21.01.2014

Blick

"In den Zwischenjahren können wir uns besser profilieren"

Sport-Chef Felix Bingesser über das Sportjahr 2014 und über Russisch auf der Redaktion.
Blick: "In den Zwischenjahren können wir uns besser profilieren"

Felix Bingesser, Sport-Chef beim "Blick", spricht im dritten Teil unserer Serie über das bevorstehende Sportjahr 2014. Er erklärt, weshalb er die Ruhe bevorzugt und auf der Redaktion neu auch Russisch gesprochen wird. Zudem prognostiziert er, dass die Verkaufszahlen seiner Zeitung während der Fussball-Weltmeisterschaften "spürbar nach oben gehen".

Herr Bingesser, Sie sind Sport-Chef beim "Blick" und seit dem 1. Januar 2014 neu in der Chefredaktion (persoenlich.com berichtete). Was hat sich durch die Beförderung verändert? 
Für mich persönlich nicht viel. Mein Aufgabenbereich ist grundsätzlich unverändert, die eine oder andere Sitzung ist dazugekommen. Aber meine Beförderung ist eine Auszeichnung und ein Vertrauensbeweis für die Sportredaktion. Wir haben damit unsere Position im Newsroom weiter gestärkt. Ringier bringt damit zum Ausdruck, wie wichtig der Sport in unserem Haus ist.

Ihnen steht ein intensives Sportjahr bevor. Bevorzugen Sie die Ruhe?
Ich betrachte das Jahr mit gemischten Gefühlen. Für eine Sportzeitung ist solch ein Jahr einerseits eine grosse Chance. Anderersseits kann man sich bei den Grossanlässen gar nicht so gross profilieren. An diesen Events sind mittlerweile alle Zeitungen gut aufgestellt. Alle fischen im gleichen Teich und es wird immer schwieriger, direkte Kontakte zu den Sportlern herzustellen. Die Schwerpunkte werden von allen Medien gleich gesetzt. Ich geniesse zwar die Grossanlässe, mir sind die Zwischenjahre jedoch fast lieber. Da müssen wir kreativ sein und es wird uns nicht alles auf dem Tablett serviert. Die Stärke des "Blick" ist, zu agieren und nicht zu reagieren. Ist es in der Welt des Sports ruhiger, haben wir die Chance, uns mit exklusiven Geschichten zu profilieren - eine viel reizvollere Aufgabe als diese Megaevents.

Auf welchen sportlichen Gross-Event legt der "Blick" dieses Jahr den Fokus? 
Rein personell halten sich die Olympischen Spiele in Sotschi und die Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien ungefähr die Waage. Nach Sotschi reisen fünf Schreiber und ein Fotograf. In Brasilien sind es zwei Schreiber, zwei Videojournalisten (VJ’s) und ein Fotograf. Das Thema Bewegtbild spielt eine immer grössere Rolle. Diese Entwicklung sehe ich als markanteste Veränderung im Vergleich zu früheren Jahren. Aber die Zeiten, in denen der "Blick" jede Sportart bei den Olympischen Spielen mit eigenen Experten abdeckte, sind lange vorüber. Sowohl personell als auch finanziell ist dies nicht mehr machbar. Natürlich gibt es die Schwergewichte Ski Alpin oder Eishockey, wo unsere Spezialisten auch vor Ort sein werden. Aber sonst werden vermehrt Allrounder eingesetzt. Die Crews vor Ort sind in den letzten 20 Jahren zusammengeschrumpft, da wir heutzutage ganz andere Informationszugänge haben.

Werden Sie persönlich vor Ort sein? 
Nein, ich werde an keinem Event live dabei sein, war aber an der Gruppenauslosung in Brasilien und konnte da schon mal ein bisschen WM-Luft schnuppern. Die strategischen Entscheide fällt man in der Regel in der Redaktion, weshalb ich permanent in Zürich sein werde.

Auf welche Probleme stellen Sie sich ein? 
Vor jedem Grossanlass finden Diskussionen statt und es melden sich die Bedenkenträger, die sich sonst nie mit dem Sport beschäftigen. Natürlich sind die Menschenrechte und die Ökologie wichtige Themen. Und man kann auch den olympischen Gigantismus zum Thema machen. Aber dann muss man sich auch die Frage stellen: Will man überhaupt noch Anlässe dieser Grössenordnung durchführen? Bei demokratischen Abstimmungen in der Schweiz und in Deutschland sind Olympische Spiele abgelehnt worden. Es gibt daher eine Tendenz, dass eher totalitäre Staaten zum Zuge kommen. Und dies ist sicher problematisch. Aber ich bin überzeugt, dass die Spiele in Sotschi problemlos über die Bühne gehen werden. In Brasilien wird es wohl organisatorische Probleme geben, vor allem was den Transport betrifft. Aber ich bin mir aber sicher, dass wir auch eine tolle Weltmeisterschaft zu sehen bekommen.

