21.05.2014

Matthias Ackeret

"Ich habe rumgezickt wie eine alte Diva"

"persönlich" ohne Chefredaktor und Geschäftsführer Matthias Ackeret? Heute praktisch undenkbar. Im Interview zum 50-Jahr-Jubiläum spricht der 50-Jährige über seine Motivation, seine Idole und seine anfängliche Skepsis gegenüber dem Job beim wichtigsten Schweizer Branchenmedium.
Matthias Ackeret: "Ich habe rumgezickt wie eine alte Diva"

Matthias, was ist deine Raison d’être? Wofür lebst du, wonach strebst du?
Da halte ich es mit André Heller. Der hat einmal gesagt, er wolle einfach jeden Tag aufstehen und sich nie langweilen. Das ist mein Leitmotiv. Deshalb bin ich Journalist geworden.

Nur deshalb? 
Ja, ich wollte nie die Welt verändern. Ich wollte einfach sehr viel erleben. Mag sein, dass das eine Luxus-Haltung ist, wenn man in erster Linie um die eigene Unterhaltung besorgt ist. Aber nur wenn man Freude am Job hat, wird man nicht zynisch und kann die Freude und das Interesse auch weitervermitteln.

Aber als Journalist hat man auch eine Aussenwirkung. Man stellt sich dar, lechzt nach Aufmerksamkeit. Wie wichtig ist dieser Aspekt für Matthias Ulrich Ackeret? 
Ein Journalist ist natürlich immer auch Narzisst. Ich glaube aber, dass ich da irgendwo im Mittelfeld liege. Ich bin kein Egomane. Ich will vor allem unterhalten und die Leser für spannende Persönlichkeiten begeistern.

Eine der Persönlichkeiten, die dich am meisten begeistert, ist Roger Schawinski. 
Ja, das ist so. Schawinski war für mich als Kantischüler eine Figur wie für andere Mick Jagger. Die Gründung von Radio 24 auf dem Pizzo Groppera war für mich ein Erweckungsmoment. Da wusste ich: Ich will Journalist werden, ich will zu den Medien.

Ab 1994 konntest du dann eng mit deinem Idol Schawinski zusammenarbeiten. 
Ein Riesenglück! Am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Die Zeit bei Tele Züri war für mich prägend. Das Ganze war ein Pionierprojekt, geprägt von einem Aufbruchsgeist, wie ich ihn seither nicht mehr erlebt habe. Ausserdem entsprach der Job als VJ genau meiner Interessenlage: Du bist Journalist, du bist Kameramann, du bist Moderator und Geschichtenerzähler in Personalunion. Ich war mit Abstand der Älteste im Team, und Schawinski hat mich als Letzter der Urequipe eingestellt. Und warum? Weil ich ihm ein Interview gezeigt habe, das ich mit Christoph Blocher für das Diessenhofener Fernsehen geführt habe. Roger fand das "mutig" (lacht).

Du hattest als stellvertretender Programmleiter bei Tele Züri nationale Strahlkraft. Du warst hoch präsent am Bildschirm. Dann kam der Wechsel zu "persönlich". Kam dir das im ersten Moment nicht wie ein gewaltiger Abstieg vor? 
Ganz ehrlich? Doch! Ich hatte noch nie von "persönlich" gehört. Aber meine Zeit beim Sender war nach acht Jahren irgendwann abgelaufen. Als mein Freund Peter Röthlisberger als Programmleiter ging und Markus Gilli erneut das Zepter übernahm, wusste ich: Jetzt muss was Neues kommen. Dann kontaktierte mich Oliver Prange und blieb hartnäckig – bis ich schliesslich zusagte. Aber erst habe ich rumgezickt wie eine alte Diva.

Was war dein erster Eindruck von der persönlich Verlags AG? 
Ich wollte umgehend absagen. Es war ein regnerischer Tag, ich hatte Kopfweh, Rapperswil war mir viel zu weit weg. Ich kannte übrigens das Gebäude, weil ich dort einmal ein Fernsehinterview mit "Eishockeygott" Bruno Hug geführt hatte. Als ich über den Damm zurück Richtung Zürich fuhr und auf den See blickte, erkannte ich, was für eine hervorragende Chance mir soeben angeboten worden war. "persönlich" ist ein super Medium, das man zu einem hohen Grad selber gestalten kann. In einer Branche, die mir liegt: Werbung, Journalismus, Marketing.

