24.11.2025

Susanne Wille

«Ich sehe es als meine Pflicht, die SRG zu verändern»

Die SRG-Generaldirektorin über den massiven Stellenabbau, warum die Halbierungsinitiative das Ende der heutigen SRG bedeuten würde – und weshalb sie trotz allem an die Zukunft des Medienhauses glaubt.
Susanne Wille: «Ich sehe es als meine Pflicht, die SRG zu verändern»
Susanne Wille am 22. November bei einer Veranstaltung in Lugano. (Bild: Keystone/Ti-Press/Pablo Gianinazzi)

Susanne Wille, Sie haben mit der Streichung von 900 Vollzeitstellen den grössten Abbau in der Geschichte der SRG bekanntgegeben. War Ihnen beim Stellenantritt bewusst, dass Sie in den ersten Amtsjahren als «Abbaudirektorin» wirken würden?
Die SRG ist wichtig für dieses Land. Als ich mich beworben hatte, war mir bewusst, dass es herausfordernd wird. Ich war und bin bereit, die SRG durch diese anspruchsvollen Zeiten zu führen und unternehmensweit zu transformieren. Dass wir nun den Abbau von 900 Vollzeitstellen bekanntgeben müssen, ist hart. Denn es geht nicht um abstrakte Zahlen, sondern um Menschen, die ihre Stelle verlieren werden. Menschen, die jeden Tag für unser Publikum einen Superjob machen. Das geht mir nahe. Gleichzeitig sehe ich es als meine Aufgabe, ja meine Pflicht an, die SRG zu verändern und in die Zukunft zu führen, das Medienhaus so aufzustellen, dass es trotz des politischen Sparauftrags weiterhin starke Sendungen und guten Journalismus machen kann. Und ich setze mich dafür ein, dass – trotz des massiven Stellenabbaus – die Mitarbeitenden im Unternehmen motiviert bleiben und wissen, wie wertvoll das ist, was sie jeden Tag tun.

Damit die Dimensionen etwas klarer werden: Die SRG beschäftigt heute rund 7000 Personen. Wie viele Angestellte verbleiben nach 2029 im Unternehmen?
Wie viele Mitarbeitende 2029 angestellt sein werden, lässt sich im Moment noch nicht sagen. Die heute rund 7000 Angestellten entsprechen rund 5600 Vollzeitstellen. Wenn davon 900 Vollzeitstellen abgebaut werden müssen, sind also voraussichtlich einiges mehr als 900 Personen betroffen. In den nächsten Monaten wird definiert, welche Positionen und Stellen im Unternehmen eingespart werden müssen.

«Gut die Hälfte aller Stellen kann via natürliche Fluktuation und Pensionierungen abgebaut werden»

Das Sparvorhaben besteht aus zwei Etappen. Der Abbau von 300 Stellen läuft bereits, weitere 600 fallen bis 2029 weg. Ein Teil davon könne über natürliche Fluktuation und Pensionierungen abgebaut werden, heisst es. Von welchen Dimensionen gehen Sie hier aus?
Erfahrungsgemäss kann gut die Hälfte aller Stellen via natürliche Fluktuation und Pensionierungen abgebaut werden. Aber wir werden uns darüber hinaus auch von vielen Mitarbeitenden trennen müssen. Was, wenn man die Situation im Medien-Arbeitsmarkt anschaut, wirklich eine schwierige Entscheidung ist. Denn gleichzeitig müssen auch etliche andere Schweizer Medienhäuser sparen und Personal abbauen. Wenn diese Fachkompetenz verloren geht, schwächt das den ganzen Medienplatz Schweiz.

Wird älteren Angestellten eine Frühpensionierung angeboten?
Es besteht heute keine konkrete Absicht dazu, und die SRG hätte auch nicht die Mittel, in diesem Bereich spezifische Anreize zu setzen. Alle Mitarbeitenden werden in diesem Prozess aber eng begleitet und unterstützt. Für diejenigen, welche die SRG verlassen werden, kommt ein Sozialplan zur Anwendung.

Insgesamt muss die SRG 270 Millionen Franken einsparen, weil der Bundesrat eine Senkung der Medienabgabe beschlossen hat und die Fernsehwerbung wegbricht. Die Streichung von 900 Vollzeitstellen ergibt grob gerechnet ein Sparpotenzial von rund 100 Millionen Franken. Wo sparen Sie die übrigen 170 Millionen?
Die Einsparungen durch den Stellenabbau betragen mehr, rund 135 Millionen Franken. Denn wir sparen auch Sozialleistungen und Arbeitsplatzkosten. Als Medienhaus, das mit qualifizierten Fachleuten täglich ein journalistisches Programm bietet, besteht rund die Hälfte unseres Budgets aus Personalkosten. Die restlichen 135 Millionen Franken des Sparauftrags wollen wir durch eine Vielzahl von Massnahmen einsparen.

