Der Nebelspalter äussert sich in der März-Ausgabe zum Karikaturenstreit. Wie waren die Reaktionen?
Sie sind eher dürftig ausgefallen, was uns zugegeben ein wenig enttäuscht hat. Jene Reaktionen, die wir erhielten, waren aber positiv. Man befand, dass wir unsere Aufgabe gut gemeistert haben.
Der Nebelspalter hat sich mit dem Karikaturenstreit vorsichtig und erst spät auseinandergesetzt. Weshalb diese Zurückhaltung?
Ich habe mir Anfang Januar überlegt -- also noch bevor der Konflikt international ins Rollen kam -- ob wir in der ersten Nummer des Jahres den damals noch innerdänischen Karikaturenstreit thematisieren sollen. Nachdem die Weltwoche am 12. Januar die Karikaturen gezeigt hatte, fand ich die Geschichte dann nicht genügend interessant für uns. Dazu kommt, dass unser Leitbild vorschreibt, dass wir uns zu religiösen Themen nur äussern, wenn von ihnen eine gesellschaftspolitische Brisanz ausgeht. Aus diesem Grund haben wir uns erst in der zweiten Ausgabe des Jahres mit den Mohammed-Karikaturen auseinandergesetzt. Zu diesem Zeitpunkt wollten und mussten wir reagieren.
War es da nicht schon zu spät?
Der Nebelspalter ist keine Wochenzeitschrift mehr, er erscheint bloss zehn Mal im Jahr. Da wir den Drucktermin nicht vorschieben konnten, war uns bewusst, dass wir das Thema nicht in derselben Art aufgreifen konnten wie die Tagespresse. Zum Planungszeitpunkt versuchten wir zu antizipieren, was den Leser auch drei Wochen nach der Debatte noch interessiert. Wir entschieden uns, den Karikaturenstreit nicht als Titelthema der aktuellen Ausgabe zu bringen. Das war auch richtig. Denn das Interesse des Lesers an der Debatte war am Erscheinungstag des Nebelspalters schon stark gesunken. Trotzdem wollten wir uns angemessen und auf einem guten intellektuellen Niveau dem Karikaturenstreit widmen. Unser Ziel war eindeutig nicht, weiter Öl ins Feuer zu giessen, wie dies andere zuvor -- etwa das französische Blatt Charlie Hebdo -- getan haben.
Hat der Nebelspalter in der Debatte um die Mohammed-Karikaturen nicht die Chance verpasst, mit gezielter Provokation auf sich aufmerksam zu machen?
Ich habe nichts gegen intelligente Provokation. Ich suche aber nicht die Art der Provokation einer Titanic -- auch wenn viele genau dies von uns erwarten. Meines Erachtens ist diese Art der Satire häufig billig. Auch wir könnten schliesslich, so wie es Titanic fast jeden Monat macht, einen Politiker nackt auf die Titelseite setzen oder ihn als Arschloch titulieren. Auf diesem Weg aber wollen wir uns nicht entwickeln.
Ist es für Sie nicht trotzdem bitter, dass kaum jemand von den Zeichnungen des Nebelspalters Notiz genommen hat?
Man muss vielleicht die Frage nach einer falschen Wahrnehmung innerhalb der Medienbranche stellen. Das Interesse der Medien an unserer Nummer war sehr gross. Das Schweizer Fernsehen war mit dem Kulturplatz bei uns und hat sich dafür interessiert, wie unser Satiremagazin das Thema anpackt. Heribert Seifert hat in der NZZ einen Vergleich des Nebelspalter mit den Satirezeitschrift Titanic und Pardon angestellt. Wir erhielten die besten Noten. Dass wir nach Erscheinen eher wenige Reaktionen erhalten haben, zugleich in den Medien für unsere Herangehensweise an das heikle Thema aber gelobt wurden, lässt für mich den Schluss zu, dass das sich Leserinteresse letztlich von jenem der Medien unterschied.
Inwiefern hat sich das Selbstverständnis des Karikaturisten durch die Debatte geändert?
