05.05.2021

World Press Photo Award

«Ich bin lieber hinter statt vor der Kamera»

Er hat die Krise im eigenen Land fotografiert und ist dafür ausgezeichnet worden: Im Interview spricht der langjährige Basler Fotograf Roland Schmid über den plötzlichen Rummel um seine Person, die Liebe am Grenzzaun und die Pressefotografie in Zeiten von Corona.
World Press Photo Award: «Ich bin lieber hinter statt vor der Kamera»
«Meine Bilder werden nicht teurer», sagt Fotograf Roland Schmid. (Bild: Helmut Wachter)
von Marion Loher

Herr Schmid, der Rummel um Sie war bereits bei der Nomination für den World Press Photo Award gross. Wie ist er jetzt, nachdem Ihre Arbeit als zweitbeste ausgezeichnet wurde?
Der Rummel ist tatsächlich noch etwas grösser geworden. Ich durfte einige Interviews für Schweizer und Deutsche Medien geben, und die Bilderstrecke wurde weltweit veröffentlicht. Interessant war die Eigendynamik, die sich entwickelte, nachdem das erste Medium über die Auszeichnung berichtet hatte. Es ging so weit, dass kurz vor der Preisverleihung SRF anrief und fragte, ob es vorbeikommen könnte.

Wie ist es für einmal vor, statt hinter der Kamera zu stehen?
Es ist ungewohnt, als Fotograf bin ich lieber hinter der Kamera. Aber ich akzeptiere es, ich mache mit den Menschen ja auch nichts anderes.

Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für Sie als Fotograf?
Vom Ruf und von der Tragweite her ist der World Press Award wohl der grösste Preis, den ein Pressefotograf gewinnen kann. In diesem Rahmen nun ausgezeichnet zu werden, ist schon grossartig. Wie sich dies auf meine Arbeit auswirken wird, kann ich momentan nicht sagen. Ich kenne Fotografen, die nach einem solchen Preis eher weniger Aufträge bekommen haben, weil viele dachten, dass man sie nicht mehr bezahlen kann.


Können sich die Schweizer Medienhäuser Ihre Bilder noch leisten?
Meine Bilder werden nicht teurer, letztlich sind es die Medienhäuser, die über den Preis entscheiden, der Verhandlungsspielraum ist aber gering. Ich bin nun schon 25 Jahre im Geschäft und die Honorare sind in den letzten Jahren eher runter- als raufgegangen. Ich glaube nicht, dass ein Fotograf mehr für seine Bilder bekommt, nur weil er einen Preis gewonnen hat.

Aber Sie könnten mehr verlangen?
Das müsste ich einmal ausprobieren, aber ich glaube nicht, dass das funktioniert. Es gibt Medien, die schreiben, wenn man ihnen eine Reportage anbietet, dass sie die gerne nehmen, aber für den Fotografen kein Geld haben. Es ist zum Teil schon sehr bitter.

Das hat sich in den letzten Jahren noch verschärft.
Als ich angefangen habe, konnte man als freier Fotograf noch gut leben. Die Medienhäuser hatten noch Geld und das Monopol mit der Werbung. Mit dem Aufkommen des Internets veränderte sich dies stark. Zum Teil sind die Medienhäuser auch selbst schuld, weil sie zu Beginn vieles gratis angeboten haben. Die Bezahlschranke ist erst in den letzten Jahren eingeführt worden und braucht wohl noch einige Zeit, bis sie sich erfolgreich durchsetzt.

Können Sie heute noch von Ihrer Arbeit als Fotograf leben?
Ja, mal besser, mal schlechter, aber eigentlich bin ich immer gut durchgekommen. Sicherlich hat es auch damit zu tun, dass ich keine Familie habe, das habe ich bewusst so für mich entschieden. Ich habe diesbezüglich keine Verantwortung und keine Verpflichtungen, lebe recht bescheiden. Mit Kindern wäre es schwierig geworden.

Sie waren in den letzten Jahren viel im Ausland unterwegs, haben in den verschiedensten Ländern Krisen und Armut fotografiert. Wie war es, die Krise im eigenen Land zu fotografieren?
Es ist einerseits skurril, dass es für eine Geschichte, die sich praktisch vor der Haustüre abgespielt hat, eine Auszeichnung gibt. Andererseits finde ich es auch toll, dass man nicht immer in die grosse weite Welt hinausgehen muss, um gute Geschichten zu finden.

«Die Werbung war nie mein Ding, ich bleibe lieber in der realen Welt»

Wie ist Ihre ausgezeichnete «Cross-Border Love» entstanden?
Zweimal bin ich dafür nach Kreuzlingen gefahren, die restlichen Bilder sind an der Grenze Basel/Lörrach entstanden, in der Nähe meines Wohnorts. Ich habe mit den Pärchen gesprochen und sie fotografiert. Der Aufwand war im Vergleich zu anderen, insbesondere Auslandprojekten sehr gering.

Wie hat sich Ihre Arbeit im vergangenen Corona-Jahr verändert?
Die grosse Krise, wie sie Berufskollegen vor allem in der Werbung oder im Corporate erlebt haben, habe ich nicht gespürt. Zum Glück. Es gab zwar ein Loch, vor allem in den ersten Wochen der Pandemie, aber die Presse arbeitete dann weiter. Das Loch konnte ich finanziell gut mit Archivverkäufen überbrücken. Ich habe noch vor Ausbruch der Krise ein paar wichtige Leute wie die Epidemiologin Emma Hodcroft fotografieren können, die danach medial sehr gefragt war. Das Bild konnte ich sehr gut verkaufen.

Waren Sie seither wieder einmal beruflich im Ausland?
Nur einmal und das erst vor Kurzem. Ich war in Aserbaidschan, um über dem Berg-Karabach-Konflikt zu berichten.

Wie schwierig machen die Corona-Schutzmassnahmen Ihre Arbeit?
Masken sind vor allem bei Porträts schwierig, da bitte ich die zu Porträtierenden, die Maske kurz auszuziehen, damit man das ganze Gesicht sieht. Gestalterisch sind vor allem Doppelinterviews oder Pressekonferenzen und Treffen mit mehreren Personen schwierig, da alle immer sehr weit auseinander sitzen. Bilder fürs Hochformat gibt’s deshalb weniger. Die Arbeit ist aufwendiger geworden. Zu Beginn der Krise war auch eine gewisse Überempfindlichkeit der Leute und der Behörden spürbar, das machte unsere Arbeit manchmal auch nicht einfacher.

Viele Medienhäuser haben nicht zuletzt auch in der Krise die Budgets für Freie, seien es Journalisten oder Fotografen, gekürzt. Wie spüren Sie das?
Die Umstände sind in den letzten Jahren schwieriger geworden, aber durch das Internet und die Online-Medien haben sich auch neue Chancen aufgetan. Trotzdem sind viele Fotografen in letzter Zeit aus dem Beruf ausgestiegen.

War das für Sie nie ein Thema?
Nein.

Auch nicht die Branche zu wechseln, in die Werbefotografie beispielsweise?
Nein, die Werbung war nie so mein Ding. Ich bleibe lieber in der realen Welt.



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