Welche Massnahmen sind das konkret?
Etwa die Flächenreduktion an den Standorten und auch durch Reformen und Veränderungen in der Organisation: Wir spannen dort, wo es möglich ist, bei Strukturen, Prozessen und Systemen, schweizweit zusammen. Produktionen von Sport und Fiktion werden über die Sprachregionen hinweg gemeinsam geplant und umgesetzt, zudem werden die Produktionsmittel oder auch die Art und Weise, wie wir produzieren, vereinheitlicht. HR, Finanzen und Technologie bündeln wir ebenfalls SRG-weit und organisieren uns in regionalen Fachteams. Wir machen zusammen, was wir zusammen machen können, um trotz der Sparmassnahmen den Journalismus bestmöglich zu schützen. Trotzdem wird es noch weitere Veränderungen und Abstriche im Programm geben müssen.

«Die SRG braucht jederzeit eine starke strategische und operative Führung»

Die Geschäftsleitung der SRG wird von acht auf sieben Mitglieder reduziert. Steht diese minimale Anpassung auf der Führungsetage in einem angemessenen Verhältnis zum massiven Einschnitt an der Basis?
Die SRG wird kleiner. So auch die Geschäftsleitung. In der neuen, verkleinerten Geschäftsleitung müssen aber weiterhin alle sprachregionalen Einheiten Platz haben. Denn die Stärke und Verankerung in den Regionen bleibt die DNA der SRG. Auf dem Weg zu einer transformierten, effizienteren, beweglicheren und digitalen SRG braucht es aber jederzeit eine starke strategische und operative Führung. Und übrigens: Die Verkleinerung der Geschäftsleitung um 12,5 Prozent erfolgt in einem ähnlichen Verhältnis wie der Stellenabbau insgesamt, der 16 Prozent des Personals beträgt.

Ein solches Sparprogramm wird sich auch auf das Angebot auswirken. Werden Sie den Abbau dem Publikum so vermitteln können: Ihr zahlt nun weniger, dafür kriegt ihr halt auch weniger?
Klar nein. Wir setzen alles daran, zuerst in den Organisationsstrukturen zu sparen, um den Journalismus und das Programm so stark wie möglich zu schützen. Aber bei einem derart hohen Sparbetrag, wie er uns von der Politik vorgeschrieben wird, ist es nicht zu vermeiden, dass er sich auch auf das Angebot auswirkt. Trotzdem: Unserem Publikum versprechen wir, dass wir trotz Sparauftrag unser Bestes geben, auch weiterhin ein vielseitiges, viersprachiges, qualitativ hochstehendes Programm anbieten. Etwas, was bei einer Annahme der Halbierungsinitiative, also mit nur noch dem halben Budget, definitiv nicht mehr möglich wäre.

Wissen Sie heute schon, welche Regionen und Abteilungen in welchem Mass Federn lassen müssen?
Es ist noch zu früh, über ganz konkrete Auswirkungen der Sparmassnahmen zu sprechen. Wir arbeiten daran. Aber es geht nicht nur ums Sparen. Die grosse Aufgabe ist es, die SRG – mit weniger Mitteln – für die Zukunft aufzustellen. Wir müssen uns als Medienhaus verändern, digitaler werden, um die Menschen auch in Zukunft im Alltag begleiten zu können, mit starken Inhalten und Geschichten, verankert in den Regionen.

«Wir machen künftig das zusammen, was wir zusammen machen können»

Der Kern Ihrer Transformationspläne ist die Zentralisierung. Abteilungen und Dienste, die heute SRF, RTS und RSI einzeln erbringen, werden unter dem Dach der SRG zusammengelegt. Inwieweit lassen sich damit Synergien erzielen, die den Abbau im Angebot abzumildern vermögen?
Bei unserer Transformation geht es nicht um eine Zentralisierung. Die Arbeitsplätze bleiben ja in den Regionen. Aber wir machen künftig das zusammen, was wir zusammen machen können, um sicherzustellen, dass von jedem Franken der Medienabgabe, den die Menschen in der Schweiz zahlen, ein möglichst hoher Betrag direkt in den Journalismus fliesst. Gleichzeitig bleibt so die grosse Stärke und Einmaligkeit der SRG seh- und hörbar: die starke Verankerung in den verschiedenen Landesteilen, die Vielfalt der Themen und Sprachen sowie Programme für Jung und Alt, in Stadt oder Land, für Minderheiten oder Mehrheiten.