Diese Auseinandersetzung bildete in der aktuellen Nummer den Hauptzugang zum Thema: Unsere Karikaturisten erhielten auf zehn Seiten eine Carte blanche auf schwarzem Papier, wo sie das veränderte Selbstverständnis ihres Berufsstands darstellen konnten. Die Ergebnisse waren sehr unterschiedlich. Einige der Zeichner haben sich nicht davor gescheut zu provozieren, wie etwa die Karikatur von Andreas Thiel zeigt. Andere Karikaturisten wiederum wollten nicht dabei sein, weil sie Angst um Kind und Familie hatten. Gerade als das Fernsehen da war, waren nicht alle bereit vor die Kamera zu stehen.
Wie wehrt sich der Nebelspalter im Allgemeinen dagegen, in die Bedeutungslosigkeit zu versinken?
Der Nebelspalter war vor vierzig Jahren ein Blatt mit einem ganz anderen Renommee und einer anderen Leserschaft. Wir kämpfen heute zum Teil mit dem schlechten Ruf, den das Blatt in den Neunziger Jahren erhalten hat. In den 14 Monaten, in welchen ich Redaktionsleiter des Nebelspalter bin, konnte ich einen klaren Aufwärtstrend beobachten. Es gelang, eine junge Generation von Zeichnern und Autoren für uns zu gewinnen, Leute wie Andreas Thiel, Simon Enzler, Pedro Lenz oder Gion M. Cavelty.
Wie geht es dem Nebelspalter heute: Steht er gesund da?
Wir haben, gekoppelt an Marketingmassnahmen, die Auflage deutlich gesteigert. Sie liegt nun bei 20'000 Exemplaren. Bei der Übernahme des Nebelspalter vom Reinhard-Verlag im Jahr 1998, lag diese Zahl bei vielleicht noch 9000. Es geht uns also deutlich besser. Auch die Leserzahlen sind erfreulich und liegen nun bei 285'000. Das sind gute Werte, die zu Hoffnung Anlass geben.
Und der Anzeigenmarkt? Satirezeitschriften bieten ein schwieriges Umfeld für Werbeauftraggeber.
Zugegeben, als Satirezeitschrift hat man es nicht einfach im Inseratemarkt. Unser Verlag hat das Anzeigengeschäft aber auch lange eher vernachlässigt und sich primär als Abonnentenmagazin verstanden. Seit einem halben Jahr engagieren wir uns nun stärker im Markt und erhalten viel versprechende Reaktionen von den Media-Agenturen auch weil wir uns mit dem Neustart profilieren konnten. Grundsätzlich erstaunt es mich dennoch oft, dass gerade die Werber, die oft witzig und satirenahe arbeiten, sich nicht stärker herausgefordert fühlen, sich an unseren redaktionellen Inhalten zu messen. Vielleicht aber ist das auch die Crux an der Sache: Werbung hebt sich im Nebelspalter zu wenig ab.
Schreibt der Nebelspalter heute schwarze Zahlen?
Nein, noch nicht. Mit den Altlasten, die wir 1998 übernommen haben, müssen wir einiges gut machen. Wir sind aber auf dem richtigen Weg.
Für wen zeichnet und schreibt denn der Nebelspalter heute?
Das Durchschnittsalter ist hoch. Das wollen wir ändern. Ich habe mir aber bei meinem Antritt vor einem Jahr vorgenommen, nicht denselben Fehler zu begehen, wie der Löpfe-Benz Verlag unter Iwan Raschle, der in den Neunziger Jahren einen radikalen Wechsel versucht hat und damit gescheitert ist. Ich plädiere für einen sanften Wandel: Wir wollen eine junge Leserschaft erschliessen. Ich meine damit weniger 20-jährige Teens, sondern ein Publikum. ab ungefähr 30. Wir sehen uns weiterhin auch politischer Satire verpflichtet, und dafür braucht es einen bestimmten Bildungshintergrund. Wir suchen nicht ein Comedy- oder Kult-Image, sondern eher eine anspruchsvollere Art und Weise, mit Satire unterhalten.
(Interview: David Vonplon)

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