24.03.2011

"Im Newsroom zu arbeiten, ist die Champions League."

Die Blickgruppe kann mit den neusten Leserzahlen zufrieden sein: "Blick" hat am meisten zahlende Leser, "Blick am Abend" macht den grösste Sprung nach vorne. Anfang März feierte der Newsroom zudem seinen ersten Geburtstag. Grund genug, sich mit Bereichschefin Caroline Thoma zum Gespräch zu treffen. Für "persoenlich.com" zieht sie Bilanz über das erste Jahr, gibt Einblick in neue Projekte und erklärt, warum Ralph Grosse-Bley zum Chef der Chefredaktoren erkoren wurde. Das Interview:
"Im Newsroom zu arbeiten, ist die Champions League."

Anlass dieses Interviews sind die guten WEMF-Zahlen der Blickgruppe. Was sind die Hauptgründe dafür?

Wir haben die Titel richtig positioniert. Mit dem "Blick" sind wir zum Grossformat und zum echten Boulevard zurückgekehrt. Beim "Blick am Abend" haben wir den Vertrieb optimiert und an den Inhalten gefeilt und beim "Sonntagsblick" haben wir konstant kleine Verbesserungen vorgenommen. Und am 3. April kommt nun erstmals das neu überarbeitete Magazin.

"Blick am Abend" hat zwar signifikant zugelegt, Geld verdient Ringier mit der Abendzeitung jedoch nicht. Was läuft falsch?

"Blick am Abend" ist eine noch sehr junge Zeitung. Wir haben nochmal investiert in die Gebietserweiterung, und die Produktion einer Gratiszeitung in dieser Form kostet einiges. Bei Medienprodukten ist es so, dass man zuerst beweisen muss, wie erfolgreich man ist, bevor alle darin Werbung machen wollen. Eine Gratiszeitung ist in noch stärkerem Masse von Werbung abhängig, da die Lesermarkteinnahmen entfallen. Mit den aktuellen Wachstumsraten beweisen wir den Erfolg eindrücklich. Das Wachstum des Anzeigenvolumens übertrifft unsere Budgets klar.

Wann rechnen Sie mit dem Break-Even?

Sehr bald schon.

Der "Blick" ist nur stabil geblieben. Kann man den Relaunch der Bezahlzeitung trotzdem als Erfolg werten?

Auf jeden Fall. Die Zahlen waren in den Jahren davor stets rückläufig. Seit Herbst haben wir den Leserverlust stoppen können und zum ersten Mal wieder stabile Zahlen vorgelegt.

Wie kommt der "Blick" im Werbemarkt an?

Wir haben im letzten Jahr sehr gute Zahlen vorlegen können. Auf der einen Seite hat sich natürlich der Markt verbessert, auf der anderen Seite haben wir auch sehr gut gearbeitet und waren besser als der Markt. Vieles ist hier auf das neue redaktionelle Konzept "Zurück zum Kern der Marke" und das grosse "Blick"- Format - sprich die Präsentation der Anzeigen - zurückzuführen. Eine weitere wichtige Einnahmenquelle sind die crossmedialen Cases, die wir innerhalb der Blickgruppe und teilweise auch Ringier-übergreifend anbieten können.

Ist die Marke "Blick" dank der Dachmarken-Strategie wertvoller geworden?

Die Marke hat sicher noch einmal an Wert gewonnen. Zusätzlich findet dank den digitalen Produkten eine Dynamisierung der Marke statt. Viele Leute, die uns früher nicht konsumierten, lesen uns heute auf digitalem Weg. Es gibt zum Beispiel nicht viele Überschneidungen von Blick Online - Lesern und Print-"Blick" - Konsumenten. Mit jedem zusätzlichen Kanal oder Angebot erreichen wir eine neue Zielgruppe und wachsen.

Sprechen wir über den Newsroom. Er feierte am 7. März sein 1 - Jahr - Jubiläum. Ziehen Sie für uns Bilanz.

Wir sind sehr zufrieden. Die Blick-Gruppe ist nun perfekt aufgestellt für die Herausforderungen an die grösste Medienmarke des Landes. Bei vielen Geschichten sind wir viel kompetenter und schneller als früher und die Themen können effizienter inszeniert und koordiniert werden. Zudem sind wir viel schneller bei der Lancierung von digitalen Medien. Die Power und das Know-How des Newsrooms, sowie die Organisation der Ressorts bringen grosse Vorteile.

Schreiben jetzt eigentlich alle für alle Titel und Produkte?

Nein, so absolut kann man das nicht sagen. Es gibt sicher Personen mit einer bestimmten Schreibe und gewissen Präferenzen. Man kann nicht eine grosse Reportage schreiben, die viel Recherchearbeit und Hintergrundwissen benötigt, und gleichzeitig für den "Blick am Abend" arbeiten und einen Online-Artikel verfassen.

Aber es muss jeder Journalist der Blickgruppe die Schreibstile aller Blick-Titel beherrschen?

Ja, das ist so - und das ist tatsächlich sehr anspruchsvoll. Der Beruf des Journalisten ist anspruchsvoller geworden. Dasselbe gilt für die Produktion.

Man hört, dass im Newsroom ein enormer Leistungsdruck herrscht. Könnten Sie sich selbst vorstellen, selbst dort zu arbeiten?

