktionen zu gross. Gerade digitale Neugründungen hätten bewiesen, dass man im Netz – eben unter Ausnützung von Netzwerkeffekten – mit weit weniger Personal grosse Reichweiten erreichen kann.
Zudem müsse eine Redaktion ganz anders zusammengestellt werden: "Das Verhältnis von Schreibern und Technikern, Digitalexperten muss 1 : 1 sein", so Bell.
Diese Transformationsphase sei zwar schmerzhaft. Aber gleichzeitig zeichne sich immer klarer ab, dass dies der Anfang einer neuen Ära sei: "Ganz neue Marktspieler treten auf, jetzt bringen sich Organisationen in Stellung, die die nächsten 100 Jahre Medien- und Journalismusgeschichte prägen werden." (lcv)
Bild: The Guardian

