Andrea Bleicher, wie Sie selbst auf LinkedIn schreiben, haben Sie ein Projekt gestartet, das a priori einen schwierigen Stand haben wird: ein journalistisches Printmagazin über Frauenfussball. Haben Sie etwas zu beweisen?
(Lacht). Ja, wir wollen schon etwas beweisen. Wir wollen beweisen, dass man mit Print und einem hochwertigen Magazin und gutem Journalismus immer noch erfolgreich sein kann.
Was bringt Print für Ihr Magazin, das ein reines Onlinemedium nicht kann?
Für uns war von Anfang an klar, dass wir ein Printmagazin machen wollen. Und zwar wirklich ein Magazin, kein Heft. So kann man die Geschichten in einem Bundle zu den Leuten bringen. Sie sollen alles in der Hand haben und bis das nächste Magazin wieder rauskommt, etwas davon haben. Online ist schnelllebiger. Unser Magazin soll keine Newsplattform sein.
«Die eigentliche Inspiration kommt von einem anderen Sport»
Sie arbeiten mit Livesystems zusammen. Ihre Inhalte werden während der EM auf Werbebildschirmen ausgestrahlt. Das Format wird bisher eher für News genutzt.
Wir wollen, dass «Frau Müller» während der EM sichtbar ist. Die Screens sind ein anderer Kanal, um präsent zu sein. Es werden Teaser von Geschichten aus dem Magazin gezeigt.
Wie sind Sie auf die Idee von einem Frauenfussballmagazin gekommen?
Die eigentliche Inspiration kommt von einem anderen Sport. Ich war an der Biathlon-Weltmeisterschaft in der Lenzerheide. Ich fand interessant, dass viele Leute, die sich für den Sport interessieren, physisch vor Ort sind. Damit kann das Zielpublikum erreicht werden. Ein Printmagazin sollte da attraktiv sein, auch für Werbekunden.
Die Idee kam also mehr aus einer Leidenschaft für Print als für Frauenfussball?
In erster Linie ist meine Leidenschaft Journalismus. Ich finde das Format Magazin faszinierend – vielleicht auch wegen meines Alters. Und ich glaube, dass man vor allem in der Nische erfolgreich sein kann. Ich glaube auch, dass Frauenfussball sehr viel Potenzial hat, das noch nicht ausgeschöpft ist. Aber wenn Sie mich fragen, ob das meine Lieblingssportart ist, sage ich Nein. Ich will auch nicht einen «Fan-zin» machen. Es soll ein Magazin werden, das sich verschiedene Facetten der Sportart anschaut. Es darf auch kritisch sein.
Bringt jemand im Team tiefgründige Fussballkenntnisse mit?
Wir haben Laura Kaufmann Rivas, die beim FCZ fotografiert hat und für ihre Masterarbeit die Fankultur im Frauenfussball erfasst hat. Sie macht sich seit Jahren viele Gedanken darüber, und davon können wir extrem profitieren. Andrea Müller hat selber Fussball gespielt. Und bei den Autorinnen hat es noch mehr Leute mit Fussballerfahrung.
Ihre Geschäftspartnerin Andrea Müller ist Mitgründerin des Magazins. Ist «Frau Müller» nach ihr benannt?
Als wir entschieden haben, das Magazin zu machen, wollte ich es «Gazette» nennen als Anspielung auf Female Gaze. Ich hatte das Gefühl, dass es eine geniale Idee war. Meine Kollegin hat mich angeschaut und gesagt, da komme niemand drauf. Dann hat Andrea Müller gesagt, es müsse etwas Einfacheres sein, zum Beispiel «Frau Müller». Und das war es. Der Name ist interessant, weil jeder etwas reininterpretieren kann.
«Wir sind zwar in einer Bewegung, aber bei uns wird Zürich nicht brennen»
Wenn man «Frau Müller» und «Fussball» googelt, kommen tatsächlich verschiedene Möglichkeiten zum Vorschein.
Normalerweise fragen die Deutschen, ob es nach Gerd Müller benannt ist. Was mir auch gefallen hat, sind Herr und Frau Müller aus den Jugendunruhen in Zürich.
Der Auftritt der Aktivisten als bürgerliches Ehepaar in einer SRF-Talkshow war eine Provokation. Will «Frau Müller» auch provozieren?
Wir wollen schon Dinge anders machen. Sonst müsste man kein neues Produkt anfangen. Wir sind zwar in einer Bewegung, aber bei uns wird Zürich nicht brennen.
Haben Sie für Ihr Magazin ein Vorbild?
Nicht ein Vorbild, sondern unterschiedliche Elemente aus unterschiedlichen Sachen. Es sollte eine Mischung – auch hier erinnern sich ältere Leser – zwischen Tempo, Spiegel und Stern sein. Also klassischer Reportagejournalismus, aber auch sehr zeitgemäss und frisch. Auch von der Grafik her soll es ein starkes, modernes Magazin sein, etwas, das man gern anschaut.
