10.05.2000

"Ich nehme die neuen Gratiszeitungen sehr ernst"

Bruno Blaser, 54, ist seit Mitte Januar Verlagsleiter von Blick und Sonntagsblick. Im der neusten Ausgabe von DOMO, dem Magazin der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ringier, zieht er Bilanz seiner ersten hundert Tage bei der Blick-Familie.
"Ich nehme die neuen Gratiszeitungen sehr ernst"

Bruno Blaser – Sie waren vorher Verlagsleiter der LNN, später der Neuen LZ – beides regionale und "seriöse" Tageszeitungen. Haben Sie damals den Blick überhaupt gelesen?

Natürlich. Der Blick war schon immer eine Zeitung mit einem gewissen Leitbildcharakter. Ich glaube nicht, dass es in der Schweiz auch nur einen Verlagsleiter gibt, bei dem der Blick nicht zur Pflichtlektüre gehört. Ich habe ihn immer gern gelesen – auch als Alternative zu den anderen Tageszeitungen.

Was gefällt Ihnen am Blick…

Die Meinungsvielfalt und -bildung. Auch die neuen Gefässe wie ClickBlick, GsundBlick und AutoBlick, mit denen der Servicegedanke noch besser in das Blatt integriert wird. Und als Verlagsleiter freue ich mich natürlich vor allem über seine feste Verankerung bei der Werbewirtschaft.

…worüber ärgern Sie sich?

Nach wie vor über Leute, die den Blick als etwas Minderwertiges abklassieren – obwohl sie die stetige Weiterentwicklung der Zeitung gar nicht verfolgt haben und diese gar nicht lesen und nicht kennen. "Sie rede über öppis, wo si gar ned kenne…"

Sie sind jetzt seit Mitte Januar Verlagsleiter von Blick und SonntagsBlick. Wie ist Ihre Bilanz nach den ersten hundert Tagen?

Ich bin sehr positiv aufgenommen worden. Für mich war es natürlich ermunternd zu spüren, dass man sich bewusst ist, welche Aufgabe ich da übernommen habe. Viele Leute haben mir auch – und zwar quer durch alle Unternehmensstufen und -bereiche – ihre Unterstützung und Hilfe angeboten und zugesichert. Gerade da liegt eine der grossen Stärken von Ringier: Wir verfügen über viele innovative Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit guten Ideen und grossem Fachwissen. Weil ich zudem als alter Ringier Kadermann den Konzern sehr gut kenne, werde ich davor sehr viel profitieren können.

Was hat Sie an Ihrer neuen Aufgabe am meisten gereizt?

Als erstes sicher die Tatsache, dass man mir diese grosse Aufgabe in einer schwierigen Zeit überhaupt zutraut und mich dafür geholt hat. Zudem ist Ringier ein Top-Arbeitgeber, bei dem jeder, der sich mit dem Unternehmen identifiziert und sich überdurchschnittlich einsetzt, eine grosse Chance, Vertrauen und viel Freiraum hat.

Wo und wie unterscheiden sich die beiden Verlagsleiter-Jobs?

Vor allem bei der Verantwortung. Diese ist bei meinem neuen Job sehr viel grösser. Immerhin trägt die Blick-Gruppe rund 200 Mio. Franken zum Umsatz von Ringier bei. Natürlich sind die Grössenverhältnisse auch sonst verschieden: Die Neue LZ ist in der Zentralschweiz eine stark regional verankerte Zeitung; jetzt bin ich Verlagsleiter einer nationalen Zeitung.

Das Gerücht hält sich hartnäckig: Der Blick verkaufe unter 300‘000 Exemplare. Stimmt das wirklich?

