06.11.2022

Schweizer Illustrierte

«Ich liebe Menschen und ihre Geschichten»

Das gedruckte People-Magazin hat ein Facelift erhalten. Seit Freitag erscheint es in aufgefrischtem Layout und mit neuen Rubriken. Silvia Binggeli, seit Februar SI-Chefredaktorin, spricht über den Kreativprozess, Schweizer Promis – und nackte Füsse.
von Christian Beck



Frau Binggeli, haben Sie sich auch schon mal für ein Fotoshooting in eine Badewanne gesetzt?
Nein, bis jetzt noch nicht. Aber: Ich bade sehr gerne.

Die Badewannenbilder der Schweizer Illustrierten (SI) sind legendär. Haben diese den Relaunch überlebt?
Ich fürchte, Sie haben schon eine Weile keine SI mehr angeschaut. Die Badewannenbilder sind längst verschwunden. Als Markenzeichen in den Köpfen aber haben sie überlebt – und das ist sehr erfreulich. In die Badewanne – es waren übrigens jeweils vor allem die Missen – setzen sich unsere Protagonistinnen und Protagonisten nicht mehr; das wäre nicht mehr zeitgemäss. Aber was immer noch gilt: Die SI ist näher an Schweizer Persönlichkeiten und Stars dran.

Seit Freitag erscheint die SI mit einem aufgefrischten Layout (persoenlich.com berichtete). Warum wurde das nötig?
Eine regelmässige Auffrischung ist immer gut für ein Magazin. Wir erfinden die SI nicht neu. Im Gegenteil: Wir wollen ihre DNA stärken – als das People-Magazin der Schweiz. Dazu gehört eine aufgefrischte Optik.

«Kreativität ist immer ein Prozess»

Sie sind seit Februar Chefredaktorin der SI. Wie viel Ihrer Handschrift ist im neuen Erscheinungsbild?
Viel. Das Layout haben unser Art Director und ich zusammen mit einem externen Art Director entworfen. Wir wollten unbedingt den Blick von aussen haben. Wir haben unsere Köpfe zusammengesteckt, diskutiert, verworfen, weiterentwickelt. Das Layout ist – sportlich – innerhalb von sechs Monaten entstanden. Es hat grossen Spass gemacht, und ich glaube, wir haben unser Ziel erreicht: aufgeräumter, klarer – und dennoch verspielt. Wir optimieren aber natürlich heiter weiter. Kreativität ist immer ein Prozess.

Sie waren früher Chefredaktorin der Annabelle. Wie viel Annabelle ist nun in der SI?
Ich war 20 Jahre bei der Annabelle. Eine wichtige, wertvolle und prägende Zeit, die ich sehr genossen habe. Aber dabei bin ich Binggeli geblieben. Jetzt bin ich bei der SI und freue mich sehr, die Zeitschrift mit einem tollen Team in die Zukunft führen zu dürfen. Jede Chefredaktorin und jeder Chefredaktor prägt seinen Titel – und das ist richtig so. Es darf dabei aber nicht um Selbstverwirklichung gehen, sondern darum, die DNA eines Titels zu erfassen, zu schärfen und weiterzuentwickeln – gerade, wenn es um eine Kultmarke wie die SI geht. Was aber sicher stimmt: Ich liebe Menschen und ihre Geschichten. Diese Nahbarkeit habe ich bei Annabelle immer sehr gerne gelebt und jetzt tue ich das bei der SI.

Wenn ich den Vorher-Nachher-Vergleich mit der SI-Titelseite mache, sehe ich ein Logo, das nach links gerutscht ist, sowie neue Schriftarten. Warum waren Sie nicht mutiger?
Was finden Sie denn daran nicht mutig? Klar, wir hätten das Logo auch Pink oder Schwarz machen können. Aber warum? Mit einem bewährten Titel muss man respektvoll umgehen. Eine starke Marke wie die SI muss nicht neu erfunden werden. Nur aufgefrischt. Das machen wir schrittweise, entschlossen. Und mit Herz.

