Als mich Edith Hollenstein bat, einen kurzen Text zum Jahresabschluss zu schreiben, überlegte ich lange über dessen Einstieg. «What a wonderful Time», der diesjährige Jelmoli-Slogan, erschien mir wenig passend, zeigt er doch, dass selbst der genialste Werbetexter an etwas scheitern kann – und sei es nur an der Realität. Schliesslich kam mir ein Buch des momentan überall gefeierten Friedrich Dürrenmatt in den Sinn: «Durcheinandertal» lautete sein letzter, zugegebenermassen nicht bester Roman. Der Titel hingegen hat es in sich und umschreibt mit beneidenswerter Präzision den Zustand unserer Branche am Ende dieses sonderbaren Jahres: ein Durcheinandertal. Konkret: Aus der viel beschworenen Medien-Harmonie, die noch vor zwölf Monaten herrschte, ist längst die real existierende Chaostheorie geworden.
Es ist noch nicht so lange her, dass Ringier-CEO Marc Walder, silicon-valley-gestählt, unter grossem Applaus seiner Kolleginnen und Kollegen an der diesjährigen Dreikönigstagung seine Rückkehr in den trauten Kreis der Schweizer Verleger ankündete. Mittlerweile ist das kollektive Glücksgefühl der Corona-Realität gewichen: Die grossen Verlage stänkern gegen die kleinen (und umgekehrt), Print ist gegen Internet, neu gegen alt, die SRG gegen sich und den Rest der Welt. Um Inhalte wird längst nicht mehr gestritten, deren Beurteilung überlässt man grosszügigerweise Medienprofessor Vinzenz Wyss und dem FÖG der Universität Zürich. Die ganze Mediendiskussion dreht sich mittlerweile vor allem um die Frage, wer was und wie viel aus dem Berner beziehungsweise Bieler Unterstützungstopf bekommt. Die vierte Gewalt als Teil des staatlichen Verteilungsapparates, Corona sei Dank oder, um es mit Dürrenmatts bekanntester Lebenserkenntnis zu umschreiben: Zu viel Geld korrumpiert, zumindest es bitzeli. Doch absolute Unabhängigkeit – und das ist eine Lebenserkenntnis – gibt es nicht, oder wenn ja, höchstens in den Köpfen der SVP.
Aber vielleicht ist dies auch nur die persönliche Perspektive eines Verlegers, der für sein Medium – abgesehen von Ermässigungen bei Leistungen von Keystone-SDA – keine staatlichen Unterstützungsgelder erhält. Doch so geht es übrigens den meisten Schweizer Kleinverlagen. Wenn der Staatsrubel für Tamedia oder CH Media rollt, bedeutet dies keineswegs einen Geldsegen für die ganze Branche. Dieser Irrtum ist weitherum verbreitet, auch bei Parlamentarierinnen und Parlamentariern im Bundeshaus, wie ich in persönlichen Gesprächen feststellen konnte.
«Die Diskussionen um die Zusammenlegung der Redaktionen im SRF-Newsroom sind vollkommen erlahmt, vielleicht, weil die Mehrheit der Betroffenen im Homeoffice arbeitet und die neue Newskathedrale im Leutschenbach technisch gar noch nicht funktionstüchtig ist»
Jedenfalls könnte im ganzen medialen Tohuwabohu die SRG ein Leuchtfeuer mit publizistischer Strahlkraft sein. Doch ausgerechnet jetzt setzt der gebührenfinanzierte Sender Programme, die diese Vorbildfunktion verkörpern, ab und fokussiert sich verstärkt auch auf das Massenpublikum im Internet. Was angesichts der grossen medialen Umbrüche und Veränderungen nicht falsch sein muss. Trotzdem wirkt es so, als würde die katholische Kirche Atheismus als neue Religion propagieren, um wieder massentauglich zu sein. Stichwort: «52 beste Bücher». Dank der angekündigten Absetzung hat die Literatursendung – eigentlich ein klassisches Liebhaber- und Spartenprodukt – fast schon die Bekanntheit der «Tagesschau», selbst bei denjenigen, die sie sich noch angehört haben. Das verbindet zumindest Nathalie Wappler mit Markus Somm, der sich schon bald mit Hundertschaften von Nebelspalter-Nostalgikern, die das Magazin aber seit vierzig Jahren nicht mehr in den Händen gehalten haben, auseinandersetzen muss. Das ist – um im philosophischen Bereich zu bleiben – gelebte Dialektik. Gerade bei Medientiteln sind die Geister der Vergangenheit in der kollektiven Erinnerung sehr aktiv. Was hingegen 2020 vollkommen erlahmt ist, sind die Diskussionen über die Zusammenlegung der Redaktionen im Newsroom, vielleicht, weil die Mehrheit der Betroffenen im Homeoffice arbeitet und die neue Newskathedrale im Leutschenbach technisch gar noch nicht funktionstüchtig ist. Die grosse Frage nach 2020 lautet möglicherweise auch nicht mehr: Arbeitsort Zürich oder Bern? Sondern, ob man überhaupt noch zu einem solchen fährt.