Mittlerweile ist der Name Ackeret untrennbar verknüpft mit "persönlich". Ist das ein Lebensposten?  
Das weiss ich nicht. Das Leben ist voller Überraschungen, und das ist auch gut so. Ich habe es jedenfalls nie bereut, dass ich vom Fernsehen weggegangen bin. Wirklich nicht. Ich habe es mir zur Maxime gemacht, das beste Produkt in dem Medienbereich zu machen, in dem ich gerade tätig bin. Wenn ich die Glückpost machen müsste, wäre es mein Ziel, die beste Glückspost zu machen. Nur wenn man die DNA eines Mediums fühlt, macht es Spass.

An den Produktionstagen bleibst du hin und wieder vor den aufgehängten Seiten stehen und sagst: "Was für ein geiles Nümmerli!" – Was macht ein "geiles Nümmerli" aus? 
Nun, wir machen eine Branchenzeitschrift. Da muss man ein gutes Gleichgewicht finden, ein paar Kompromisse eingehen. Einerseits willst du ein spannendes Blatt machen, andererseits bist du auch ein Dienstleister für die Branche. Bei einem "geilen Nümmerli" stimmt einfach die Mischung: drei, vier spannende, allgemeingültige Geschichten, pointierte Kolumnen, schöne Bilder, tolle Persönlichkeiten. Ein gutes "persönlich" muss Sex-Appeal haben. Der Leser sollte vergessen, dass es sich dabei um eine Branchenzeitschrift handelt.

Welche deiner Charaktereigenschaften ist am wichtigsten für das Machen von "persönlich"? Die Diplomatie? 
Ohne Diplomatie geht es nicht, das ist klar. Und ich glaube, ich bin ein guter Diplomat. Ich versuche stets die Anliegen und die Kritik der Branche ernst zu nehmen und mich selber nicht zu verbiegen. Aber die Neugierde ist mindestens genauso wichtig. Man muss sich für besondere Persönlichkeiten interessieren, hinter ihre Fassade schauen wollen. Als Nächstes treffe ich mich zum Beispiel mit Xherdan Shaqiri – und das, obwohl ich ja nicht eben als grosser Fussballfan bekannt bin. Aber mich treibt eben die Frage um: Wie funktioniert ein Schweizer mit albanischen Wurzeln in dem System Weltfussball, in dem System Bayern München? Wie versucht er sich da durchzusetzen? Und wie geht er als junger Mensch mit seinem plötzlichen Reichtum um?

Zwei andere wichtige Eigenschaften von dir sind Beharrlichkeit und Disziplin. Deine Doktorarbeit hast du in wenigen Monaten während deiner Anstellung bei Tele Züri geschrieben – von vier bis acht Uhr morgens. Derzeit schreibst du an einem neuen Roman. Wieso musst du immer mehrere Sachen gleichzeitig machen? 
Ich kann nicht anders. Die Mehrgleisigkeit hält mich fit. Disziplin ist dabei unerlässlich. Aber ich musste sie mir erst antrainieren. Ich habe damals Jura studiert, weil es das Studi um war, das mir am wenigsten lag. Ich wollte mich auf die Probe stellen. Es ging einfach darum, das irgendwie durchzuziehen. Und ich habe mich damit schwergetan. Viele Prüfungen musste ich zweimal machen, mehrmals war ich kurz davor, alles hinzuschmeissen. Irgendwann, nach etwa zwei Jahren, sagte ich zu mir: "Jetzt hast du zwei lange Jahre investiert. Beiss dich jetzt durch, Matthias! Wäre doch schade um die viele Zeit." Aus dieser Erfahrung heraus habe ich dann meinen Durchhaltewillen entwickelt. Ohne den hätte ich nicht Marathon laufen oder Romane schreiben können. Und auch eine Sendung wie "Teleblocher" gäbe es schon lange nicht mehr. Dafür hagelte es ja erst von allen Seiten Prügel.

Gutes Stichwort: Seit bald sieben Jahren triffst du den SVP-Schrittmacher jeden Freitagmorgen in aller Herrgottsfrühe zum Interview. Gibs zu: Eigentlich ist die Sendung nur ein Vorwand, um mit ihm Zeit zu verbringen, oder? 
Mag sein. Aber ich glaube, das will jeder. Oder zumindest jeder Journalist (lacht)!

