22.04.2026

Nebelspalter

«Ich will meine eigene Marke ausbauen»

Michèle Binswanger verlässt nach 20 Jahren den Tages-Anzeiger und wechselt zum Nebelspalter. Im Interview erklärt die Journalistin den Schritt und blickt auf die Highlights zurück.
Nebelspalter: «Ich will meine eigene Marke ausbauen»
«Natürlich war auch meine Recherche zur Zuger Landammann-Affäre ein Highlight, bei der mich Tamedia so grossartig unterstützte», so Michèle Binswanger, die im Sommer den Tages-Anzeiger verlässt. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Frau Binswanger, Gratulation zu Ihrem neuen Job. Was war der Ausschlag für Ihren Wechsel zum Nebelspalter?
Ich hatte bei Tamedia eine grossartige Zeit und konnte vieles ausprobieren. Nun aber will ich verstärkt meine eigene Marke ausbauen und neue Formate entwickeln. Dafür sind schlankere Strukturen wie beim Nebelspalter besser geeignet.

Wann werden Sie bei Markus Somm starten?
Am 1. September.

Werden Sie den Platz von Dominik Feusi übernehmen, der zur NZZ wechselt, und künftig auch «Bern einfach» machen?
Ich schätze Dominiks Arbeit sehr, werde aber mein eigenes Profil und meine Themen einbringen. Das Ziel ist natürlich, beim Nebelspalter neue, starke Akzente zu setzen, die beim Publikum ähnliche Resonanz finden.

Wie sieht Ihr künftiger Aufgabenbereich aus? Gibt es von Seiten des Nebelspalters bestimmte Vorgaben?
Gesetzt sind bisher der eigene Podcast sowie ein wöchentlicher Newsletter. Aber sicher werde ich auch weiterhin Recherchen machen, Kommentare schreiben und das Daily Business online begleiten.

Sie haben 20 Jahre beim Tages-Anzeiger gearbeitet, wurden mit diversen Journalistenpreisen ausgezeichnet, rückblickend gesehen: was war für Sie das Highlight?
Es gab einige. Zunächst natürlich die Tschanun-Recherche: Nachdem ich per Zufall vernommen hatte, der Zürcher Amokläufer Günther Tschanun sei gestorben, ging ich der Sache nach. Ich besorgte mir die Akten und schrieb schliesslich in einer mehrteiligen Serie, was mit ihm nach seiner Inhaftierung und seiner Entlassung aus dem Strafvollzug geschehen war. Dann die Platzspitz-Longform, in der ich Zürichs Vergangenheit mit der offenen Drogenszene aufarbeitete. Und natürlich war auch meine Recherche zur Zuger Landammann-Affäre ein Highlight, bei der mich Tamedia so grossartig unterstützte.

«Die juristischen Auseinandersetzungen begleiten mich ohnehin, unabhängig vom Arbeitgeber» 

Sie haben soeben ein Crowdfunding zur Unterstützung Ihrer juristischen Aufwendungen im Fall Spiess-Hegglin gestartet. War es beim Stellenwechsel entscheidend, dass Sie diese Kosten nun selbst tragen müssen (persoenlich.com berichtete)?
Der Entscheid war strategischer Natur, im Sinne meiner beruflichen Weiterentwicklung. Die juristischen Auseinandersetzungen begleiten mich ohnehin, unabhängig vom Arbeitgeber. Aber das Crowdfunding hat gezeigt, wie wichtig vielen Lesern unabhängiger Journalismus ist und lässt mich den kommenden Prozessen etwas gelassener entgegensehen.

Diese Aktion war ein monetärer Erfolg. Wie viel Geld haben Sie bislang eingenommen?
Beim Crowdfunding sind rund 60 000 Franken zusammengekommen. Das Geld wird zweckgebunden in die Finanzierung der laufenden und der kommenden Prozesse fliessen, denn diese werden noch Jahre andauern. 

Wie waren die bisherigen Reaktionen auf Ihren Wechsel?
Insgesamt sehr positiv. Die Kolleginnen und Kollegen vom Tagi bedauern den Entscheid, signalisieren aber auch Verständnis. Insgesamt erhalte ich viel Glück für das Wagnis, in einem kleineren, aber profilierten Umfeld neue Wege zu gehen.


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