30.10.2023

NZZ

Harsche Medienkritik von Simon Bergmann

Deutschlands bekanntester Medienanwalt nimmt Stellung zu den Fällen Lindemann und Canonica und kritisiert die Verdachtsberichterstattung der deutschen Medien. Der Rammstein-Sänger und der ehemalige Magazin-Chefredaktor zählen, respektive zählten, zu seinen Klienten.
NZZ: Harsche Medienkritik von Simon Bergmann
Die Ermittlungen gegen ihn wurden zwischenzeitlich eingestellt: Rammstein-Sänger Till Lindemann. (Bild: Keystone/DPA/Malte Krudewig)

Simon Bergmann, Deutschlands bekanntester Medienanwalt, nimmt in der Montagsausgabe der NZZ ausführlich Stellung zum Fall des Rammstein-Sängers Till Lindemann, den er gegen MeToo-Vorwürfe verteidigte. Zudem vertrat er auch andere Mandanten, wie den ehemaligen Chefredaktor von Das Magazin, Finn Canonica. Laut Bergmann bringe man einen Vergewaltigungsvorwurf nicht mehr los, der Verdacht bleibe hängen. Gleichzeitig werde das Vertrauen in die Medien nach jedem verlorenen Prozess geschwächt. So sei bei Lindemann der Verdacht, dass K.-o.-Tropfen verabreicht wurden oder dass es zu einer Vergewaltigung kam, nicht haltbar.

Die Presse habe in ihrer Berichterstattung gegen die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung verstossen. «Wer über einen Verdachtsfall berichtet», so Bergmann, «muss die journalistischen Sorgfaltspflichten einhalten. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.» Journalisten, so der bekannte Medienanwalt, seien keine Psychologen und können eine vermeintlich glaubhafte Aussage einer Frau, nicht mit dem nötigen Sachverstand einschätzen. Die Ermittlungen gegen Till Lindemann wurden zwischenzeitlich eingestellt.

Fall Canonica auch ein «Skandal»

Im NZZ-Interview nahm Bergmann auch Stellung zu Finn Canonica, den er kurzzeitig vertrat. Dieser Fall sorgte im Frühjahr in der Schweiz für grosses Aufsehen, nachdem ihm seine ehemalige Arbeitskollegin Anuschka Roshani im Spiegel Sexismus, Mobbing und Machtmissbrauch vorgeworfen hatte. Roger Schawinski publizierte dazu kurz danach das viel beachtete Buch «Anuschka und Finn». Bergmann bestätigt in der NZZ, dass sein ehemaliger Mandant Canonica die Zusammenarbeit aus finanziellen und psychischen Gründen beendet habe. Für Bergmann ist dieser Fall ebenfalls «ein Skandal».

Nicht alle Mandanten könnten es sich leisten, vom Spiegel durch die Instanzen getrieben zu werden, so Bergmann. «Bei Lindemann habe ich eine volle Kriegskasse, was bedeutet, dass wir uns vom «Spiegel» nicht einschüchtern lassen müssen oder von den Medien nach dem Motto: bloss nicht zu viel Geld ausgeben. Wir müssen nicht befürchten, dass am Ende kein Geld mehr da ist und wir deswegen den Prozess verlieren. Aber nicht alle meine Mandanten sind Millionäre», so Bergmann abschliessend. (ma)



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