FAZ-Mitherausgeber und Bestsellerautor Frank Schirrmacher gehört zu den wichtigsten Intellektuellen Deutschlands. An der diesjährigen Generalversammlung des bsw leading swiss agencies hielt er ein viel beachtetes Referat über das Alter, im Vorfeld sprach er mit persoenlich.com über Egoismus, Google und die Zukunft unserer Mediengesellschaft. Fazit: Schirrmacher ist viel optimistischer, als man beim ersten Lesen denken könnte.
Herr Schirrmacher, Sie beschreiben in Ihrem neusten Buch den Egoismus als Zeiterscheinung. Schüchtern nachgefragt: Waren die Leute nicht auch schon früher egoistisch?
Ich bin damit völlig einverstanden, die Leute haben sich immer egoistisch verhalten. Ich bin auch der Ansicht, dass dies die Privatsache jedes Einzelnen ist. Doch dies ist eine moraltheoretische Debatte, die mich überhaupt nicht interessiert. Aber der Ansatz meines Buchs ist ein vollkommen anderer. Ich glaube, dass wir aufgrund der modernen Technologien und des darauf zugrunde liegenden Denkens verstärkt in eine Welt kommen, in welcher es ein Gebot der Vernunft ist, vernünftig zu handeln. Sobald es vernünftig ist, egoistisch zu handeln, wird es fast schon zu einer Regel oder Vorschrift. Es handelt sich also um einen rationalen Egoismus, mit welchem wir konfrontiert werden.
Also ist der Mensch schlechter geworden?
Der Mensch ist nicht schlechter geworden, son dern effizienter. Ein Beispiel sind die Google Maps, auf denen alles personifiziert wird. Was ist der Preis? Plötzlich zerfällt der soziale Raum. Wenn wir uns nicht mehr auf eine allgemein verbindliche Symmetrie einer Stadt einigen können, nimmt man die Welt plötzlich nur noch individuell wahr. Darin besteht das Grundproblem. Wenn wir uns beispielsweise nicht mehr auf die Topografie von Zürich einigen können, zerfällt auch der soziale Raum.
Aber Sie benutzen diese Medien auch...
Selbstverständlich. Deswegen braucht man doch nicht die Augen vor der ganzen Entwicklung zu verschliessen. Im Bereich der Internettechnologie haben wir das Phänomen, dass die drei Giganten Apple, Facebook und Google den Markt beherrschen und auch unter sich aufteilen und nicht viele kleine Ameisen, wie ursprünglich prognostiziert. Diese Ausgangslage ist in der Geschichte der Menschheit völlig neu und auch einzigartig.
Was heisst das auf die Medien bezogen? In der Schweiz sind wir immer noch stolz auf unsere Medienvielfalt.
Ich glaube, diese Vielfalt ist nur scheinbar. Ich möchte einmal drei Punkte hervorheben. Es stimmt zwar, dass wir eine Medienvielfalt haben, gleichzeitig wird alles immer identischer. Es werden nicht nur die gleichen Skandale, die gleichen Hits und die gleichen Debatten beschrieben, auch die Kommentierung der Ereignisse ähnelt sich immer mehr.
Woher stammt diese Homogenität?
Bereits im 18. Jahrhundert träumte man von einer "Dampfmaschine des Denkens". Dieses Instrument, so stellte man es sich vor, sei in der Lage, geistige Arbeit – und zu denen zähle ich die Medien – zu bewerten, zu ökonomisieren und zu gewichten. Dies passiert heute mit den I-like -Buttons im Facebook oder der Rangliste der meistgelesenen Beiträge im Internet. Eine solche "Hitparade" beeinflusst einen Autor bereits bei seiner Themenwahl, also lange bevor er zu schreiben beginnt. So wird er aufgrund dieser Erfahrung eher ein attraktives Thema behandeln als eines, von dem er weiss, dass es nur wenige interessiert. Dadurch kommt es gezwungenermassen zu einer Homogenisierung der Berichterstattung. In der Anfangsphase funktioniert dieses System immer. Sobald aber alle über die gleichen Themen schreiben, schwindet der Reiz, und es interessiert niemanden mehr. Das selbe gilt übrigens für die Börse. Mit der berühmten Black-Scholes-Formel, die mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, glaubte man in den 1980er-Jahren, die Kursentwicklung der Aktien vorausberechnen zu können. Aufgrund dieser Erkenntnisse hatte man sogar einen eigenen Fonds gegründet mit dem Resultat, dass dieser grandios scheiterte, als alle die gleichen Aktien kauften. Dieses Beispiel lässt uns für die Medien hoffen.
Welche Trends erkennen Sie momentan bei den Medien?