Dass ausgerechnet SRG-Generaldirektor Gilles Marchand, der in der Vergangenheit durch souveräne Handhabe seines Amtes aufgefallen ist, in den Strudel einer hausgemachten MeToo-Affäre hineingeriet, entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Da hat man es als Alain Berset einfacher. Die Fragen wegen einer angeblichen Erpressung blieben unbeantwortet und lösten sich in einer Sphäre auf, in der es bestimmt keine störenden Viren gibt. Das zeigt: Alles ist relativ. Doch zurück zu unserer Branche. Sehen wir es doch positiv: Bislang musste – trotz coronabedingter Werbeeinbrüche von bis zu 80 Prozent – kein relevantes Schweizer Medium im Schicksalsjahr 2020 seine Flügel streichen. Das ist zumindest bemerkenswert. Vielleicht lag es an den Unterstützungsgeldern aus Bern, vielleicht an der Kurzarbeit oder an den Einsparungen in den einzelnen Redaktionen. Das ist erfreulich, auch wenn die Prognosen für die Zukunft eher düster sind.
«Bislang musste – trotz coronabedingter Werbeeinbrüche von bis zu 80 Prozent – kein relevantes Schweizer Medium im Schicksalsjahr 2020 seine Flügel streichen»
Doch sind wir ehrlich, die Voraussagen sind seit Jahren schlecht. Sie gehören mittlerweile fast schon zum Standardrepertoire und der Branchenfolklore jeder Medientagung. 2020 hat jedenfalls gezeigt – und das ist vielleicht der Lichtblick in der ganzen Geschichte – Informationen sind immer gefragt. Und in dem ganzen publizistischen Durcheinandertal, das während des Corona-Jahres oftmals herrschte, vor allem die einordnenden Stimmen. Die Herkulesaufgabe besteht nur darin, diese auch zu monetarisieren. Aber, und das ist doch das Positive ganz zum Schluss, die Qualität der Schweizer Medien und der SRG ist erstaunlich gut. Das hat sich während der ganzen Krise gezeigt. Der Vorwurf des publizistischen Durcheinandertals widerspiegelt auch ein bisschen die Stimmungslage, die während des ganzen Jahres sowohl in Politik und Bevölkerung vorherrschte. Dieses Jahr – und das ist die Binsenwahrheit am Ende dieses Kommentars – war wirklich anders als die anderen. Betrachtet man es aus dieser Perspektive, sind unsere Medien ihrer Rolle als Spiegel der Befindlichkeit der Gesellschaft gerecht geworden. Für die Optimisten: aus jedem Tal geht sicher ein Weg aufwärts. Sogar aus dem Durcheinandertal.
Die amerikanischen Technologieriesen – und dies ganz zum Schluss –, die es sich in der Schweiz bequem gemacht haben, kennen diese Probleme nicht. Vielleicht sind Google und Facebook deswegen in diesem Jahr auch so ruhig geblieben. Kürzlich hat mich ein Mitarbeiter von Facebook kontaktiert. Als ich ihn mit der Bemerkung stichelte, dass seine Firma den Schweizer Werbemarkt so fest disruptiere wie seit Johannes Gutenberg nicht mehr, war er echt erstaunt. So wie der Weihnachtsmann, den man des Geschenkediebstahls bezichtigt. Doch der Herr von Facebook blieb äusserst freundlich und charmant. Am Ende unseres Gesprächs meinte er sogar, das sei interessant, er werde darüber nachdenken. Er meldete sich nicht mehr.
Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und ein erfolgreiches 2021. Auch bei allen Schwierigkeiten und Herausforderungen, die sich für unsere Branche stellen: Es bleibt spannend.
KOMMENTARE
25.12.2020 15:05 Uhr
24.12.2020 16:35 Uhr
24.12.2020 13:55 Uhr

