05.05.2019

Weltwoche

«Im Moment des Angriffs reagierte ich instinktiv»

Journalist Alex Baur ist an der 1.-Mai-Feier in Zürich Opfer eines politisch motivierten Prügelangriffs geworden. Im persoenlich.com-Interview spricht der 57-Jährige ausführlich über die Attacke. Ein Gespräch über kritische Momente, seine Wut und grosse Solidarität.
Weltwoche: «Im Moment des Angriffs reagierte ich instinktiv»
«Ich war im Kopf so mit meiner Familie beschäftigt, eine Art Tunnelblick, dass ich in den ersten Stunden schlicht nicht an eine Anzeige dachte», so «Weltwoche»-Journalist Alex Baur. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Baur, Sie wurden am 1. Mai an der traditionellen Feier von Chaoten gewalttätig angegriffen (persoenlich.com berichtete). Haben Sie diese Attacke mittlerweile verdaut?
Ich arbeite seit über 30 Jahren als Journalist, habe immer wieder brenzlige Situationen erlebt und gelernt, mit Druck und Anfeindungen umzugehen. Man entwickelt Abwehrmechanismen, lässt gewisse Dinge gar nicht an sich herankommen. Drohungen lösen bei mir eine Art Trotzreaktion aus, nach dem Prinzip «jetzt erst recht». Nicht weil ich ein Held wäre, es ist ganz praktisch: Wenn man sich einschüchtern lässt, hat man schon verloren. Völlig unvorbereitet traf mich, dass meine Familie involviert war, die ich bislang aus allem rausgehalten habe, das macht mir zu schaffen. Die Unterstützung aller meiner Angehörigen war allerdings ein grossartiges Gefühl, ebenso die Solidarität, die mir von allen Seiten zuteil wurde, vor allem auch aus linken Kreisen. Das war überwältigend. Ich hatte das so nicht erwartet. Anfänglich wollte ich nicht, dass die Sache publik wird, weil ich mit Spott und Hohn rechnete, und das wäre vielleicht noch schlimmer zu ertragen gewesen als der Angriff an sich. Aber es gab vor Ort viele Zeugen, die mich kannten, mehrere Personen hatten die Polizei alarmiert, es war klar, dass früher oder später berichtet würde. So gab ich Auskunft, als mich Michèle Binswanger vom Tagi am Tag danach anrief. Und das war richtig.

Ihrer Frau wurde der Stand zerstört. Wie hat sie auf den Angriff reagiert?
Der Schaden war zum Glück geringer, als anfänglich befürchtet – alle Esswaren waren kaputt, aber der teure Empanada-Ofen hat den Sturz offenbar mit ein paar Beulen überlebt, und das Zelt lässt sich flicken. Meine Frau hat es viel mehr getroffen als mich, sie war am Boden, sie hatte nicht mit etwas derartigem gerechnet. Die Leute vom 1.-Mai-Komitee, die sie ja seit vielen Jahren kennt, haben sie allerdings grossartig unterstützt.

«Das ist immer ein fröhlicher Anlass»

Wie lief der Angriff ab?
Meine Frau betreibt den Stand zusammen mit unseren drei erwachsenen Kindern und ehemaligen Pflegekindern, die bei uns aufgewachsen sind, sowie Zugewandten, ein paar Enkel waren auch dort. Das ist immer ein fröhlicher Anlass, Verwandte und Bekannte schauen rein, ein Kommen und Gehen. Ich traf im Lauf des Nachmittags ein, half ein wenig aus, quatschte mit den Leuten. Nach 21 Uhr – ich hatte mich zuerst um eine Stunde geirrt, deshalb stand im Tagi 20 Uhr – war es schon ziemlich ruhig, die meisten waren gegangen, da drang plötzlich ein junger Schnösel von vorne in den Stand ein und kam schnurstracks auf mich zu. Er forderte mich in herrischem Tonfall auf, sofort zu verschwinden, ich sei «Weltwoche, SVP» und hätte hier nichts verloren. Dem Aussehen und der Sprache nach war es ein Bio-Schweizer. Ob ihm denn mein aktueller Artikel über die SVP nicht gefallen habe, witzelte ich. Er kapierte offenbar nichts und nahm eine bedrohliche Haltung ein. Nun kam mein Sohn hinzu und bugsierte den Burschen unsanft aus dem Stand heraus, wo zwei weitere Typen standen. Nach einem kurzen Handgemenge, an dem auch zwei meiner Neffen beteiligt waren, verschwanden die drei.

