31.08.2012

Interview mit Ex-10vor10-Chef Hansjörg Utz

Kein leichter Abschied: 23 Jahre lang arbeitete Hansjörg Utz beim Schweizer Fernsehen, zuletzt sieben Jahre lang als Redaktionsleiter von 10vor10. Heute Montag übergibt der 62-Jährige definitiv an seinen Nachfolger Christian Dütschler. Persoenlich.com hat den engagierten Journalisten beim Kistenpacken im Leutschenbach besucht und mit ihm über die Kopp-Affäre, einen Meditationskurs und sein bisher geheimes Primeur-Rezept gesprochen. Zum Interview:
Interview mit Ex-10vor10-Chef Hansjörg Utz

Herr Utz, Sie haben mit Ihrer Redaktion im Leutschenbach ein rauschendes Abschiedsfest gefeiert.

Ja, rauschend war dieses Fest tatsächlich, liebevoll und berührend. Überwältigend.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Meine Kollegen sind auch als Unterhalter sehr kreativ. Sie trugen Produktionen vor, bei denen eine unglaubliche Vielfalt von Talenten zum Vorschein kam. Zwei aus dem Team tanzten Salsa, andere gaben Songs zum Besten, machten Kabarett - und einer spuckte sogar Feuer! Das war grandios.

Die Börsen-Moderatorin und frühere 10vor10-Reporterin Patrizia Laeri hat offenbar ein Porträt von Ihnen gemalt.

(lacht). Ja! Und auch dieses Talent habe ich vorher nicht gekannt. Das Öl-Gemälde steht nun zu Hause und wartet noch auf den goldenen Rahmen…

Unter Ihrer Führung ist 10vor10 schneller geworden und betont die Hardfacts. Wie haben Sie diese Qualitätskultur etabliert?

Die Faktenkontrolle habe ich massiv ausgebaut, auch personell. Präzision bei der Recherche und beim Abschluss sind entscheidend. Schon als Redaktionsleiter des Kassensturz habe ich ein Arbeitsinstrument für die Recherche entwickelt, das hilft, Fakten und Vermutungen voneinander zu trennen. Dieses Factsheet, eine A4-Seite, setzen wir auch bei 10vor10 ein.

Sie haben 10vor10 stetig weiterentwickelt, dabei waren Ihnen Storytelling und Vertiefung wichtig.

Ja, das war nötig. Das Publikum ist zum einen anspruchsvoller geworden, zappt schneller weg. Zum andern sind die Zuschauer – zumindest oberflächlich - besser informiert als noch vor einigen Jahren. Früher reichte es, wenn 10vor10 erklärte was passiert ist. Heute müssen wir erklären, warum etwas passiert. Kommt dazu, dass heute jeder und jede Journalist sein kann - Stichwort Social Media. Während des arabischen Frühlings halfen uns die Bilder, die auf Facebook, Twitter und Youtube hereinkamen, bei der Berichterstattung. Aber Bilder allein reichen nicht. In Zukunft wird 10vor10 noch stärker auf Hintergründe, Schwerpunkte und Serien setzen müssen. Einordnen, erklären, vertiefen. Aber auch das Newsgetting war mir stets ein grosses Anliegen. Die Sendung lebt von Eigenrecherchen, Enthüllungen, exklusiven News und Scoops. Hier haben wir in den letzten Jahren sicher zugelegt. Nur ein Beispiel: Die Berichte über die Verhütungspille Jasmin haben viel ausgelöst. Unser Ziel war es, möglichst jede Woche mit Eigenrecherchen präsent zu sein.

Wie schafft man als Chef eine solche Primeurkultur? Welches war Ihr Rezept?

Wir haben immer wieder gefragt: Stimmt diese Aussage wirklich? Ist das die ganze Wahrheit? Was steckt dahinter? Und man muss sich stets überlegen: Warum wird diese Geschichte gerade heute publik? Was sind die Interessen dahinter? Durch häufiges Nachfragen kann man die Mitarbeiter dazu bringen, andere Quellen anzuzapfen. Diese Newsgetting-Kultur ist auch bei der Sonntagspresse stark verankert. Da haben wir ab Donnerstag jeweils überlegt: Was sind die News am Sonntag? So kamen wir zuweilen auf die richtige Story, was die Kollegen mitunter ein bisschen ärgerte. (lacht)

Vor 10vor10 waren Sie beim Kassensturz und beim Tages-Anzeiger. Als Tagi-Chefreporter haben Sie 1988 mit zwei Kollegen die Kopp-Affäre aufgedeckt und den ersten, entscheidenden Artikel publiziert. War dieser rückblickend Ihr grösster journalistischer Triumph?

