Herr Haag, Ihnen und Ihrer Frau, der "Magazin"-Journalistin Anuschka Roshani, ist ein Scoop gelungen. Sie haben zwanzig unveröffentlichte Geschichten des amerikanischen Schriftstellers Truman Capote gefunden. Wie haben Sie dies geschafft?
Wir haben über mehrere Jahre – in der Hoffnung, die verschollenen Kapitel seines letzten Werkes "Erhörte Gebete" zu finden – unter anderem seinen Nachlass in der Public Library in New York durchforstet: Die fanden wir leider nicht, dafür frühe Kurzgeschichten aus seiner Zeit an der High School. Besonders gefreut hat uns bei dieser Entdeckung, wie grossartig sie bereits erzählt sind.

Wie muss man sich dies vorstellen, lagen diese Manuskripte einfach in einem Safe?
Nicht in einem Safe, sondern in einigen Dutzend Archivschachteln – darin lose Notizzettel, getippte wie handschriftliche Manuskripte und die typischen amerikanischen Sketch-Books.
Capote gehört zu den berühmtesten amerikanischen Autoren überhaupt. Hat nie ein Capote-Forscher dieses Archiv angeschaut?
Bestimmt wurde es mal von dem einen oder anderen Capote-Interessierten angeschaut, aber diese Geschichten sind anscheinend niemandem aufgefallen. Doch so genau wissen wir das nicht.
Wie waren die Reaktionen auf diese Entdeckung?
Enorm! Es gab ein weltweites Echo – von der "New York Times" über den "Guardian", die "Repubblica" und den "Figaro", überhaupt die meisten europäischen Zeitungen, bis hin zu chilenischen und brasilianischen Zeitungen, alle meldeten die Entdeckung ausführlich. Was beweist, dass Capote immer noch eine unverändert grosse Strahlkraft besitzt.
Sie publizieren nun diese Kurzgeschichten. Gab es da keine rechtlichen Probleme?
Selbstverständlich haben wir uns, wie es sich gehört, an den Rechteinhaber gewandt und die Publikationsrechte geklärt und erworben.

Sie haben den Roman "Erhörte Gebete" angesprochen, diesen letzten Roman Capotes, der Kult-Charakter hat. Was zeichnet ihn aus?
Capote wollte das ganz grosse Sittenbild seiner Zeit schreiben, so wie es Proust mit "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" für die Pariser Gesellschaft getan hatte. Capotes Romanfragment, das posthum veröffentlicht wurde, liest sich vor allem höchst vergnüglich: voller Sündenfälle, Irrläufe und Intimstgeheimnisse der Reichen und Schönen Amerikas – die er ja in seinen vielen Jahren als Liebling der New Yorker High Society verraten bekommen hatte.
Angeblich sind drei Kapitel dieses Romans verschollen. Warum zweifeln Sie daran?
Capote hatte auch von seinem Erstling "Sommerdiebe" behauptet, er habe das Manuskript vernichtet – 2004 tauchte es dann plötzlich auf, zwanzig Jahre nach seinem Tod. Und es gibt einige Weggefährten von ihm, die sich daran erinnerten, ganze Passagen aus den verschollenen Kapiteln von ihm selbst gehört zu haben: auf Autofahrten in sein Sommerhaus nach Long Island zum Beispiel. Seine letzte Freundin Joanne Carson, in deren Haus in Los Angeles er starb, berichtete zudem, er habe ihr kurz vor seinem Tod einen Schlüssel gegeben und gesagt, dieser gehöre zu dem Schliessfach eines Busbahnhofs – leider schwieg er sich darüber aus, zu welchem.
Werden Sie weiter nach Capote-Manuskripten suchen?
Bestimmt, aber zunächst mal werden wir im Dezember 2015 diese frühen Erzählungen von Capote in Buchform herausbringen.
Wie erleben Sie als Verleger die ganze Internetrevolution im Buchmarkt?
Als hilfreich und grosse Chance – sie bringt uns näher und einfacher zum Leser.
Welches sind Ihre nächsten Projekte?
Ein Frühlingsprogramm mit lauter Feuerwerk: darunter Neues von Weltstars wie Anne Tyler und Elif Shafak sowie der zweite herausragende Roman der Israelin Ayelet Gundar-Goshen – übrigens wird dieses Programm im Wesentlichen von Autorinnen bestimmt.
Interview: Matthias Ackeret // Bilder: Keystone
Das ausführliche Interview finden Sie in der aktuellen "persönlich"-Printausgabe.

