27.11.2013

Deadline

"Journalisten müssen öfter rausgehen und mehr nachdenken"

Constantin Seibt, Peter Hogenkamp, Roger Schawinski u.a. über die Zukunft ihrer Zunft.
Deadline: "Journalisten müssen öfter rausgehen und mehr nachdenken"

Weniger Leser, weniger Werbung, weniger Geld: Die Zeitungsverlage stecken in einer tiefen Krise. Constantin Seibt, Tagi-Journalist und Autor von "Deadline" (vgl. dazu Interview mit persoenlich.com) diskutierte im Rahmen seiner Buchvernissage am Dienstagabend im ausverkauften Theater Neumarkt über die Zukunft seiner Zunft: Wohin geht der Journalismus? Wer ist schuld an der Medienkrise? Ist die Paywall die Rettung oder der letzte Schrei der Verzweiflung? Es wurde viel gefragt. Noch mehr blieb unbeantwortet.

Was machen wir Journliasten falsch? Die Einstiegsfrage ist ein Stimmungskiller in Seibts "Wunsch-Tischrunde", die aus folgenden Personen besteht: Michèle Binswanger ("Tages-Anzeiger"), Roger Schawinski (Radio 1), Daniel Binswanger (Das "Magazin"), Peter Hogenkamp (NZZ), Christof Moser ("Schweiz am Sonntag") – und aus ein paar Flaschen Rotwein.

Nachdenken, Neues probieren und nicht kopieren
Christof Moser findet, dass Journalisten fassbarer werden und mit den Lesern auf Augenhöhe in einen Dialog treten müssen. Denn nicht der Journalist definiere, was relevant sei, sondern der Leser. Social Media sei ein Muss. Oft würden Leser nicht einer bestimmten Zeitung, sondern einem Journalisten folgen, der dadurch zur Marke werde.

Ein weiterer Fehler: Journalisten verlassen ihren Elfenbeinturm zu wenig. In Mosers Traum-Redaktion dürften sie denn auch nicht vor 16 Uhr ins Büro kommen und wären dazu verdammt, den halben Arbeitstag ausschliesslich mit Nachdenken zu verbringen. Wobei wir beim nächsten Problem wären: Journalisten denken zu wenig nach. (Daniel Binswangers Kommentar: "Das ist eine schlechte Diagnose für unseren Berufsstand.")

Laut Michèle Binswanger wird zu oft kopiert. Vielen Journalisten fehle der Mut, Neues auszuprobieren - und dabei auf die Schnauze zu fallen. Es sei die Tendenz spürbar, dass man die Umstände einfach akzeptiere. Binswanger fordert im Journalismus mehr Haltung. Man dürfe für das Publikum nicht berechenbar werden. 

Wenn man in seinem Brotjob nicht neue Formen und Ideen ausprobieren könne, solle man selber publizieren, findet Hogenkamp. "Nicht ganz einfach", entgegnet Schawinski: Mit revolutionären Ideen etwas zu bewirken, werde immer schwieriger, da es die Marktlücken von früher nicht mehr gebe.

Die Schweiz, ein Online-Entwicklungsland
Innovation scheint aber notwendig zu sein: Heutige Schweizer Online-Zeitungen sind oft ein Nachbau der Printausgaben. Der Titelkopf ist der gleiche, viele Artikel werden übernommen, oft wird nur noch am Titel geschraubt. Dass dies in 20 Jahren noch so sein wird, bezweifelt Hogenkamp. Denn Studien belegen, dass mittellange Artikel – sprich: Printlänge – weniger geteilt werden und damit weniger Anklang finden als ganz kurze oder wiederum ganz lange Texte. Die Artikeldarstellung werde verschwinden, glaubt er.

Die Schweiz sei in Sachen Online-Journalismus ein Entwicklungsland, konstatiert Daniel Binswanger. Als Beispiel nennt er die erfolgreiche "Financial Times", die alle Inhalte online zur Verfügung stellt. Hierzulande herrsche indes ein seltsamer Parallelismus zwischen der Print-Zeitung und der dazugehörigen Online-Ausgabe, wodurch eine künstliche Konkurrenz entstehe. Neben Artikeln sei es zudem zwingend notwendig, die Chancen, die Online bietet, besser zu nutzen und beispielsweise mehr mit Videos zu arbeiten.

Fakt sei: Die Einnahmen werden immer weiter sinken, so Binswanger. Als Leuchtturm nennt der "Magazin"-Kolumnist die französiche Internetzeitung Mediapart.fr. Sie finanziert sich ausschliesslich über Abo-Modelle. Dafür verzichtet sie auf Werbung und verspricht den Lesern "Unabhängigkeit, Qualitätsjournalismus und Diskussionsbeteiligung“. Ein Konzept, das in Frankreich funktioniere.

Hogenkamp ist überzeugt, dass man auch in der Schweiz bereit ist, für gute Inhalte zu bezahlen. Er selber glaubt, dass in Zukunft mit einer Regionalzeitung am ehesten Geld zu machen ist.

Unbekannte Zukunft
Es wurde munter und viel diskutiert im Theater Neumarkt, fast mehr über Verlagsstrategien als über journalistisches Handwerk. Es wurden sehr viele Fragen gestellt. Eine Lösung ist aber nicht in Sicht. 

Passend dazu Hogenkamp via Twitter: (set)



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