"Triumph" würde ich dies nicht nennen. Aber natürlich hatte der Text nachhaltige Wirkung bis hin zur Fichenaffäre um den Staatsschutz. Er war ein "Markstein" in meiner journalistischen Laufbahn. Wir recherchierten Fakten rund um die Geldwäscherei, die damals in der Schweiz ein grosses Problem war. Diese Geschichte war wasserdicht, weil sie Vermutungen und Indizien als solche benannte. Dies hat später auch das Bundesgericht festgehalten – es wies eine Schadenersatzklage von Hans W. Kopp gegen uns ab.

Wie denken Sie heute darüber, wenn Sie an die Auswirkungen denken?

Wir waren uns damals sehr bewusst, dass es Wirbel geben würde. Immerhin war der Ehemann der Justizministerin in die Geschichte involviert. Dass die Enthüllungen schliesslich zum Rücktritt der Bundesrätin führen würden, hatten wir nicht erwartet. Unser journalistisches Anliegen war, dass es dringend ein Geldwäschereigesetz brauchte.

Ihr Artikel erwähnte auch den kurz zurückliegenden Rücktritt des Verwaltungsratsvizepräsidenten Hans W. Kopp.

Wenn der Ehemann einer Bundesrätin im Verwaltungsrat eines Unternehmens sitzt, das nach damaliger Verdachtslage in Geldwäscherei verwickelt ist, dann ist das politisch schwierig. Nicht zuletzt aufgrund der fehlenden gesetzlichen Grundlage wurde aus diesem Verdacht kein hartes Faktum. Aber aus heutiger Sicht ist klar: Unsere Recherchen haben die Arbeiten am Geldwäschereigesetz stark beschleunigt.

Aber die Bundesrätin Elisabeth Kopp musste einen Monat später zurücktreten.

Ja, wegen des Telefonats, das sie mit ihrem Mann geführt hatte. Sie forderte darin ihren Mann zum Rücktritt aus dem Verwaltungsrat der Firma auf.

Heute würde diese Kopp-Geschichte eher als Bagatelle durchgehen. Sehen Sie dies auch so?

Ja, das ist schon so: Elisabeth Kopp erhielt die politische Maximalstrafe für ein Verhalten, das menschlich verständlich ist. Ehepartner reden nun mal über solche Vorfälle.

Sie sind 62. Warum lassen Sie sich frühpensionieren?

Bei SRF gibt es klar festgelegte Regeln: Kadermitarbeiter gehen mit 62 Jahren in Pension. Auch mein Kollege, Dok-Chef Christoph Müller, hat sich eben vom Haus verabschiedet.

Diese Frühpensionierungsregel gilt nur für Kaderpositionen?

Ja, für die anderen Mitarbeiter gibt es keine solchen Vorschriften. Ob das betriebswirtschaftlich Sinn macht, ist eine andere Frage.

Aus Ihren Worten könnte man schliessen, dass Sie nicht gehen würden, wenn Sie nicht müssten.

Ihr Eindruck stimmt nicht ganz. Ich war siebeneinhalb Jahre Redaktionsleiter von 10vor10. Ein hoch spannender, aber auch ein anstrengender Job. Diese Verantwortung gebe ich jetzt gerne an meinen langjährigen Stellvertreter Christian Dütschler ab. Er wird das mit Bestimmtheit gut machen.

Welche Pläne haben Sie?

Privat will ich wieder etwas besser zu mir schauen: wandern z.B. oder einen Meditationskurs machen. Ansonsten war ja schon der Journalismus mein zentrales Hobby. Daher wird es nicht ganz einfach in nächster Zeit.

Haben Sie eine Familie?

Ja, ich habe eine zwölfjährige Tochter. Für sie habe ich jetzt dann ebenfalls mehr Zeit.

Bei diesen beiden Fragen antworten Sie auffällig kurz. Sie sprechen nicht sehr gerne über Persönliches.

Nein, das halte ich lieber privat. So habe ich es schon immer gehandhabt.

Sie werden aber weiterhin journalistisch und beratend tätig sein.

Ja, ich habe diverse Projekte. Unter anderen eines mit Christoph Müller. Wir bieten Redaktionen Module für Qualitätskontrolle und Weiterbildung an – eine Art "Grosser Service".

Heute Montag holen Sie Ihre letzten Kisten ab.

Ja, und ich werde Gipfeli mitbringen. Ich werde meinen Kolleginnen und Kollegen für die tolle Zusammenarbeit und das grossartige Engagement nochmals herzlich danken. Ich werde mich verabschieden und heimlich eine kleine Träne verdrücken…

Interview: Edith Hollenstein


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