Nicht nur optisch wurde die SI aufgepeppt, es gibt neue Rubriken. Nehmen wir das «Gipfeltreffen». Was ist das?
In der Rubrik «Gipfeltreffen» bringen wir zwei Persönlichkeiten zusammen – an einem Ort, der für sie eine Bedeutung hat – und sprechen mit ihnen über ein Gesellschaftsthema. In der ersten Ausgabe sinnieren die SRF-«Tagesschau»-Sprecherin Cornelia Boesch und der Komiker Beat Schlatter über Lachen in Krisenzeiten.

Welches ist Ihre liebste neue Rubrik?
Das «Gipfeltreffen». Aber auch die Rubrik «Die fünfte Schweiz», in der ausgewanderte Schweizerinnen und Schweizer erzählen, was sie in der Ferne bewegt und wie sich ihr Blick auf die Heimat verändert hat.

Und welche Rubriken haben Sie dafür abgeschafft?
Kleine Rubriken am Anfang des Heftes: «Wild Wild Web», «Entdeckt», «Ausgezeichnet», «Fake oder News» und «Kleine Welt»; sie sind aus der Mode gekommen. Ausserdem, für den Moment, die Rubrik auf der letzten Seite «So mache ich das», eine sehr schöne Rubrik. Aber nach zwei Jahren muss auch einfach mal etwas Neues kommen. Wir öffnen dort nun unser reiches Archiv, zeigen Kultfotos der vergangenen Jahrzehnte von Schweizer Persönlichkeiten – ein echter Schatz.

«Wir machen das Heft ja nicht für uns»

Wollen Sie mit der Neuausrichtung gegen die schwindende Auflage ankämpfen? Laut Statista erreichte die SI 2021/2022 noch knapp 90'000 verkaufte Exemplare, 8000 weniger als im Vorjahr. Und auch laut Wemf Mach Basic geht die Reichweite zurück.
Ja, klar wollen wir das. Wir machen das Heft ja nicht für uns, sondern für unsere Leserschaft. Wir pflegen die treuen Leserinnen und Leser, die wir haben. Und wir wollen neue dazugewinnen. Ich weiss: Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe in dem sich stark verändernden Medienumfeld, in dem sich das Konsumverhalten der Leserschaft so sehr wandelt. Aber eine Herausforderung, die wir anpacken. Mit der Überzeugung: Menschen und ihre Geschichten kommen nie aus der Mode.

Sie sind Absolventin der Ringier Journalistenschule und waren bereits von 1997 bis 1999 als Redaktorin für die SI tätig. Wie hat sich das People-Magazin seither verändert?
In den 90ern gab es noch keine Social Media, keine TV-People-Formate. Tageszeitungen haben damals noch nicht – wie heute – klassische People-Geschichten gebracht. Umso bemerkenswerter, dass die SI es über all die Jahre geschafft hat, in ihren Geschichten, so nah, persönlich und privat an Schweizer Stars zu bleiben. Ja, es ist schwieriger geworden, Stars privat zu zeigen. Viele machen das nun selber auf ihren sozialen Kanälen, als Ich-AGs; aber dabei fehlt der journalistische Blick von aussen. Andere sind vorsichtiger geworden, beim Öffnen ihrer Türen, weil die Geschichten online länger im Umlauf bleiben. Wir bleiben trotzdem dran, hartnäckig, müssen uns mehr überlegen, um Persönlichkeiten in Text und Bild nahbar zu machen, Seiten an ihnen zu zeigen, die überraschen, interessieren. Dafür müssen und wollen wir immer wieder Extrameilen gehen, nach dem Motto: Wer hat den People-Journalismus in der Schweiz erfunden? Die SI!