Ja und nein. Das ist eine Interpretationsfrage. Der Blick ist nach wie vor eine stark ereignisbezogene Verkaufszeitung, von der über die Hälfte der Auflage täglich am Kiosk verkauft wird. Und da gibt es je nach dem täglichen Geschehen grosse Schwankungen. So brachte der letzte Lawinenwinter absolute Spitzenverkäufe, ebenso das Millenniumslos-Spiel. Es gibt einzelne Tage, an denen wir knapp unter 300‘000 Exemplare verkaufen – da stimmt die Behauptung. An anderen Tagen sind es aber weit über 320‘000 Exemplare. Zusätzlich sind die einzelnen Wochentage in sich sehr unterschiedlich. Wichtig ist schlussendlich der Durchschnitt, der aus über 300 verkauften Ausgaben pro Jahr errechnet wird. Und da hat die WEMF gerade erst die Auflage des Blick mit 314‘157 verkauften Exemplaren für das Jahr 1999 offiziell beglaubigt.

Warum werden immer wieder solche Zahlen herumgeboten?

Als stärkste Zeitung der Schweiz hat der Blick natürlich mehr Beachtungswert bei den übrigen Medien und zudem immer wieder Neider.

Finanzchef Martin Werfeli hat diese Woche in einem Interview des Werbemagazins "persönlich" (Ausgabe vom April: "Martin Werfeli – Ringiers Kronprinz?" Anm. der Redaktion) gesagt, die KL sei mit den Resultaten des Blick in den letzten Jahren unzufrieden. Was können Sie tun, damit sich da was ändert?

Im Werbemarkt sind wir als Marktleader momentan sehr stark und erfolgreich. Martin Werfeli hat also mit seiner Antwort sicher den Lesermarkt gemeint. Und da sind wir auch schon auf gutem Weg. Wir haben ein paar Ideen und Projekte, wie wir die Auflage halten und ausbauen. Eines möchte ich dabei aber klarstellen: Als Einzelperson kann ich da sicher nichts verändern. Was es braucht, ist eine Zusammenarbeit im Dreieck – Verleger, Redaktion und Verlag.

Michael Ringier präzisierte, der Blick spüre noch keine Auswirkung durch die Konkurrenz der neuen Gratisblätter im Grossraum Zürich. Können Sie das bestätigen?

Ja – wie er aber auch sagte, ist es noch zu früh, um eine Entwarnung geben zu können. Wir nehmen diese Gratiszeitungen weiterhin sehr ernst und beobachten die Entwicklung sehr genau. Man weiss, dass das Leseverhalten sehr träge ist und sich langsam verändert. Deshalb dauert es noch bis in den Herbst, um verbindlich über diese Veränderungen orientieren zu können.

Längerfristig könnte es aber durch die Konkurrenz Probleme für den Blick geben…?

Das ist leider nicht auszuschliessen. In Ungarn zum Beispiel konnte der ungarische Ableger der Gratiszeitung Metro, die auch im Grossraum Zürich verteilt wird, nach einer gewissen Anlaufzeit Fuss fassen. Das könnte sich also durchaus auch bei uns wiederholen. Wir werden uns deshalb genau überlegen müssen, was wir gegen die Konkurrenz unternehmen können. Für mich kann dies zum grossen Teil nur über den Inhalt der Zeitung geschehen: Der Blick muss noch ereignis- und aktualitätsbezogener werden. Er muss mehr Mehrwert für die Leserschaft bieten durch Serviceleistungen wie "Auto", "Internet", "Gesundheit" und einzelne Leseraktionen. Und diese Sachen müssen leserfreundlich aufbereitet werden.

Im Moment bietet Blick kein Spiel, z.B. Bingo, an. Warum?

Bingo ist sehr kostenintensiv und hat sich auch etwas totgelaufen. Das heisst aber nicht, dass wir keine neuen Spielvarianten diskutieren.

Konkret?

Wir sind dabei, gemeinsam mit Dieter Riffel, dem Direktor der Landeslotterie, ein Spiel wie das erfolgreiche Millenniumslos auf die Beine zu stellen. Das sogenannte Countdownlos ist für das 4. Quartal geplant. Die Verhandlungen, auch mit dem Schweizer Fernsehen DRS, sind bereits sehr weit gediehen.