Ja. Im Moment ist es in meinem Büro nämlich enger und lauter als im Newsroom (lacht). Wie bereits gesagt sind die Anforderungen an den einzelnen Journalisten hoch. Man arbeitet für verschiedene Kanäle und ist in einem grossen Team integriert. Hier muss man ganz klar mehr leisten, als bei einer Zeitung, die einmal pro Woche erscheint oder die voll von Agenturmeldungen ist. Im Newsroom der Blickgruppe zu arbeiten, ist die Champions League.

Wie können Sie die Profile der verschiedenen Titel klar voneinander abgrenzen?

Die Leitungsteams rund um die vier Chefredaktoren entscheiden jeweils, ob und in welcher Form ein Thema in einem Titel aufgenommen wird. Da die Chefredaktoren so eng miteinander arbeiten, wird auch darüber diskutiert, ob man ein Thema zum Beispiel für den "Blick" zurück behalten kann, oder ob die Story so heiss ist, dass sie gleich online gehen muss.

Gibt es zwischen den verschiedenen Produkten nie einen Kampf um die Primeurs?

Es ist menschlich, sich zu überlegen, was man mit einem Primeur genau macht. Es ist mir jetzt allerdings kein konkreter Fall bekannt, dass jemand extra einen Primeur für sich behalten hätte, um diesen für einen bestimmten Titel aufzuheben. Im Nachhinein käme dies ja sowieso aus. Am Anfang wurde diese Problematik vielleicht noch öfters diskutiert. Es ging damals jedoch eher auch um persönliche Befindlichkeiten und Skepsis gegenüber dem Newsroom an sich. Doch auch die Skeptiker sehen nun den Sinn hinter dem Projekt.

Wie ist das Verhältnis zwischen den vier Chefredaktoren?

Es ist dasselbe wie in jedem Team: Wenn unterschiedliche und starke Persönlichkeiten zusammentreffen, braucht es immer auch eine gewisse Zeit, bis diese sich kennen- und verstehen lernen. Das Verhältnis ist aber gut und sehr professionell.

"Blick"- Chefredaktor Ralph Grosse-Bley ist vor kurzem zum Vorsitzenden der Chefredaktoren im Newsroom erkoren worden. Was bedeutet dies genau? Hat er nun mehr Entscheidungsgewalt?

Seit dem Start war faktisch noch immer unser CEO Marc Walder publizistischer Leiter des Newsrooms. Weil wir soeben Ringier Schweiz und Deutschland sanft reorganisiert haben, hat Marc diese Funktion nun an Ralph Grosse-Bley abgegeben. Es ist eine "primus inter pares"-Funktion und als Ansprech- und Sprecher-Rolle des Chefredaktorengremiums gedacht. Die Verantwortlichkeiten für die einzelnen Titel bleiben aber bei den jeweiligen Chefredaktoren.

Weshalb wurde er zum Chef erkoren? Welche Kriterien waren hier ausschlaggebend, was hebt ihn von den anderen ab?

Der "Blick" ist das namensgebende Leitmedium im Newsroom und nach wie vor die grösste Kauf-Tageszeitung der Schweiz. Insofern ist deren Chefredaktor natürlich prädestiniert für die Funktion des Vorsitzenden der Chefredaktoren im Newsroom.

Mit dem neuen "SoBli"-Chefredaktor Karsten Witzmann und Ralph Grosse-Bley halten zwei ehemalige "Bild"-Köpfe die Zepter in der Hand. Generell setzt "Blick" auf Deutsche. Wissen Grosse-Bley und Witzmann wie die Schweizer ticken und wie hier die politischen Prozesse funktionieren?

Beide wohnen bereits seit längerem in der Schweiz und haben ein hochqualifiziertes Team von Schweizern um sich. In den Redaktionsssitzungen wird diskutiert und auch ganz klar darauf hingewiesen, was in der Schweiz eben nicht funktioniert oder dass Kraftstoff hier Benzin heisst. Es ist auch klar, dass sich die Beiden längst in das politische System und die gesellschaftlichen Besonderheiten der Schweiz eingearbeitet haben. Der Erfolg gibt uns Recht.

Nach dem ersten Jahr sind Sie also zufrieden mit dem Newsroom. Was sind die nächsten Schritte?

Sehr wichtig bleibt sicher die digitale Offensive. Im Vordergrund steht derzeit die iPad-App des "Blicks", die im Frühling lanciert wird.

Wie sieht diese aus?

Wir orientieren uns am Printprodukt. Die Pad-Version soll keinesfalls ein webbasiertes Angebot sein, sondern klar einen Mehrwert bringen. Die Darstellung der Inhalte wird outstanding sein und einzigartig für die Schweiz. Das Ziel ist ganz klar, mit dem Produkt auch Geld zu verdienen.

Sind Sie generell eine Befürworterin von Paid-Content?

Wir verfolgen nicht die Strategie, alles gratis auf den Markt zu werfen. Unsere Inhalte sind wertvoll und besonders. Bei den Sport-Apps war es aufgrund der Reichweite, die man für Werbekunden erreichen wollte, richtig, gratis zu starten. Die Tendenz ist jedoch je länger je mehr kostenpflichtig zu werden.

Interview: Corinne Bauer.


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