Momentan kann man innerhalb der Medien eine enorme inhaltliche Konformität feststellen. Diese steht im Widerspruch zu jener grenzenlosen Medienfreiheit und -vielfalt, die wir uns auf grund der Internetrevolution ursprünglich er hofften. Wir haben die Selektion und Speicherung der ganzen Informationsflut aus den Händen gegeben und technischen Maschinen wie Google überlassen. Die zweite Erkenntnis tönt zwar banal, ist aber einschneidend. Die Verbindung zwischen geistiger Arbeit und kommerzieller Verwertbarkeit hat sich vollkommen verändert. Mittlerweile werden im Internet die Werbeerlöse durch Firmen wie Google oder Youtube abgeschöpft, Plattformen also, die überhaupt keine eigenen Inhalte mehr herstellen, sondern diese nur noch weiterverbreiten.
Was bedeutet das für den Konsumenten?
Die materiellen Grundlagen des Journalismus haben sich vollkommen verändert. Dies hat auch Auswirkungen auf den Inhalt. In Zukunft wird Qualitätsjournalismus noch mehr kosten. Doch diesen Preis kann oder will nicht jeder zahlen.
Gleichzeitig ist in den letzten Jahren eine enorme Gratiskultur entstanden...
Wenn man in einem Kiosk steht und die vielen Zeitschriften und Zeitungen sieht, so fragt man sich zu Recht, warum diese überhaupt hergestellt werden. Viele Druckerzeugnisse produziert man längst aus werbetechnischen Motiven, der Inhalt ist dabei vernachlässigbar. Das Irre ist dabei, dass ausgerechnet diese Verlagshäuser besonders gut dastehen und nicht diejenigen, die auf Qualitätsjournalismus setzen. Dies widerspricht der Theorie, wonach Qualität in Zukunft einen ganz anderen Stellenwert haben wird.
Das muss Sie als Herausgeber der renommierten "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" besonders schmerzen...
Bis zu einem gewissen Grad sicher. Ich bin seit 1984 bei der FAZ. Ich glaube aber, dass die politische Durchschlagskraft unserer Artikel noch nie so hoch war wie heute. Dies ist erstaunlich, da auch wir gegen sinkende Auflagezahlen anzukämpfen haben. Es zeigt aber, dass Qualitätszeitungen in einem homogeneren Umfeld auch weiterhin eine Chance haben werden. Zum Zweiten hatten wir noch nie so viele Leser, dies, weil unsere Artikel auch im Internet zu lesen sind. Schmerzhaft ist aber die Tatsache, dass wir für sehr viel Geld Zeitungen produzieren, deren Inhalte aber anschliessend kostenlos weitergeben.
Warum ist dies so?
In den Neunzigerjahren, also kurz nach dem Ende des Kalten Krieges, übernahm eine Gruppe von Menschen, die wir auf dem Schulplatz noch ausgelacht haben und die man heute – nicht ganz korrekt – als "Nerds" bezeichnet, die Oberhand über die Kommunikationstechnologie. Bezeichnend war, dass diese Gruppe die mathematische Sprache beherrschte und nicht die narrative. Ausgelöst wurde diese Revolution am Cern in Genf. Dabei erkannte man, dass die ganze Internettechnologie nur dann funktioniert, wenn man auch über das richtige Benzin verfügt. Und dieses Benzin ist der freie Zugriff auf die gesamte Information. Eigentlich war dies ein äusserst subversiver Gedanke. Zuerst waren es lediglich wissenschaftliche Datenbanken, die im Netz freigeschaltet wurden. In jenem Moment aber, als das Silicon Valley die neue Technologie für sich entdeckte, wurden plötzlich auch die an deren Lebensbereiche internettauglich; so auch die Medien. Die Paradoxie besteht darin, dass ausgerechnet jene Firmen, die am meisten von der Öffnung des Informationsangebots profitierten, am meisten auf Geheimhaltung pochen. So zählt der Google-Algorithmus immer noch als eines der bestgehüteten Geheimnisse überhaupt.
Das Internet hat unser Leben in den zehn Jahren völlig auf den Kopf gestellt. Werden die Printprodukte jetzt aussterben?
Überhaupt nicht. Beim evolutionären Stand, über welchen die Menschheit verfügt, sinkt Gedrucktes viel tiefer ein als die schnelllebigen Informationen auf unseren Bildschirmen. Dies ist wissenschaftlich bewiesen. Bild-Chefredaktor Kai Diekmann verkündete soeben, dass wir uns für das iPhone ein neues Schreiben angewöhnen müssen. Darauf bin ich aber wirklich gespannt. Nach meiner Erfahrung kann man Intuitionen nicht an einen Computer delegieren. Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass Print noch lange seine Berechtigung haben und – so hoffe ich jedenfalls – schon bald wieder eine Renaissance erleben wird. Was wir aber noch nicht gefunden haben, ist die Koexistenz zwischen gedruckten und digitalen Medien.
Interview: Matthias Ackeret/Bild: Keystone/Das ausführliche Gespräch mit Frank Schirrmacher lesen Sie in der der September-Ausgabe der Zeitschrift "persönlich"

