Herr Walder, Sie verabschieden sich mit dem Antritt als Ringier Schweiz-Chef einstweilen vom Journalismus. Was liegt Ihnen mehr, das Verlagsbusiness oder die publizistische Tätigkeit?
Das ist eine provokative Frage. Denn ich verabschiede mich natürlich nicht vom Journalismus. Wer in der Schweiz ein Medienhaus führt, macht doch nichts anderes. In der neuen Struktur haben wir zudem ein neues Element eingeführt: Die Chefredaktoren werden mir unterstellt sein. Das zeigt, dass ich sehr nahe bei den Redaktionen bleibe. In den letzten Jahren habe ich intensiv strategisch gearbeitet. Dies hat mir gefallen -- auch der kommerzielle Teil meiner Arbeit hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Ich würde deshalb von einem Gleichgewicht zwischen klassischem Management und journalistischer Tätigkeit sprechen. Meine Aufgabe besteht nicht mehr darin, eine Zeitung oder Zeitschrift zu produzieren, sondern sie auf ihrem Weg in die Zukunft zu begleiten.
Werden Sie selber noch Texte verfassen?
Ich werde weiterhin mit Frank A. Meyer einen Espresso trinken gehen -- und darüber diskutieren, ob wir unsere Kolumne im Magazin des "SonntagsBlick" weiterführen werden. Was ich sicherlich nicht mehr schreiben werde, sind Editorials oder Kolumnen. Aber ich möchte wie gesagt nahe an der journalistischen Arbeit im Haus bleiben.
Thomas Landolt hat Ringier Schweiz aus der Warte eines Unternehmensberaters geführt, Ihr Vorgänger Daniel Pillard betonte die publizistische Seite. Wo sehen Sie sich in diesem Spannungsfeld?
Von Haus aus bin ich Journalist. Ich verbrachte die letzten zwölf Jahre in Chefredaktionen. Auf der anderen Seite habe ich mich in den letzten Jahren stärker hin zum Management entwickelt. Wichtig ist, dass beide Seiten verstanden werden -- und dass jemand nicht sofort den Stallgeruch hat, ein Buchstabenmensch oder eben ein expliziter Zahlenmensch zu sein. Vielmehr werde ich integrierend wirken und beide Seiten berücksichtigen.
Sie hatten lange Zeit das Image eines Saubermanns. Können Sie auch die Rolle des knallharten Managers einnehmen?
Wenn man einen diskreten, eher leisen Umgangston pflegt, heisst das noch lange nicht, dass man nicht konsequent handeln kann. Innerhalb der Blick-Gruppe kam es in den vergangenen eineinhalb Jahren zu Turnaround-Situationen, in denen es galt, hart und konsequent zu sein. Ich bin ebenso bekannt dafür, akribisch und hartnäckig zu sein, wenn es um das Erreichen von Zielen und das Setzen von Richtlinien geht. Aber dies darf ruhig in einer angenehmen Art und Weise geschehen.
Wo sehen Sie die grössten Baustellen bei Ringier Schweiz?
Ich möchte noch nicht über die strategische Zukunft von Ringier sprechen. Ich mache das gerne, wenn ich einmal als Chef von Ringier Schweiz im Amt bin. Nur soviel: Wir werden als erstes die neue Organisation implementieren. Als nächstes wollen wir dann eine Strategie für die Schweiz definieren. Dann werden wir diese in die einzelnen Bereiche dividieren und festlegen, was dies für die einzelnen Zeitungen, Zeitschriften, die wichtigen Bereiche New Media und Fernsehen heisst. Dann werden wir anhand dieser Strategie unser Geschäft konsequent vorwärts treiben.
Sprechen wir über den Ist-Zustand: Die Blick-Gruppe wurde von vielen grundlegenden Veränderungen erschüttert. Wie geht es der Marke "Blick" heute?
Beginnen wir beim "SonntagsBlick": Dessen Magazin wurde erfolgreich komplett neu ausgerichtet, in der Folge erfuhr auch der "SonntagsBlick" einen Relaunch. Wir dürfen heute sagen, dass dies gelungen ist. Wir befinden uns auf einem sehr guten Kurs.
Halt! Der "SonntagsBlick" hat vergangenes Jahr laut Wemf 60'000 Leser verloren.
Der Leserrückgang ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: Erstens haben wir den Preis des "SonntagsBlick" von 3 auf 3.50 Franken erhöht. Das hat einen Einfluss auf den Einzelverkauf. Zweitens haben wir mit "Sonntag" einen neuen Player auf dem Markt: 200'000 Haushalte erhalten neu eine Zeitung am Sonntag -- unbesehen davon, ob sie es wollen oder nicht. Auch dies hat einen Einfluss auf den Einzelverkauf. Was mich aber positiv stimmt: Wir verzeichnen bei den Abonnenten eine klare Zunahme. Das ist ein gutes Zeichen. Offenbar sind die Leute zufrieden mit unserer Zeitung. Ich schlafe also ruhig, wenn ich an den "SonntagsBlick" denke.
Wie lautet Ihr Fazit zum neuen "Blick am Abend" nach drei Wochen?
Die One Brand-Strategie der Blick Gruppe mit dem "Blick am Abend" scheint aufzugehen: Sowohl im Leser- als auch im Anzeigenmarkt ist das Echo äusserst positiv.
Können Sie das an Zahlen festmachen?