Mit dem Abbau von 900 Stellen kann man der SRG nicht mehr vorwerfen, dass sie nicht spart. Hilft das im Abstimmungskampf um die Halbierungsinitiative?
Das sind zwei verschiedene Dinge. Der Bundesrat hat entschieden, dass die Gebühren von 335 Franken auf 300 Franken sinken sollen. Und die SRG muss reformiert werden, um künftig beweglicher, schlanker und digitaler zu sein. Dem begegnen wir mit dem Transformationsprozess «Enavant», den wir konsequent und entschlossen vorantreiben. Dass wir heute transparent aufzeigen, was das konkret bedeutet, sehe ich als unsere Pflicht an gegenüber unseren Mitarbeitenden und gegenüber der Öffentlichkeit, insbesondere jenen gegenüber, welche Jahr für Jahr die Medienabgabe zahlen. Aber mit Enavant bleiben wir in den Regionen verankert.

Das wäre mit einer Senkung der Haushaltsabgabe auf 200 Franken nicht mehr gewährleistet?
Die Halbierungsinitiative ist so radikal, dass sie das Ende der SRG, wie wir sie kennen, des heutigen medialen Service public, bedeuten würde. Mit der Halbierungsinitiative würden bei der SRG rund 800 Millionen Franken wegfallen. Eine regional verankerte SRG, die nah bei den Menschen ist, überall ein starkes Programm bietet und Menschen verbindet, gäbe es danach nicht mehr. Die Folgen wären massiv. Für die Regionen, für das Publikum, für das Programm, aber auch für den Medienplatz Schweiz. Denn 800 Millionen Franken, die man aus dem Schweizer Mediensystem zieht, kommen nicht mehr zurück. Profitieren würden ausländische Akteure. Der Schweizer Journalismus würde dagegen insgesamt weiter geschwächt. Aber heute ist es definitiv nicht die Zeit für riskante Experimente. Ich kämpfe darum für eine starke SRG, die eine wichtige Rolle spielt für eine starke und verlässliche Schweiz.

Sollte die Halbierungsinitiative am 8. März 2026 angenommen werden, müssten Sie noch mehr sparen. Könnten Sie dann einfach einen Zacken zulegen mit dem bestehenden Sparprogramm?
Die Ausgangslage wäre komplett neu. Es ist jetzt schon eine riesige Aufgabe, die 270 Millionen Franken einzusparen. Die erste Gebührensenkung erfolgt ja bereits am 1. Januar 2027, also in rund einem Jahr. Die Behauptung, eine Halbierung der Mittel könnte durch weitere Sparprogramme aufgefangen werden, ist falsch. Fakt ist, Bundesrat und Parlament müssten einen neuen Leistungsauftrag definieren, der aber dann sicherlich nicht mehr ein Programm, wie wir es kennen, mit Information, Sport, Kultur, Wissenschaft, Sport- und Kulturförderung, flächendeckend im und fürs ganze Land umfassen könnte. Denn eine Informationsgrundversorgung wie heute – produziert in vier Sprachen in den Sprachregionen selbst, mit einer SRG, die in allen Landesteilen präsent und verankert ist – könnte definitiv nicht mehr gewährleistet werden.


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KOMMENTARE

Rolf Weber
27.11.2025 18:07 Uhr
Ich schaue schon lange nicht mehr SRF ,sie sind nicht mehr fähig eine richtige Tageschau am Nachmittag zu senden, der größte Witz ist Meteo das sie es nicht mehr auf dem Meto Dach senden. Und diese geschnur am Sonntag ist Katastropheal. Da reichen 200.- für die SRG.
Victor Brunner
25.11.2025 10:40 Uhr
SRG SSR kann viel sparen. Beispielsweise bei den Löhnen, entsprechen die dem Median der Löhne den Medianlöhnen der anderen Medien? Es ist auch nicht ersichtlich warum der VRP von SRG SSR mehr als Fr. 150'000 im Jahr bekommt. Auch die Löhne des Managements müssen auf den Prüfstand. Bei den Programmen stellt sich die Frage muss jedes Schwingfest übertragen werden, können Private auch. Oder müssen ganze Teams mit Mona auf Auslandreisli. Muss Barbara Lüthi mit Team für den Club in die USA wo es Korrespondenten vor Ort gibt die über den Zustand des Landes berichten können. Auch muss untersucht werden warum die Werbeeinnahmen sinken, liegt es an den Sendungen oder taugt das Marketing von SRG SSR wenig?
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