08.03.2026

Halbierungsinitiative

Kein normaler Abstimmungssonntag im Fernsehturm

Dutzende RTS-Angestellte haben gemeinsam in Genf die Ergebnisse zur SRG-Initiative mitverfolgt. Mehrere Medien, darunter persoenlich.com und das französische Fernsehen, durften einen Blick hinter die Kulissen werfen. Obwohl der Spardruck nicht verschwindet, war die Erleichterung spürbar.
Halbierungsinitiative: Kein normaler Abstimmungssonntag im Fernsehturm
RTS-Direktor Pascal Crittin war ein gefragter Mann am Sonntag. Auch das französische Fernsehen hat ihn Interviewt. (Bild: persoenlich.com/spo)

11.45 Uhr

In fünf Minuten fängt die Live-Sendung zum Abstimmungssonntag an. Regie, Gäste und Moderatoren sind parat. Der Teleprompter muss noch angepasst werden. persoenlich.com und Keystone dürfen einen Blick ins Studio werfen.

11.55 Uhr

In der Cafeteria wurde eine Begegnungszone mit einem Grossbildschirm eingerichtet. Es gibt Getränke und Sandwiches. «Viele Mitarbeitende konnten sich nicht vorstellen, heute woanders zu sein als hier», so RTS-Sprecher Christophe Minder. Rund 70 Personen haben sich versammelt, um die Ergebnisse der Halbierungsinitiative, die ihre Jobs direkt bedroht, zu verfolgen. Einige sind mit ihren Kindern gekommen. Eine weitere Begegnungszone gibt es im neuen Hauptsitz von Ecublens (VD).

12.00 Uhr

Der allererste Trend zeigt ein «Nein» zur Initiative. Die Reaktion in der Cafeteria fällt vorsichtig aus. Erst als klar wird, dass sich ein klares «Nein» abzeichnet, jubeln die Anwesenden. Die ersten Projektionen, die über 60 Prozent Ablehnung zeigen, lassen einige staunen.

12.15 Uhr

Solène Monney von Blick Romandie ist gekommen, «um den Puls der Mitarbeitenden zu spüren», wie sie gegenüber persoenlich.com erzählt. Auch sie zeigt sich über die klaren Trends überrascht. Sie habe das Gleiche 2018 bei «No Billag» beobachtet. Sie war damals bei der RTS tätig. «Es gab eine sehr laute Minderheit im Internet gegen den Service public.» Diese Stimmen seien aber auch damals nicht repräsentativ gewesen.

12.25 Uhr

Auch die RTS berichtet über das interne Treffen an diesem Wahlsonntag. Redaktorin Fanny Moille filmt einen Beitrag für «19.30», die «Tagesschau» von RTS. Auch das Radio interviewt die Anwesenden. Bisher war bei der RTS Zurückhaltung gefragt. Es war nicht erwünscht, dass die Angestellten sich im Vorfeld darüber äussern. Ein Bericht über die Reaktionen der RTS-Angestellten liegt aber auf der Hand, findet Journalistin Fanny Moille. Jede Initiative werde gleichbehandelt: Die Seite der Befürworter und der Gegner werde vorgestellt. Später wird sie noch ihren Direktor Pascal Crittin interviewen. Das sei schon komisch, sagt sie. Das Schwierige sei aber nicht, kritische Fragen zu stellen, sondern die eigenen Emotionen zu kontrollieren.

12.45 Uhr

RTS-Direktor Pascal Crittin mischt sich unter die versammelten Mitarbeitenden. Er schüttelt Hände und macht die Runde.

13.30 Uhr

Die externen Journalisten müssen die Cafeteria verlassen. SRG-Generaldirektorin Susanne Wille und Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina werden live aus Bern geschaltet, um sich den Mitarbeitenden zu wenden. Auch Pascal Crittin soll eine Ansprache halten.