Man hört immer wieder, dass der Blick zu spät am Kiosk ist – was tun Sie dagegen?

Leider kommt es immer wieder zu solchen Verspätungen. Und das macht uns Sorgen. Es nützt nichts, wenn wir die besten und stärksten Zeitungen machen und aktuell über das berichten, was die Leser interessiert. Wenn wir nicht am Morgen früh, sondern erst um acht Uhr am Kiosk sind, bleibt der Blick liegen. Um dieses Problem lösen zu können, müssen wir das vorhin erwähnte Dreieck zum Rechteck oder Quadrat erweitern: Die Druckerei gehört als wichtiger Pfeiler ebenfalls dazu. Deshalb diskutieren wir diese Lieferverspätungen zurzeit sehr intensiv mit Adligenswil. Wir führen sehr harte Verhandlungen, denn das Problem muss unbedingt rasch gelöst werden. Wir werden unsererseits aber auch im Vertrieb zusätz- liche Fahrzeuge einsetzen, um Verspätungen wieder aufzuholen.

Stichwort Frühzustellung: Wann wird hier ein Entscheid fallen?

Die Projektgruppe diskutiert zurzeit noch über eine mögliche Frühzustellung in Teilgebieten der Schweiz. Dabei spielen die Kosten eine entscheidende Rolle: Eine Frühzustellung ist sehr kostenintensiv.

Welche Investitionen sind dazu nötig?

Das sind mehrere Millionen Franken.

Seit Anfang Jahr läuft die neue Blick-Werbung täglich am Fernsehen. Sind Sie mit dieser Kampagne zufrieden?

Ich habe mich damit gleich nach meinem Eintritt umfassend auseinandergesetzt und der verantwortlichen Werbeagentur einige ergänzende Punkte vermitteln können. Ich bin mit der Kampagne sehr zufrieden. Die positiven Reaktionen von aussen und innen beweisen auch ihren Erfolg. Hier gehört ein ganz grosses Kompliment der ausführenden Werbeagentur und der Redaktion.

Zum SonntagsBlick – macht er Ihnen Freude?

Der SoBli entwickelt sich überaus positiv – sowohl im Leser- als auch im Werbemarkt. Wir konnten die Auflage 1999 trotz Preiserhöhung sogar leicht steigern. Und der Trend zeigt weiter nach oben.

Wie waren die Reaktionen der Leser und der Werber auf den kürzlichen Relaunch des SoBli?

Der Relaunch war eigentlich eine logische Fortsetzung in der Entwicklung des Blattes, deshalb haben wir ihn auch nicht gross kommuniziert. Die Reaktionen – vor allem der Werber – waren aber durchwegs positiv – eine rundum gelungene Sache also!

Der SonntagsBlick hat immer wieder Auslieferverspätungen – so auch am letzten Sonntag. Was tun Sie, um dieses Problem beim Druck in den Griff zu bekommen?

Es stimmt – wir haben Probleme mit der Auslieferung des SoBli. Und weil über 90 Prozent der Auflage am Kiosk oder an Automaten verkauft wird, wirkt sich eine Verspätung noch verheerender aus als beim Blick und bringt massive Verluste für den Verlag. Auch hier liegt der Ball bei der Druckerei in Adligenswil: Sie muss mehr Mittel für Investitionen in vorbeugende Wartung der Anlagen freimachen, um eine pannenfreie Produktion zu gewährleisten. Die Diskussionen darüber laufen…

Der SoBli hat im vergangen Jahr leicht zugelegt, der Blick ganz wenig eingebüsst. Wie sieht es in den ersten drei Monates dieses Jahres aus?

Beim Blick wollen wir die Auflage des vergangenen Jahres halten. Da stimmt der Trend zurzeit. Die Auflage des SonntagsBlick wollen wir leicht steigern; die Zeichen dafür stehen gut. Im Werbemarkt entwickeln sich beide Titel sehr erfreulich.



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