13.02.2014

Andrea Bleicher

"Jetzt weiss ich, was ich will"

Andrea Bleicher, Stv.Chefredaktorin der "SonntagsZeitung", wurde im Jahr 2013 zur öffentlichen Figur. Ein Gespräch über Stil und Mode – und den "lauten" "Blick".
Andrea Bleicher: "Jetzt weiss ich, was ich will"

Frau Bleicher, Sie haben im vergangenen Jahr als Chefredaktorin ad interim beim "Blick" und durch Ihre Absetzung Schlagzeilen geschrieben. Wie haben Sie das Jahr 2013 persönlich erlebt?
Andrea Bleicher: Für mich war 2013 ein wahnsinniges Jahr. Ich hatte viel Ärger – aber noch mehr Spass. Ich habe viele Freunde dazugewonnen und weiss jetzt noch genauer, was ich will. Und was ich nicht will.

Uns sind Ihre Outfits aufgefallen. Heute tragen Sie ein ledernes Oberteil, an Ihrem letzten Tag beim "Blick" waren es kurze Shorts aus dem gleichen Material. Was verbinden Sie damit?
Ich mag Leder. Weil es so nichts Niedliches an sich hat. Am liebsten mag ich Lederhosen. Leider sehen wir Frauen darin oft wurstig aus. Anders als Männer. Mick Jagger zum Beispiel. Für mich ist er der coolste Lederhosenträger überhaupt. Ich selber musste lange nach der perfekt sitzenden Hose suchen.

Wo wurden Sie fündig?
In London. Dort habe ich mir auch meinen zweiten Mick‐Jagger‐Fashion‐Traum verwirklicht: eine längs gestreifte blau‐weisse Hose.

Neben Jagger lieben Sie die Sex Pistols. Steckt in Ihnen ein Punk?
Ein Stück weit schon, ja. Für mich gibt es jedenfalls nichts Schlimmeres, als langweilig zu sein. Mit 20 ging ich nach London. Mein damaliger Freund war Hausbesetzer, was mir sehr imponierte. Ich färbte mir die Haare und kaufte meine erste Lederjacke. Mir gefällt die ganze Punk‐Rock‐Ästhetik. Enge Hosen und T‐Shirts verkörpern eine unkonventionelle Art von Schönheit. Vor wichtigen Sitzungen höre ich zu Hause lauten Punk Rock. 

Abgesehen von Jagger: Wessen Stil bewundern Sie?
Kate Moss finde ich toll. Ihr Stil ist in sich stimmig. Ausserdem bewundere ich die Gelassenheit der Engländer, was ihren Modestil betrifft. Jeder gibt sich so, wie er möchte. Als ich zum ersten Mal in London war, überkam mich ein völlig neues Gefühl von Freiheit.

Setzen Sie mit Ihrer Kleiderwahl bewusst ein Statement?
Nicht immer. Aber Mode hilft mir durch den Tag. Mit den richtigen Kleidungsstücken fühle ich mich gut. Das heisst aber nicht, dass ich jeden Tag stundenlang vor meinem Kleiderschrank stehe. Ausser im Fitnessstudio und am Strand trage ich nie flache Schuhe. Weil ich gerne grösser bin als die anderen. Das ist psychologisch wichtig, als Frau noch mehr.

Haben Sie nie den Druck verspürt, sich in puncto Mode mässigen oder anpassen zu müssen?
Nein. Ich halte nichts von Leuten, die denken, eine Chefin müsse stets im Hosenanzug oder im Deuxpièces auftreten. Ich bin alt genug, um zu wissen, was mir steht und was nicht.

Ecken Sie mit Ihrer Kleiderwahl oft an?
Hin und wieder schon. Aber die wenigsten sagen einem so etwas direkt ins Gesicht. Es wurden aber auch schon Stimmen laut, die meinten, eine Chefredaktorin könne nicht in kurzen Hosen rumlaufen. Aber what the fuck? Ein Chefredaktor in einem schlecht sitzenden Polyester‐Anzug ist doch viel schlimmer.

War es Zufall, dass Sie an Ihrem letzten Tag beim "Blick" ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Good things always happen twice" trugen?
Nein. Ich habe mir ganz genau überlegt, was ich an diesem Tag anziehe. Ich überlege mir immer, welche Botschaft ich vermitteln möchte.

Was war an jenem Tag Ihre Botschaft?
Ganz einfach: "Wisst ihr was? Ich passe vielleicht nicht in eure Schablone rein, aber das ist euer Problem." Und an mein Team: "Wir sehen uns woanders wieder."

Wieso passten Sie nicht in die Ringier-Schablone?
In der Nachanalyse habe ich festgestellt: Die wollten mir den Job wahrscheinlich gar nie geben. Sie wollten jemanden, der genauso ist, der genauso denkt wie sie selber. Das war und bin ich nicht.

Wenn Sie den "Blick" einem Kleidungsstück zuordnen müssten, was wäre er dann?
Der "Blick" ist ein Kleid von Roberto Cavalli: laut, "in your face" und manchmal auch ein bisschen "too much". Aber: sehr interessant und eigenwillig.

Und Ihr neuer Arbeitgeber, die "SonntagsZeitung"?
Die "SonntagsZeitung" ist ein Kleid von Kaviar Gauche: feiner, nicht ganz so auffällig, aber durchdacht und im Detail ausgearbeitet.

Was steht Ihnen besser?
Man kann in beidem sehr gut aussehen. 
 

Text: Raphaela Haenggi (Head of Digital bei der SI Style )//Bild: Lukas Mäder (lukasmaeder.ch)

Der Text erschien erstmals im "Cicero - ADC Magazin für Kreativkultur", der ADC Galazeitschrift 2014, und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Ringier Verlags in unveränderter Form verwendet.

 

 


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