Ja. Es greifen mehr Leute zum "Blick am Abend" als zuvor zum "heute". Die Zunahme liegt im Bereich von mehreren 10000 zusätzlichen Lesern. Fairerweise muss ich aber sagen, dass wir die Euro hatten, was diese Steigerung sicherlich teilweise erklärt. Trotzdem gehen wir davon aus, dass der "Blick am Abend" mehr Sex-Appeal hat, was zu einer grösseren Pick-up-Rate führt.
"heute" tat sich vor allem im Anzeigenmarkt schwer. Ist das auch beim "Blick am Abend" so?
Der Anzeigenmarkt war letztlich ein wichtiger Grund, weshalb "heute" durch den "Blick am Abend" ersetzt wurde. Die Tendenz war aber schon bei "heute" positiv -- und diese Kurve zeigt weiterhin nach oben. Der Relaunch hat diesen Aufwärtstrend zweifellos beschleunigt.
Und wie hält sich der rundum erneuerte "Blick"?
Die Umstellung auf das Einbund-Konzept hat jene Irritationen gebracht, die wir erwartet haben. Dass man den "Blick" nun umkehren muss, um den Sport zu lesen, hat anfangs ebenfalls Reaktionen ausgelöst. Diesen anfänglichen Diskussionen zum Trotz: Die Fakten sprechen dafür, dass die neue Zeitung ankommt. Die bezahlte Abo-Auflage liegt höher als im Vorjahr. Der Anzeigenumsatz ist im gleichen Zeitraum um über 5 Prozent gestiegen. Im Einzelverkauf befinden wir uns in einem steten Verdrängungskampf.
Heisst das, dass sich der "Blick" im Einzelverkauf rückläufig entwickelt?
Nein. Im Einzelverkauf verzeichnen wir stabile Zahlen. Unser Ziel ist aber, dass wir mehr verkaufen, als im Vorjahr.
Vor allem das Flip-Over-Konzept des "Blick" stört nach wie vor viele Leser. Ist eine Rückkehr zum alten Konzept ohne Umdrehen denkbar?
Nein, das ist kein Thema. Genauso wenig ist es ein Thema, dass wir zu einem Zwei-Bund-Konzept zurückkehren würden. Eine stete Debatte gibt es dagegen zur redaktionellen Konzeption und der Blatt-Aufmachung. Der "Blick" hat aber gerade in den letzten Wochen mit der Euro und dem Schlauchbootdrama seine Stärken eindrücklich ausspielen können.
"Blick"-Sportchef Walter De Gregorio sagte gegenüber "persoenlich.com" vor einigen Tagen, die Sportredaktion befinde sich in einer Auf- und Umbruchphase. Müssen Sie nach der Neulancierung des "Blick" im März bereits die nächste Umbauphase ausrufen?
Das Blatt und die Redaktionen sind nicht schon wieder, sondern immer noch im Umbruch. Das heisst, die Prozesse sind neu, die Blattgestaltung ist neu, die Verantwortlichkeiten sind neu und die Verteilung der Funktionen ist neu. Das führt dazu, dass die Fluktuation auf der Redaktion hoch ist. Ich verfolge die Entwicklung aber gelassen und gehe davon aus, dass diese Phase bereits diesen Sommer abgeschlossen sein wird.
Haben Sie einen Kannibalisierungseffekt vom "Blick am Abend" auf den "Blick" am Morgen festgestellt?
Nein. Ich habe intern stets folgendes Bild vermittelt: "Blick" spielt ein Tennis-Match in einem grossen Stadion. "Blick am Abend" dagegen spielt Pingpong in einer Badi. Bei Blick am "Abend am Abend" trägt man Flip-Flops, man spielt in Shorts, man hat Fun, die Ballwechsel gehen zügig hin und her. Die beiden Zeitungen sind wie die beiden Sportarten verschieden -- und besitzen zwei verschiedenen Leserstrukturen mit verschiedenen Erwartungshaltungen. Beide "Blick"-Titel strahlen dabei eine grosse Attraktivität aus. Dass jemand wegen dem "Blick am Abend" den "Blick" am Morgen nicht kauft, ist daher abwegig.
Man hört in der Branche, dass die "Schweizer Illustrierte" auch schon in besserer Verfassung war. Entwickelt sich der Goldesel von Ringier nach und nach zum Sorgenkind?
Mit der "Schweizer Illustrierten" verdient Ringier immer noch viel zu gut, als dass man die Zeitschrift auch nur annähernd ein Sorgenkind nennen könnte. Das vergangene Jahr war kommerziell hervorragend. Der neue Chefredaktor Dominic Geisseler ist derzeit daran, seine Anpassungen am Heftkonzept anzubringen. Es ist üblich, dass in dieser Phase der Veränderung gegen aussen Zeichen entstehen können, die auf eine gewisse Unruhe hindeuten.
Es heisst, dass die Zeitschrift künftig Elemente eines Nachrichtenmagazins beinhalten soll. Ist an diesen Spekulationen etwas dran?
Die "Schweizer Illustrierte" wurde als People-Magazin erfolgreich, und die "Schweizer Illustrierte" soll ein erfolgreiches People-Magazin bleiben. Punkt. Darum gilt es ständig die Frage zu beantworten, wie ein attraktives People-Magazin in Zukunft aussieht.
(Interview: David Vonplon)