Sie haben auch geschrieben, dass das Magazin Gruppetto, das dem Radsport gewidmet ist, Ihnen «Mut gemacht hat». Was haben Sie von Gruppetto mitgenommen?
Es braucht eine Community, die das Heft trägt. Wenn man in grossen Medienhäusern arbeitet, schickt man das Produkt einfach raus. Bei so einem Projekt ist man viel näher an den Leuten und bekommt etwas von ihnen zurück. Es können auch andere Sachen daraus entstehen.
Wie was zum Beispiel?
Wie Veranstaltungen. Wir machen während der EM ein Public Viewing. Das soll das Magazin erlebbar machen. Ich möchte auch mal ein Fussballturnier veranstalten.
Frauenfussball erlebt ein Momentum. Das Interesse wird immer grösser. Auch bei den Kindern ist Fussball immer weniger eine Jungssache. Was treibt diese Bewegung voran?
Sie ist schon vor der EM entstanden, diese wird es aber noch weiter pushen. Ich glaube, das Interesse hat mit den internationalen Turnieren zu tun, die jetzt im Fernsehen ausgestrahlt werden. Andere Länder sind noch weiter. In Frankreich und England entstehen rund um den Grassroots-Fussball kreative Sachen, wie Hybride von Mode oder Musik und Fussball.
«In der Schweiz sind die meisten Sportjournalisten immer noch Männer»
Sie waren lange Journalistin, bevor Sie 2017 die Storytelling-Agentur Panda & Pinguin mitgegründet haben. Nun kommen Sie mit dem Magazin zu Ihren Wurzeln zurück. Hat Ihnen der Journalismus unter den Nägeln gebrannt?
Er lässt auch nie los. Ich habe viele andere Sachen gemacht, wie Bücher und Magazine im Auftrag. Ohne diese Erfahrungen hätte ich dieses Projekt nicht gestartet. Und dadurch, dass ich gegangen bin, habe ich auch wieder Freude dran. Journalismus ist etwas vom Besten, was man machen kann.
In den sozialen Medien publiziert «Frau Müller» immer wieder freche Teaser. Der eine schreibt: «Männer sind mitgemeint». Ist «Frau Müller» auch eine Feministin?
Klar. In unserem Kernteam sind fünf Frauen. Natürlich wollen wir auch etwas verändern. In der Schweiz sind die meisten Sportjournalisten immer noch Männer.
Soll «Frau Müller» auch Männer ansprechen?
Unsere erste Zielgruppe sind Frauen. Aber es gibt natürlich auch Männer, die sich für Frauenfussball interessieren. Beim Crowdfunding haben wir viele Männer, die mitfinanzieren.
Das Thema Frauenfussball von dem Männerfussball zu trennen: Ist das nicht kontraproduktiv? Würde es der Causa nicht mehr bringen, wenn es in die allgemeine Fussballberichterstattung besser integriert wäre?
Vielleicht schon. Die Frage ist nur, wie lange es dauert, bis sich etwas ändert. Die Redaktionen haben nicht unendlich viele Mittel und Ressourcen. Sie müssen sich überlegen, wo sie ihre Mitarbeitenden einsetzen. Setzen sie sich für Frauenfussball ein? I'm not so sure. Darum gibt es jetzt uns.
«Wir machen jetzt das Heft und danach kann man beweisen, dass man es wirklich will»
Die erste Ausgabe, die durch Crowdfunding finanziert wurde, soll just zum Start der Frauenfussball-EM in der Schweiz erscheinen. Welche Themen erwarten die Leserinnen und Leser?
Wir haben zum Beispiel eine Reportage aus Savièse im Wallis, wo zwei Nationalspielerinnen herkommen. Es gibt auch einen wirtschaftlichen Aspekt. Es geht um Investorengruppen, die in Frauenfussball investieren. Warum machen sie das? Wir haben auch kurze Stücke, wie zum Beispiel über Songs im Frauenfussball. Und dann noch ein Stück, das erkundet, warum Alisha Lehmann so stark polarisiert.
Irgendwann ist die EM vorbei. Wie geht es mit «Frau Müller» dann weiter?
Ganz am Anfang, als die Idee ein Embryo war, hatten wir gedacht, dass wir nur ein Heft für die EM machen. In Gesprächen wurde uns versichert, dass die Community auf das Heft wartet und mehr als ein Heft will. Ich habe aber in der Vergangenheit gelernt, dass die Leute viel erzählen, bis sie dafür zahlen müssen. Wir machen jetzt das Heft und danach kann man beweisen, dass man es wirklich will. Journalismus gibt es nicht gratis.
Wie viele Abos sollen es sein, damit das «Frau Müller» nach der EM bestehen bleibt?
Idealerweise wären es 3000 Abos. Es ist nicht illusorisch. Wenn wir das nicht erreichen können, wäre es etwas traurig. Es ist auch nicht krankhaft teuer. Wir rechnen mit 50 Franken für zwei Ausgaben. Die Frage ist: Wollen es die Leute?