Und dann?
Etwa 20 Minuten später – die Polizei registrierte den ersten Notruf um 21.26 Uhr, wie ich später erfuhr – drangen einige junge Männer plötzlich von hinten aus dem Park in unser Zelt ein. Zwei oder drei von ihnen waren vermummt. Sie stürzten sich auf mich und zerrten mich nach hinten aus dem Zelt heraus in Richtung Park, fauchten etwas von «Weltwoche» und SVP. Da es dort dunkel war, konnte ich nicht viel sehen, aber es müssen insgesamt ein Dutzend junge Männer gewesen sein, der Sprache und dem Aussehen nach alles Schweizer. Mein Sohn, dessen Freundin, meine Tochter und die beiden Neffen eilten mir sofort zur Hilfe und stürmten auf den Mob los. Damit hatten die Leute wohl nicht gerechnet. Im Handgemenge konnte ich mich losreissen, ich zog mich ins Zelt zurück, wo meine Frau und meine Schwiegertochter standen. Meine Frau flehte mich an, wegzugehen, was ich dann auch tat. Als ich vorne aus dem Stand trat, standen dort zwei oder drei Leute, die irgendwas von «Fascho» zischten. Mir wurde klar, dass diese Typen Schmiere standen und dass es sich um eine wohlorganisierte Aktion handeln musste. Ich spazierte ungestört aus dem Areal raus, an den Gaffern vorbei. Es war fast gespenstisch ruhig, keiner rührte sich. Draussen rief ich meine Frau an. Sie sagte mir, dass der Spuck nach meinem Abgang schnell vorbei gewesen sei, der Mob habe allerdings vorher noch Schaden im Zelt angerichtet.

«Ich habe keinen Hang zu Märtyrer»

Hatten Sie Angst?
Ich habe keinen Hang zu Märtyrer, Angst ist mir keineswegs fremd, aber ich hatte schlicht keine Zeit dafür. Im Moment des Angriffs reagierte ich instinktiv, da kann man nicht viel Nachdenken, ich musste einfach mit allen Mitteln verhindern, dass sie mich in den dunklen Park schleppten. Als die Jungmannschaft wie Furien auf die Typen losstürmte, kam eine übermächtige Wut in mir auf. Ich versuchte kühlen Kopf zu bewahren. Ich sah ein, dass ich weggehen musste, um Schlimmeres zu verhindern. Dafür musste ich meine Familie zurücklassen, und das war ein beschissenes Gefühl, eigentlich das Schlimmste am Ganzen. Das Kalkül ging zum Glück auf, aber wenn ihnen etwas passiert wäre, ich hätte bis am Ende meiner Tage nicht mehr ruhig schlafen können.

Erkannten Sie die Täter?
Es ging alles sehr schnell, es war dunkel, die Leithammel waren vermummt. Meine Frau, die in Zürich ziemlich viele Leute kennt, hat kein bekanntes Gesicht gesehen.

Haben Sie eine Ahnung, wer es sein könnte?
Ich weiss es nicht. Auf jeden Fall waren es Schweizer, von der Ausdrucksweise her eher gebildet.

«Wahrscheinlich haben die Angreifer mehr abgekriegt»

Was hat Ihr Arzt nach dem Überfall gesagt?
Niemand war ernsthaft verletzt, niemand ging zum Arzt. Mein T-Shirt war zerrissen, ich hatte ein paar «Bleuele» und Kratzspuren. Wahrscheinlich haben die Angreifer mehr abgekriegt.

Warum haben Sie von einer Anzeige abgesehen?
Es wäre aussichtslos gewesen, die Polizei aufs Areal zu schicken, das hätte das totale Chaos gegeben, die wären auch nicht ausgerückt, leider zurecht nicht. Die Polizei wurde ja sofort alarmiert, wie ich später erfahren habe. Solche Einsätze, das hat man ja bei den Ausschreitungen am Seebecken vom letzten Sommer gesehen, brauchen ein Grossaufgebot, sonst wäre das eine verantwortungslose Kamikaze-Aktion. So weit sind wir schon, erschreckend, aber es ist so. Ich war im Kopf so mit meiner Familie beschäftigt, eine Art Tunnelblick, dass ich in den ersten Stunden schlicht nicht an eine Anzeige dachte. Dann bekniete mich meine Frau, auf eine Anzeige zu verzichten. Solche Täter sind schwer zu fassen, Feiglinge, die nur aus der Anonymität des Mobs angreifen, und selbst wenn sie gefasst würden, werden sie ja kaum bestraft. Dafür wollte sie das Risiko von Repressalien nicht auf sich nehmen. Meine Frau wollte die Sache einfach möglichst schnell abhaken. Hier drang wohl auch ihre südamerikanische Erfahrung durch. Und sie ist ja eigentlich die Hauptbetroffene.

