12.07.2013

Walter Scheibli

"Ich war immer der erste Journalist im Stadion"

Eine Sportreporterlegende verabschiedet sich vom Mikrofon. Nach 33 Jahren beim Zürcher Sender Radio 24 und noch viel mehr Jahren als ZSC-Fan tritt der 81-jährige Walter Scheibli in den Hintergrund. Wie er im Interview mit persoenlich.com sagt, wird er dennoch ab und zu im Stadion anzutreffen sein. Weiter verrät er, was er nebst "Tsäteszee" sonst noch gerne sagt, was mit dem legendären, gelben Pulli passiert und was ihn mit Radio 24 verbindet.
Walter Scheibli: "Ich war immer der erste Journalist im Stadion"

Herr Scheibli, sie geben das Mikrofon mehr oder weniger ab. Fällt Ihnen der Abschied schwer?
Nicht so besonders. Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, einmal aufzuhören. Schon in der letzten Saison habe ich mit einigen Ausnahmen keine Auswärtsspiele des ZSC mehr kommentiert. Sondern nur die Partien im Hallenstadion. Vom Alter her ist es ja jetzt mit bald 81 Jahren höchste Zeit das Mikrophon abzugeben. In Ausnahmefällen kann es  aber auch in Zukunft weiterhin Einsätze für mich bei Radio 24 geben.

Sie sind der Mann der dramatischen Stimme. Hat sie schon einmal im falschen Moment versagt?
Ganz versagt hat die Stimme während einer Partie noch nie, aber heiser war ich schon mehrmals. Und ich musste schon absagen, weil die Stimme im Vorfeld weg war.

Pflegen Sie eigentlich Ihr Stimmorgan auf besondere Weise?
Wenn die Stimme einmal angeschlagen war, habe ich viel Tee getrunken. Während den Partien muss man viel Flüssigkeit zu sich nehmen. Natürlich keinen Alkohol sondern nur Wasser.

Wie bereiteten Sie sich jeweils auf die Spiele vor? Haben Sie ein Ritual, welches Sie immer durchführten?
Ein Markenzeichen ist sicher, dass ich immer der erste Journalist im Stadion war. Wenn es einmal Probleme mit der Technik gab, konnte man noch reagieren. Zudem geniesse ich die Atmosphäre vor den Partien. Man sieht im Stadion immer wieder spannende Leute, kann sich auf das Spiel vorbereiten und verfolgt die Spieler beim Einlaufen.

Niemand betont die drei Buchstaben "ZSC" so schön wie Sie. Was sagen Sie eigentlich am Zweitliebsten?
FCU (für FC Unterstrass Zürich)

Sie sind eine Radiolegende. Sie besitzen eigene Autogrammkarten. Fans skandieren ihren Namen im Hallenstadion. Sie werden gefeiert wie ein Star.
Die Stars sind die Spieler auf dem Eis. Aber ich gebe schon zu, dass ich die „Walter Scheibli-Rufe“ der Fans im Hallenstadion genossen habe. Und auch Autogramme gab ich immer gern.

Ihr Sohn "Walter J." ist ebenfalls seit Jahren im gleichen Beruf tätig. Was fehlt ihm noch zur Legende?
Ihm fehlen mindestens noch zehn Jahre. Denn eine Legende wird man ja erst, wenn sich die Karriere dem Ende neigt oder sie sogar schon beendet ist.

Wenn Sie zuhause Sport konsumieren: Welchen Kommentator ertragen Sie nicht?
Den einen Reporter hört man lieber, den anderen weniger. Aber ertragen kann ich alle, ich muss bei keinem abschalten.

Während 33 Jahren waren Sie für Radio 24 im Einsatz. Was verbindet Sie mit dem Sender?
Mit Radio 24 verbinden mich unzählige Erinnerungen. Die vielen Reisen mit GC, dem FCZ oder der Nati ins Ausland. Die Ski Weltmeisterschaft in Crans-Montana. Unzählige 6-Tage-Rennen sowie der CSI im Hallenstadion und die vielen Reportagen zusammen mit Markus Gilli von der Tour de Suisse. Vor allem aber die Spiele des ZSC.  

Live-Sporteinschaltungen wird es ab August beim Zürcher Sender nicht mehr regelmässig geben. Man will nur noch bei den absolut wichtigsten Eishockey- und Fussballspielen präsent sein. Was halten Sie von diesem Entscheid?
Ich hätte natürlich anders entschieden und weiterhin alle Fussball und Eishockeypartien live gebracht. Radio 24 und die Sportreportagen sind eine Erfolgsgeschichte. Beide Seiten profitieren davon, das Radio und die Zürcher Sportvereine.

Hätten Sie sich vorstellen können, auch bei einem anderen Sender die Spiele zu kommentieren?
Ich habe früher einmal für das damalige Radio DRS reportiert. Allerdings kamen meine emotionalen Reportagen bei der Sportredaktion nicht so besonders an. Beim Start von Radio Z hatte ich ein Angebot, habe mich aber entschieden, weiterhin für Radio 24 zu reportieren. Das war ein guter Entscheid gewesen.

Wenn Sie zurückblicken: Was sind die grössten Highlights ihrer Karriere?
Da gibt es unzählige Erinnerungen, die kann man nicht alle aufzählen Besonders war der Start, als Radio 24 noch als Pirat aus Como gesendet hat. Man konnte am Natel nur drei Minuten telefonieren. Danach war die Linie tot, man musste also rechtzeitig Schluss machen.  

Sie sassen immer mitten im Geschehen. An welchem Spiel ging es am Heissesten zu und her?
Das war der Playoff-Viertelfinal des ZSC gegen John Slettvolls Grande Lugano. Als man sich 1992 völlig überraschend durchsetzen konnte und danach ganz Oerlikon eine Festhütte war. Oder die beiden Meistertitel 2000 und 2001 im Final wieder gegen Lugano. Oder die Aufstiegsfeiern in den 80er Jahren im alten und verrauchten Hallenstadion. Als das Team noch als Zürcher SC und nicht als ZSC Lions antrat.

Wo werden Sie den nächsten ZSC-Match mitverfolgen?
Ich nehme an, dass ich den Meisterschaftsstart am 12. September gegen Fribourg im Hallenstadion als Zuschauer sehe. Als ZSC-Ehrengast auf Lebzeiten erhalte ich jede Saison zwei Saisonkarten.

Was passiert mit dem legendären gelben Pulli?
Der bleibt vorerst im Schrank und wird sicher nicht entsorgt. Sollte der ZSC im nächsten Frühling in den Playoffs um den Meistertitel spielen, wird dies bei Radio 24 live reportiert. Dann wird man mich mit dem gelben Pullover wieder im Hallenstadion sehen.

Interview: Corinne Bauer/ Bilder: Keystone

 



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