Frau Baltisberger, seit gut drei Wochen arbeiten Sie im "Blick"-Aussenbüro in Los Angeles, drei weitere stehen noch bevor. Haben Sie sich gut eingelebt in der Stadt mit der weltweit grössten Promidichte?
Ich habe mich sehr gut eingelebt. Ich wohne in einer kleinen, ruhigen Wohnung direkt neben den Universal Studios. Das Büro selbst liegt am Hollywood Boulevard, beim Walk of Fame. Auch wenn man in Los Angeles nicht jeden Tag an jeder Ecke einen Star sieht, so ist es doch eine faszinierende Stadt, in der es tausend Dinge zu entdecken gibt. Einziger Negativ-Punkt: Es war am Anfang nicht so warm, wie ich mir das vorgestellt hatte. Aber es wird besser.
Wie kommen Sie damit klar, dass Sie plötzlich alleine in einem Büro arbeiten und nicht mehr einen ganzen Newsroom um sich haben? Fühlen Sie sich manchmal "einsam"?
Es ist natürlich schon eine Umstellung. Der Newsroom ist hektisch, es kann laut werden, aber die kurzen Wege zu möglichen Anprechpartnern erleichtern auch vieles. In L.A. geht es schon gemächlicher zu und her. Natürlich vermisse ich meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Newsroom. Aber ganz alleine bin ich ja nicht. Hier arbeitet auch Dierk Sindermann, unser langjähriger Hollywood-Korrespondent, der mir mit Rat und Tat zur Seite steht. Im Büro neben mir sitzen ein weiterer Mitarbeiter von Sindermann und eine Praktikantin. Ich bin also nicht einsam.
Tauschen Sie sich auch mit amerikanischen Journalisten aus?
Dazu hatte ich bislang noch keine Gelegenheit. Aber die Leute von der deutschen "Bild" sind ja auch hier in Los Angeles. Bei denen werde ich mich sicher melden.

Welche Unterschiede beobachteten Sie in der Mediennutzung in den USA im Vergleich zu der Schweiz?
Bislang habe ich keine markanten Unterschiede beobachten können. Vielleicht ist hier der digitale Wandel noch etwas weiter fortgeschritten als in der Schweiz. Im Bus und in der U-Bahn sieht man überall Menschen, die Nachrichten über das Smartphone oder das Tablet konsumieren. Und im Bus läuft immer ein Fernseher. Zeitungsleser gibt es aber natürlich auch in den USA noch.
Wie unterscheidet sich ein typischer "Blick"-Arbeitstag in den USA im Vergleich zu Zürich?
Grosse Unterschiede gibt es eigentlich nicht. Ich bin mir das selbständige Arbeiten ja auch schon von Abend- und Wochenenddiensten am Newsdesk gewohnt. Anders als in Zürich arbeite ich hier aber für verschiedene Ressorts und nicht nur für die Nachrichtenredaktion. Ich schreibe also auch Meldungen über das Geschehen im People-Bereich und im Sport - etwa Zusammenfassungen zu NHL-Spielen.
Gibt es konkrete Arbeitssituationen, in denen Zeitunterschied oder die geografische Distanz hinderlich sind?
Ich habe von hier aus ja Zugriff auf alle notwendigen Programme, wie den Agentur-Ticker, das Leserreporter-Tool, die verschiedenen Mail-Konti. Und man kann, wenn es notwendig ist, auch von L.A. aus beispielsweise einen Polizeisprecher anrufen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich schon einen Mediensprecher aus dem Bett geklingelt habe – er war nicht sehr erfreut über meinen Anruf. Am Ende nahm er es aber doch mit Humor. Im Falle eines Grossereignisses in der Schweiz, wie etwa einem Flugzeugabsturz, könnte ich von hier aus immerhin erste Meldungen publizieren. Und natürlich die Kollegen in der Schweiz mobilisieren.
Recherchieren Sie auch selber Geschichten aus den USA?
Meine Aufgabe besteht in erster Linie darin, die "Blick.ch"-Seite auf dem aktuellen Stand zu halten. Das heisst, ich scanne Agenturen, checke die Mails und Leserzuschriften und beobachte in- und ausländische News-Portale. Wenn es interessante Neuigkeiten gibt, verfasse ich eine Meldung und stelle sie online. Oder ich datiere bereits bestehende Artikel auf. Eigene Geschichten vor Ort recherchiert habe ich bislang nicht. Dazu reichte die Zeit einfach noch nicht.
Wie und wo recherchierten Sie Themen? Welche amerikanischen oder internationalen Webseiten besuchten Sie besonders oft?
Es sind mehrere Dutzend News-Portale, Blogs, Homepages von TV-Sendern etc. aus aller Welt, die ich systematisch anschaue. Hinzu kommen natürlich soziale Medien wie Twitter, über die ich auch immer wieder auf interessante Themen stosse.
Sind Sie auch Themen-Lieferantin für die Redaktion in Zürich, damit diese am Morgen direkt mit der Arbeit loslegen kann?
Das ist ein zweiter wichtiger Punkt meiner Arbeit hier. Selbstverständlich mache ich die Kollegen auf wichtige und interessante Themen aufmerksam und suche Geschichten aus aller Welt. Und ich bereite Artikel vor, die dann am Morgen direkt aufgeschaltet werden können. Das entlastet insbesondere den Frühdienst am Newsdesk, der nun nicht mehr in kürzester Zeit die Aktualität aufarbeiten muss.
Wie findet die Übergabe statt?
Jeweils bei Arbeitsbeginn und vor Arbeitsende tausche ich mich mit dem diensthabenden Kollegen in Zürich - dem Früh- oder Spätdienst am Newsdesk - per Videochat über die aktuelle Lage aus.
Könnten Sie sich vorstellen, einmal als Korrespondentin zu arbeiten?
Davon träumt doch jeder Journalist!
Ihre Tipps für den Nachfolger: Was soll er sich nicht entgehen lassen in Los Angeles?
Da ich weiss, dass mein Nachfolger grosser Pancake-Liebhaber ist, werde ich jetzt noch ein paar gute Locations testen, damit ich ihm etwas empfehlen kann.
Was werden Sie sich in den nächsten Wochen noch anschauen?
Als bekennender Freizeitpark-Fan werde ich natürlich die Universal Studios und das Disneyland besuchen. Und wenn das Wetter etwas besser ist, fahre ich nach Venice Beach und Malibu.
Fragen: Seraina Etter, Bild: zVg