13.35 Uhr

persoenlich.com darf mit dem Co-Chefredaktor News, Pierre-Olivier Volet, sprechen. Zur Frage, wie es war, über eine Abstimmung zu berichten, die einem selbst direkt betrifft, sagt er: «Wir haben gemacht, wie wir mit allen Initiativen machen. Das war manchmal schizophren. Aber das Beste, was man machen kann, ist zu zeigen, dass man eine professionelle Berichterstattung bringen kann.» In gewissen Fällen habe es mehr Gegenkontrollen gehabt. «Alle waren sich bewusst, dass wir einwandfrei sein mussten.» Das Resultat zeige, dass die Arbeit anerkannt werde.

14.30 Uhr

Pascal Crittin tritt in der Live-Sendung von RTS auf. Damit äussert er sich zum ersten Mal öffentlich über die Abstimmungsresultate. «Es handelt sich um eine sehr klare Botschaft der Bevölkerung. Sie sagt im Grunde, es lohnt sich, diesen Preis zu zahlen für eine SRG, die alle Bereiche anbietet und in allen Sprachregionen.»

14.45 Uhr

Die Abstimmung hat auch über die Schweizer Grenzen hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt. Ein Journalistenteam des französischen Fernsehens France 3 trifft ein. Sie wollen Pascal Crittin interviewen. In Frankreich herrscht seit mehreren Monaten eine Debatte über den medialen Service public. Eine parlamentarische Untersuchungskommission soll herausfinden, ob die öffentlich-rechtliche Berichterstattung zu links ist, erklärt Serge Worreth. Ausserdem wollen Politiker das Budget der Sender kürzen. Der Beitrag soll zeigen, wie die Schweiz mit ähnlichen Fragen umgeht.

15.30 Uhr

Nach den Interviews mit dem französischen öffentlich-rechtlichen Sender France 3 und «19.30» setzt sich Pascal Crittin zu persoenlich.com und Blick Romandie hin. Er wirkt fast euphorisch. Er sagt es selbst: «Ich bin erleichtert für die Mitarbeitenden, es war nicht einfach. Alle waren sehr besorgt». Im Vergleich zu «No Billag» sei diese Kampagne intensiv, denn die SRG allein stand im Visier. 2018 waren alle Abgabe-Empfänger noch betroffen. Ausserdem habe sich die öffentliche Diskussion geändert. Es gebe eine Verarmung der Debatte auf den sozialen Medien.

Während des Abstimmungskampfs gab es gegenüber der SRG viel Kritik auch vonseiten der Gegner der Initiative. Welche nimmt Crittin mit? «Wir sind der Autokritik fähig», so der RTS-Chef. «Die nächste Etappe ist es, auf die neue Konzession zu warten. Da werden wir wissen, welches Mandat wir nach Meinung des Bundesrats erfüllen müssen.» Die Frage, ob die SSR zu links sei, nehme er schon lange vor dieser Abstimmung sehr ernst. Er merke aber, dass dieses Mantra schon fast 50 Jahre alt sei und fast alle Medien betreffe, auch im Ausland. Diese pauschale Kritik sei aber gefährlich, denn sie schwäche die Medien und die Demokratie.

Selbst wenn die Freude am Sonntag da ist, kommen wichtige Sparmassnahmen auf die SRG zu. Mit Enavant sollen 900 Stellen gestrichen werden. Wie viele es bei der RTS sein werden, wisse man noch nicht, so Crittin. Die neue Organisation sieht Synergien auch zwischen den Einheiten vor. «Es wird so viel zusammengelegt wie möglich, bleibt dabei so regional wie nötig», fasst der Direktor zusammen mit einem Augenzwinkern an einem berühmten Zitat von Alain Berset. Es werden mehr Inhalte ausgetauscht, wie zum Beispiel auf der neuen Plattform Play+, die Ende Jahr lanciert wird. Ein wichtiger Partner wird die Nachfolgerin oder der Nachfolger der abtretenden SRF-Direktorin Nathalie Wappler sein. Dazu Crittin: «Diese Person wurde wohl mit Blick auf diese Vision dieser Synergie und Transformation rekrutiert.»

Nach dem Interview folgt Crittin seinem Pressesprecher, um Fragen weiterer Journalisten zu beantworten. Dieses Mal telefonisch.


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