03.09.2018

Journalismus vs. PR

Journalisten sollten Medienstellen ignorieren

Gerade zwei Kommentatoren weisen in der Sonntagspresse auf einen Missstand hin: Kommunikationsberater würden heutzutage versuchen, die Berichterstattung zu kanalisieren.
Journalismus vs. PR: Journalisten sollten Medienstellen ignorieren
Nicht immer steht Bundesrat Cassis alleine vor den Medien: Letzte Woche griff sein Berater ein. (Bild: Keystone/Christian Merz)
von Anna Sterchi

Es habe diese Woche ein schönes Beispiel gegeben, das zeige, wie die Politik die Berichterstattung der Medien beeinflusse, schreibt Simon Widmer in der «SonntagsZeitung» (Artikel kostenpflichtig). Aussenminister Ignazio Cassis sollte einem Fernsehjournalisten in der Sendung «10 vor 10» eine Frage zu Kriegsmaterialexporten beantworten, als plötzlich ein Berater wild gestikulierend eingriff: «I ha gseit, das isch kes Thema», sagte er und unterband die entsprechende Frage, wie das Video im Tweet von Pressefotograf Pascal Mora zeigt:


Natürlich wären Kriegsmaterialexporte bei einem Gespräch mit dem Aussenminister ein Thema, findet Widmer. Die Intervention des Sprechers sei ein Beispiel dafür, wie Kommunikationsleute bestimmen möchten, was Konsumenten zu sehen, lesen und hören bekommen, so der SoZ-Journalist.

Widmer ist der Ansicht, dass viele Journalisten den Kampf gegen die Kommunikationsstellen aufgegeben haben. «Die Versuche der Gegenseite, Informationen zu kanalisieren, zu filtern und zu zensieren, werden kaum einmal transparent gemacht», schreibt er.

Wichtige Fragen würden nicht gestellt

Das sei früher anders gewesen, hält Widmer fest und führt ein Beispiel aus dem Jahr 1995 auf: Der damalige CVP-Präsident Anton Cottier versuchte, an einem «Facts»-Interview im Nachhinein radikale Änderungen anzubringen. Bei der Veröffentlichung stand bei einigen Fragen neben Cottiers autorisierter Antwort die Originalversion. Die Leser konnten nachvollziehen, wie der CVP-Mann das Interview abändern wollte.

Leidtragende an der heutigen Situation seien die Konsumenten, schreibt Widmer: «Sie lesen oftmals geschliffene Interviews mit Wirtschaftsführern und Politikern, in denen die wichtigsten Fragen erst gar nicht gestellt werden.» Journalisten sollten die Umstände, unter denen sie recherchieren müssen, wieder öfter transparent machen, so wie im Beispiel des «10 vor 10»-Beitrags (am Schluss des Beitrags).

«Boykotte konsequent öffentlich machen»

Auch Journalist Ronnie Grob fordert in seiner Medienkritik in der «NZZ am Sonntag» (Artikel kostenpflichtig), dass Journalisten wieder unabhängiger von Medienstellen recherchieren sollten. Er führt das Beispiel einer Journalistin auf, die zwei Jahre die SBB um Erlaubnis gebeten habe, ein Minibar-Wägelchen begleiten zu dürfen – ohne Erfolg.

In der Regel passiere gar nichts, wenn man die Medienstelle ignoriere, hält Grob fest. Falls eine unerlaubte Recherche tatsächlich Boykotte oder Nachteile für den Journalisten ergäben, so sollte der Medienschaffende diese konsequent öffentlich machen.



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Kommentare

  • Andreas Willy Rothenbuehler, 03.09.2018 21:09 Uhr
    Ich bin fast 70 Jahre alte.Wenn ich nun alle Medienschaffende erwähne,die sich in eine Kommunikationsabteilung gerettet haben ( in meinem Leben ) wird das Internet platzen.Aus Fragen und Antworten wurde KOMMUNIKATION !
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