Welches Gewicht legen Sie auf die heimische Leichtathletik-Europameisterschaft? 
Das ist aus unserer Sicht der dritte Grossanlass. Der Vierte wird dann das Kilchberger Schwinget sein, welches nur alle sechs Jahre stattfindet und eidgenössischen Charakter hat. Von dem her steht uns ein ganz intensives Sportjahr bevor.

Verhängen Sie den Mitarbeitern eine Feriensperre? 
Nein. Wir haben uns aber im letzten Jahr auf Engpässe vorbereitet und Ferienguthaben abgebaut. Wir haben ein relativ grosses Team, darum können unsere 40 Mitarbeiter trotz des intensiven Sportjahres in die Ferien gehen.

Dementsprechend haben Sie keine personellen Engpässe im Bezug auf die Mehrarbeit? 
Nein. Es wird gewisse Sonderprodukte geben: ein Olympia- und ein Fussball-WM-Special. Das bedeutet natürlich einen gewissen Mehraufwand, aber der Sportteil wird insgesamt nicht massiv ausgebaut. So gesehen gibt es gar nicht viel mehr zu tun.

Wie sieht es im Online-Bereich aus? Stellen Sie hier zusätzliches Personal ein? 
Im Online stocken wir etwas auf. Wir haben zum Beispiel eine Russisch sprechende Studentin in der Redaktion, welche uns einerseits bei Übersetzungen hilft und andererseits den Zugang zu Russland an sich näher bringt. Es gibt also einigen Sondereffort, den wir leisten.

Beeinflussen solche Events die Verkaufszahlen?
Erfahrungsgemäss verkaufen wir während solchen Grossanlässen mehr Zeitungen. Ich hoffe, dass sich die Werte aus der Vergangenheit auch dieses Jahr wiederholen. Vor allem während der Fussball-WM sollte der Einzelverkauf spürbar nach oben gehen. Da spielt es dann sicher eine Rolle, ob unser Team für eine gewisse WM-Euphorie sorgen kann.

Lässt sich während eines sportlichen Grossanlasses Werbung besser verkaufen? 
Ich hoffe es. Der Sport bietet ja eine hervorragende Plattform und ist mit vielen positiven Attributen besetzt. Die gesellschaftliche Bedeutung des Sports nimmt weiter zu. Es gibt ganz viele Themen, die sich ausserordentlich gut verkaufen lassen. Das beste Beispiel hierfür war das eidgenössische Schwing- und Älplerfest im letzten Jahr. Es war sowohl redaktionell und inhaltlich als auch materiell und wirtschaftlich das grosse Highlight 2013. Das Schwingen ist unglaublich populär geworden.

Das Jahr 2014 ist eines voller sportlicher Grossanlässe. Auf welchen Event, sei es als Journalist oder Konsument, freuen Sie sich besonders? 
Die WM in Brasilien überstrahlt das Jahr, da sie im Mutterland des schönen Fussballs stattfindet. Ich freue mich aber auch auf Sotschi, da ich ein begeisterter Wintersportfan bin.

Fuchst es Sie, dass Sie als Sportfan die meiste Zeit im Büro verbringen und die Spiele nicht auch mal als "normale Person" geniessen können? 
Wir haben in der Redaktion in jeder Ecke einen Fernseher. Ich werde alles hautnah mitbekommen. Bei der Fussball-WM ist es sicher so, dass man auch mal gerne einen Abend mit den Kumpels in der Beiz oder am Grillfest verbringen und Fussball schauen würde. Als Sportjournalist muss man halt damit leben, an solchen Anlässen viel Zeit in die Arbeit zu investieren. Wir haben sonstige Privilegien.

Zum Schluss noch ein Tipp: Wer wird Fussball-Weltmeister? 
Da gibt es immer eine rationale und eine emotionale Antwort. Ich würde auf die Deutschen tippen. Deutschland hatte noch nie eine derart talentierte und spielerisch starke Mannschaft. Wenn man die Entwicklung der letzten Jahre verfolgt hat, wären unsere grossen Nachbarn eigentlich der logische und verdiente Weltmeister. Emotional fühle ich mich den Brasilianern mehr verbunden. Ich würde dem Land den Triumph gönnen.

Und wie stehen die Chancen auf eine Medaille der Schweizer Alpinen bei den Olympischen Spielen in Sotschi? 
Wir haben kleine Hoffnungsträger, einen Triumphmarsch wird es aber bei den Skifahrern kaum geben. Und für die Hockeyaner wird es schwierig, nein, unmöglich, den Exploit von der letzten Weltmeisterschaft in Schweden zu wiederholen. Viel eher werden die Schweizer erneut in den Randsportarten erfolgreich sein. In der Vergangenheit gab es immer wieder solch märchenhafte Geschichten: Mike Schmid oder Tanja Frieden sind hierbei die Paradebeispiele. Ich hoffe, dass es auch in Sotschi so weit kommen wird.

Interview und Bild: Marco Lüthi


Lesen Sie auch, wie das SRF und Radio 24 die Herausforderungen im Sportjahr 2014 meistern. 


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