Zurück zur Solidarität, die Sie erfahren haben. Wer hat Sie anschliessend kontaktiert?
Die Leute vom 1.-Mai-Komitee riefen mich sofort an, sie waren sehr freundlich und hilfsbereit, es tat ihnen schrecklich leid, aber sie traf wirklich keine Schuld. Später rief mich auch die Stadtpolizei an. Absolut professionell, hilfreich, gute Leute. Gabi Petri und Markus Knauss, zwei grüne Politiker, die in unserer Nachbarschaft wohnen, schauten spontan mit zwei Flaschen Wein rein, um uns aufzumuntern. Das war echt rührend. Es gab zahllose Solidaritätsbekundungen, von Leuten, von denen wir dies nie erwartet hätten. Auch ein ehemaliger Polizist, ein lieber Freund, kam persönlich vorbei. Wir können uns in dieser Hinsicht wirklich nicht beklagen.

«Es kommen auch Offizialdelikte in Frage»

Glauben Sie, dass die Polizisten die Täter findet – oder gibt es bereits einen Verdacht?
Falls noch Fotos oder Videos auftauchen, wird man den einen oder anderen Angreifer vielleicht identifizieren können. Es kommen auch Offizialdelikte in Frage – Angriff, Freiheitsberaubung, Landfriedensbruch –, die es der Polizei erlauben, von sich aus zu ermitteln. Eigentlich möchte ich nur eines: diesen Burschen in die Augen schauen. Sie sollen es mir ins Gesicht sagen, warum ich in ihren Augen ein rassistisches Arschloch sein soll, sie sollen meiner Frau ins Gesicht schauen. Aber dazu sind diese Leute wohl zu feige.

Werden Sie nächstes Jahr wieder zum 1. Mai gehen?
Ich weiss nicht. Irgendetwas ist schon zerbrochen. Ich bin kein Linker, ich war es nie, aber ich habe mich immer in allen möglichen Kreisen bewegt. Ich bin von Natur aus neugierig, ich liebe Gegensätze, je fremder mir ein Mensch ist, desto mehr interessiert er mich – meine Freunde kommen aus allen denkbaren Lagern. Ich hatte nie das geringste Problem damit, dass meine Frau politisch in vielen Dingen anders tickt als ich. Nie hat jemand von meiner Familie gemotzt, weil ich mit Begeisterung für die «Weltwoche» arbeite, im Gegenteil, sie haben mich immer unterstützt. Nie hat mir von der «Weltwoche» irgendjemand einen Vorwurf gemacht, weil ich in falschen Kreisen verkehre und bisweilen auch eine Meinung vertrete, die in kein Schema passt. In linken Kreisen schaut mich manchmal der eine oder andere etwas «scheps» an. Ich habe nie ein Geheimnis aus meinen Ansichten gemacht, aber viele wissen gerade das auch zu schätzen. Ich habe immer gesagt: Die Schweiz ist tolerant, hier streiten wir mit Worten und Argumenten. Und jetzt das. Ich ahnte es, dass es irgendwann einmal passieren müsste, aber ich kann es schlicht und einfach nicht akzeptieren. Wahrscheinlich werde ich nächstes Jahr gerade deshalb wieder am 1. Mai aufkreuzen. Es kann einfach nicht sein, dass wir uns von ein paar ganz wenigen hirnlosen Fanatikern beeindrucken lassen, die grosse Töne spuken und keine Ahnung von Tuten und Blasen haben.

Und Ihre Frau?
Da mache ich mir schon etwas mehr Sorgen. Sie ist in einem Land aufgewachsen, das von extremer politischer Gewalt geprägt war. In Peru starben in den 1980er-Jahren 70’000 Menschen in einem fürchterlich sinnlosen Guerillakrieg. Ihre Familie, alles einfache Indios, lebte mittendrin. Die Sicherheit, mit der wir uns in der Schweiz bewegen, war für sie alle eine ungeheure Befreiung. Ich hoffe, dass dieses Urvertrauen zurückkommt. Denn eines ist klar: Wo ich nicht hingehen kann, wird auch sie nicht hingehen und umgekehrt. Das war bei uns vom ersten Tag an so, es war bisweilen nicht ganz so einfach, und daran werden wir auch auf die alten Tage hin nix ändern.



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Kommentare

  • Victor Brunner, 05.05.2019 09:59 Uhr
    Respekt vor Delia und Alex Baur! Erschreckt hat mich im Interview der Passus: Es wäre aussichtslos gewesen, die Polizei aufs Areal zu schicken, das hätte das totale Chaos gegeben, die wären auch nicht ausgerückt, leider zurecht nicht. Da stellt sich die Frage wieviel Tote und Schwerverletzte es braucht bis die Polizei ihre vornehmste Aufgabe wahrnimmt, Menschen zu schützen!

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