21.12.2017

Fall Werner De Schepper

«Ich hoffe, dass dieses Verhalten Frauen gegenüber abnimmt»

Seit zwei Monaten recherchiert Michèle Binswanger Fälle sexueller Belästigung. Nun erklärt die Tagi-Journalistin die Hintergründe zum Text über Werner De Schepper. Der Ringier-Kadermann soll Mitarbeiterinnen mehrfach und über längere Zeit belästigt haben.
Fall Werner De Schepper: «Ich hoffe, dass dieses Verhalten Frauen gegenüber abnimmt»
Schreibt für den «Tages-Anzeiger» im Ressort Hintergrund und Analyse: Michèle Binswanger. (Bild: Lukas Maeder)
von Edith Hollenstein

Frau Binswanger, auf einer ganzen Seite, mit Anriss auf der Front: Warum hat der Tagi diesem Fall so viel prominenten Platz eingeräumt?
Ganz einfach: Weil es ein wichtiges Thema ist.

Warum haben Sie den Text nicht alleine, sondern zusammen mit Mario Stäuble geschrieben?
Wir hatten beide im Oktober erste Rechercheansätze. Wir sassen damals zusammen und entschieden, zu zweit an dem Fall zu arbeiten. Wenn ich sehe, wie viel Zeit wir für die Recherche aufgewendet haben, war es die richtige Entscheidung.

Im Doppel einen Kommentar zu schreiben: Das kommt selten vor.
Es war für uns das erste Mal, ist aber dieser speziellen Recherche geschuldet.

Wer war für welche Teile zuständig?
Wir haben uns die Arbeit aufgeteilt. Beide haben recherchiert, beide haben geschrieben, am Schluss haben wir jeden Satz zusammen angeschaut.

Wie haben Ihre Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion auf die Recherche-Ergebnisse reagiert?
Es war klar, dass es sich nicht um einen ganz alltäglichen Text handeln würde.

Was wurde diskutiert?
Wir haben alle heiklen Punkte ausführlich diskutiert. Fragen waren zum Beispiel: Wo liegt das öffentliche Interesse, und wie stark ist es? Wieviele gleichlautende Aussagen braucht man mindestens? Wie sichert man die Recherchen und einzelne Vorwürfe ab? In welchem Ton schreibt man einen solchen Text? Wieviel Kontext liefert man mit? Auch die anonymen Quellen waren ein Thema.

Sie sagen es: Keine der 28 befragten Frauen steht mit dem Namen hin. Welche Rolle spielte das für Sie beim Entscheid, den Artikel zu bringen?
Zunächst: Wir haben nicht nur Frauen, sondern auch Kollegen und ehemalige Vorgesetzte befragt. Und natürlich stellen sich bei anonymen Quellen grundsätzliche Fragen bezüglich des Vorgehens. Die Vorwürfe waren aber zahlreich, durch Zweitquellen verifizierbar, und es wurde auch immer wieder ein ähnliches, sich über Jahre erstreckendes Muster beschrieben, dass wir uns entschieden haben, die Ergebnisse zu publizieren.

Wie haben Sie oder Mario Stäuble Werner De Schepper mit den Vorwürfen konfrontiert?
Zuerst telefonisch, dann schriftlich, mit einem detaillierten Fragenkatalog, zwei Wochen vor Publikation.

Mit Ihrem Aufruf Mitte Oktober haben Sie #MeToo sozusagen in die Schweiz gebracht. Warum ist dieses Thema Ihnen ein Anliegen?
Dass ich dieses Thema in die Schweiz gebracht haben soll, ist ein Missverständnis. Ich habe wie viele andere nur darauf reagiert. Aber es ist mir tatsächlich ein Anliegen, es ist eine schwierige aber wichtige Diskussion. Man muss sie sorgfältig führen.

Ist der Fall De Schepper der krasseste Fall sexueller Belästigung, der nach Ihrem Aufruf vor einigen Wochen eingegangen ist?
Es gibt schlimmere. Aber bei diesem Thema stellt sich immer die Frage nach dem öffentlichen Interesse. Man muss sehr viele Faktoren mit einbeziehen und abwägen, bis man entscheidet. Nicht jeder Fall eignet sich für eine journalistische Aufbereitung.

Was hoffen Sie, wird diese Recherche über Werner De Schepper auslösen?
Ich hoffe, dass dieses Verhalten Frauen gegenüber abnimmt. Und ich hoffe, dass die Frauen sich andernfalls dagegen zu wehren beginnen.

*Michèle Binswanger hat die Fragen schriftlich beantwortet.



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Kommentare

  • Alexander Müller, 21.12.2017 11:05 Uhr
    Ist euch eigentlich auch aufgefallen, dass alle anderen Medien praktisch kaum darüber berichtet haben? De Schepper wird von der Mehrzahl seiner Journi-Freunde gedeckt, wie mir scheint. Mit Yannick Buttet ist man da ganz anders umgegangen. Der Blick hat den regelrecht aus dem Amt geschrieben. Bei ihrem eigenen ehemaligen Chef wird hingegen eisern geschwiegen.
  • Nico Herger, 21.12.2017 11:06 Uhr
    Mit andern Worten: Die Abhängigkeit von ihm im Haus R. war zu gross, als dass "frau" sich wehren WOLLTE. Und im Grunde war er ja ein "Guter", d.h. Anti-SVP. So funktioniert doch das CH-Medienmilieu.

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