Als ich 2008 für TeleZüri in Lugano war, als Whitney Toyloy zur Miss Schweiz gewählt wurde, erlebte ich mit, wie das erste grosse Fotoshooting der Schweizer Illustrierten entstand. Die Missen waren damals für die SI sehr wichtig. 2018 gab es die letzte Miss-Schweiz-Wahl, 2020 ging die Organisation Konkurs. War dies auch ein Zeichen des Wandels?
Über die Entwicklung der Miss Schweiz Organisation kann ich nichts sagen. Dass Missen in der Schweiz bis heute so bekannt sind, ist aber sicher der Organisation zu verdanken. Und auch der SI. Aber klar, die Zeiten ändern sich. Durch Social Media sind People-Geschichten auch internationaler geworden und andere Protagonistinnen, etwa digitale Influencerinnen und Influencer sind zu Stars geworden.

Wie hat die SI die fehlenden Missen ersetzt?
Mit anderen spannenden Persönlichkeiten, über die man mehr erfahren will.

Aber die Ex-Missen haben schon noch ihren festen Platz?
Der Titel «Miss Schweiz» war für viele ein Sprungbrett, eins, aus dem einige eine sehr erfolgreiche Karriere geschaffen haben, als Geschäftsfrau, Ärztin, Moderatorin. Bekannt wurden die Frauen einst als Miss – aber sie haben sich längst weiterentwickelt. Natürlich haben die Ex-Missen einen Platz in der SI – mit dem nötigen Respekt und Würdigung für ihre Leistung nach dem Titel.

«Wer laut lachen kann, ist meist entspannter»

Was macht für Sie einen Menschen schön?
Neugier, Selbstreflexion, Entschlossenheit, Humor – wer laut lachen kann, hoffentlich auch immer wieder über sich selbst, ist meist entspannter. Und schöner.

Und welche Menschen sind für die SI besonders interessant?
Menschen, die entdecken und verstehen wollen, bevor sie urteilen, solche, die sich selbst treu bleiben, besonders dann, wenn das Mut erfordert, weil eine Meinung oder ein Verhalten nicht in ein gängiges System passt.

Kann die SI eigentlich auch kritisch sein – oder passt das schlicht nicht zum Konzept?
Wir wollen unterhalten, im Alltag einen Beitrag zur Leichtigkeit des Seins leisten. Unkritisch sind wir dabei aber sicher nicht. Natürlich haben wir im Auge, was in der Schweiz und auf der Welt passiert, gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich. In unseren Interviews der Woche etwa stellen wir Expertinnen und Experten auch entsprechend kritische Fragen zu einem Thema, haken nach, wollen wissen. Auch in Porträts zeigen wir nicht nur eitel Sonnenschein, sondern möglichst viele Facetten des Menschen hinter dem bekannten Gesicht. Ich glaube, Sie sollten wirklich wieder mal die SI in die Hand nehmen (lacht).

«Die SI ist die Biografin der Schweiz»

Versprochen. 111 Jahre alt ist das Magazin. Wie alt wird es noch?
Pragmatisch gesehen weiss ich natürlich, dass Printmagazin-Journalismus schwierig ist, keinen enormen Wachstumsbereich bietet, selbst wenn zur Marke auch ein wichtiger Onlineauftritt gehört wie bei der SI. Aber: Mein Treiber war immer in erster Linie die Überzeugung und die Leidenschaft für eine Sache. Die SI ist die Biografin der Schweiz, sie behält dieses Potenzial. Deshalb wird sie sicher noch 222.

Zurück zu Homestorys. Typisch ist auch, dass Frauen häufig barfuss in ihrer Wohnung fotografiert werden, Männer hingegen in Socken oder Schuhen. Weil Männerfüsse hässlich sind?
(Lacht.) Also, diese Frage kommt nun doch etwas aus dem Blauen. Ist dem so? Ich habe da leider grad keine statistische Erhebung bereit. So oder so: Es gibt sicher genauso viele hässliche Frauen- wie Männerfüsse. Und umgekehrt bei beiden genauso viele schöne. Hoffentlich schreiten beide genau gleich zügig in der Gleichstellungsfrage vorwärts. Denn das braucht es.

Welcher Star steht noch auf Ihrer Wunschliste für einen Hausbesuch?
Gross gedacht: Mirka Federer, Tina Turner und Michelle Obama – und bis das klappt: alle Schweizer Persönlichkeiten, die im Gespräch sind, inspirieren und neugierig machen.



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