Wie kommst du darauf? Ich mache mir zum Beispiel überhaupt nichts aus Blocher. 
Dann hast du dich vielleicht zu wenig mit ihm beschäftigt. Der Mann ist sehr faszinierend.

So faszinierend, dass man ihm auch zuhören muss, wenn er über Literatur oder seine Kunstsammlung spricht? 
Ja, das ist vielleicht sogar spannender, als wenn er über Politik spricht. Ich staune immer wieder über sein breites Wissen. In seinem Bücherregal stehen die gesammelten Werke von Meienberg, von Frisch, von Dürrenmatt. Er ist weitaus belesener als viele seiner Kritiker.

Du bist ein sozial denkender Mensch mit hohem Einfühlungsvermögen. Trotzdem suchst du immer die Nähe der Grossen und Mächtigen, vielleicht auch Skrupellosen. Wieso willst du diesen Menschen so nahe sein? 
Weil mich Macht immer fasziniert hat. Ich will wissen, wie sie verwaltet wird, wie sie gelebt wird und was sich hinter ihr verbirgt. Ich reise auch immer bei den deutschen Bundestagswahlen nach Deutschland. So war ich hautnah dabei, als Kohl und Schröder abgewählt wurden. Das war besser als "House of Cards".

Und die dunkle Seite der Macht? 
Die gibt es logischerweise auch. Und die heisse ich auch gar nicht gut. Nur: Irgend jemand entscheidet halt schlussendlich immer. Irgendjemand hat die Macht. Mich hat immer schwarz oder weiss interessiert, nie grau. Die schillernden Persönlichkeiten, die extremen Positionen. Darum habe ich wahrscheinlich auch diese Affinität zu Werbung. Werbung ist schillernd. Da spielen die Zwischentöne nicht so eine grosse Rolle.

Wenn wir von der Werbung sprechen: Gibt es eine Kampagne, die du selber gerne gemacht hättest? 
Ja, die gibt es. Auf die Gefahr hin, dass es abgedroschen klingt: Die VBZ-Kampagne mit Mörgeli und Jositsch von RufLanz. Das Sujet fand ich extrem clever. Das Hirn muss einen Purzelbaum von einer Zehntelsekunde machen, um den Witz zu verstehen.

Wärst du eigentlich selber gerne Werber geworden? 
Ich fand Werbung schon immer faszinierend. Ich habe dann 1986 in meinen Semesterferien eine dreiwöchige Schnupperlehre bei BSSM, der früheren Agentur von ADC-Ehrenmitglied Theophil Butz und Pierre Meier von der Werbewoche, gemacht. Dort habe ich realisiert: Gute Werbung machen ist unheimlich schwer. Ich habe in jenen drei Wochen versucht, einen Slogan für ein Stellenvermittlungsbüro zu entwickeln. Ich sass die ganze Zeit am Schreibtisch und habe gegrübelt und gegrübelt. Irgendwann bin ich sogar dabei eingeschlafen.

Und, ist dir schlussendlich etwas in den Sinn gekommen? 
Ja, irgendwann hatte ich dann einen Slogan. Aber er ist mir längst entfallen. Mein grösster Erfolg als Werber war aber ein anderer: Ein paar Jahre später, nach meinem Studium, habe ich zusammen mit meinem Freund Manfred Klemann eine Zeitung für die Region Schaffhausen konzipiert. Die Inserenten stammten alle aus dem deutschen Raum. Ich bin dann in Singen am Hohentwiel, dem härtesten Kaff der Welt, Klinkenputzen gegangen, um Anzeigenkunden zu gewinnen – bei Drogerien, beim Bäcker, beim Eisenwarenhändler. Und dann auch in einen Nachtclub, der von Schweizern frequentiert wurde. Die Puffmutter liess sich von mir überzeugen, ein Inserat zu schalten. Allerdings meinte sie: "Ich habe keine Idee für Anzeige. Kopf ist leer von Arbeit." Zum Glück hatte ich eine. Ich sagte spontan: "Machen Sie doch einfach ein Bild von einer nackte Frau und schreiben Sie darunter: Ihre Träume, unsere Bühne." Das Lokal hat anschliessend 15 Jahre mit diesem Slogan geworben.

Interview: Adrian Schräder, Bilder: Alberto Venzago

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen "persönlich"-Jubiläumsausgabe.



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