18.05.2025

Ann Telnaes

«KI ist für Künstler schrecklich»

Die Pulitzer-Preisträgerin gehört zu den profiliertesten politischen Karikaturistinnen der USA. Im Gespräch erklärt sie ihren aufsehenerregenden Abgang bei der Washington Post, die Pflicht von Verlagen, kritische Stimmen zu schützen, und warum KI eine Bedrohung für ihre Kunst darstellt. persoenlich.com traf Ann Telnaes nach ihrem Auftritt am SwissMediaForum.
Ann Telnaes: «KI ist für Künstler schrecklich»
«Verleger sollten einen für sein Talent einstellen und respektieren, dass die eigene Meinung nicht zwingend dieselbe ist wie diejenige der Zeitung», so Ann Telnaes, politische Karikaturistin. (Bild: SwissMediaForum/Severin Bigler)

Ann Telnaes, wenn das SwissMediaForum von letzter Woche eine Karikatur wäre, wie würde es aussehen? 
Oje, Sie müssen verstehen, ich bin gerade erst hier in Luzern angekommen. In den letzten Tagen war ich zunächst in Norwegen für eine Medienkonferenz, dann ging es nach Morges für eine Ausstellung und anschliessend nach Genf für ein weiteres Event. Unterwegs habe ich natürlich mit vielen Menschen gesprochen und wollte erfahren, wie die Europäer über die Entwicklungen in den USA denken. Das war sehr interessant. Ich kann Ihnen nicht genau sagen, was ich zeichnen würde, da ich noch keine Zeit zum Nachdenken hatte. Wahrscheinlich wäre es eine Karikatur, die die europäische Sicht auf die Veränderungen in den USA kommentiert. 

Sie haben einen Hintergrund in der Animationsbranche. Wie hat Ihre Erfahrung bei Disney Ihren visuellen Erzählstil als politische Karikaturistin beeinflusst? 
Alles, was man als Künstlerin lernt, trägt letztendlich zu seinem kreativen Ausdruck bei. Ich durfte eine sehr gute Kunstausbildung am California Institute of the Arts geniessen, wo ich die Disney-Animationstechnik erlernt habe. Man lernt dort nicht nur Animation, sondern auch Farbe, Design, Zeichnen und Aktzeichnen. All dies hat erheblich zu meiner heutigen Arbeit beigetragen. Die politische Karikatur habe ich erst nach einigen Jahren in der Animationsbranche für mich entdeckt, als ich begann, die Welt um mich herum bewusster wahrzunehmen. Da entschied ich, meine Kunst zu nutzen, um mich zu äussern. 

«Man braucht echte Leidenschaft, denn es ist ein sehr anspruchsvoller Beruf»

Sie haben kürzlich den Pulitzer-Preis gewonnen – herzlichen Glückwunsch auch von meiner Seite. Welchen Einfluss hatte diese Auszeichnung auf Ihre kreative Freiheit und Ihre Reichweite? 
Nun, ich habe den Preis schon einmal zuvor gewonnen – vor etwa 25 Jahren. Es ist natürlich immer wieder eine Ehre und dieses Mal kam es besonders überraschend. Tatsächlich erfuhr ich davon im Taxi, auf dem Weg zum Flughafen. Ich sage jungen Menschen, die politische Karikaturisten werden wollen, immer, dass man das nicht für Auszeichnungen macht. Man braucht echte Leidenschaft, denn es ist ein sehr anspruchsvoller Beruf. Man muss viel lesen, sich eine fundierte Meinung bilden und investiert viel Zeit.

Wie würden Sie den Unterschied zwischen Animationsunterhaltung und politischer Karikatur im Hinblick auf die gesellschaftliche Wirkung beschreiben? 
Ich würde argumentieren, dass es viele Animationsfilme – Kurzfilme und Spielfilme – gibt, die im Kern Kommentare über die heutige Gesellschaft sind. Mit meinem Hintergrund habe ich auch einst animierte politische Karikaturen erstellt – zwar sehr kurze Bilder, aber sie bewegten sich trotzdem. Es ist wohl eine Mischform. Besonders heutzutage, wo Kreative vermehrt die Situation kommentieren und sich äussern wollen. Ich denke, es gibt immer mehr Animationsserien, die bei genauerer Betrachtung ihre Meinung über das Weltgeschehen kundtun. 

Können Sie kurz Ihren kreativen Prozess von der Konzeption bis zur Veröffentlichung einer Karikatur beschreiben? 
(Lacht.) Wie langweilig! Nein, es ist witzig, weil mir schon manche Leute gesagt haben, dass sie meinen kreativen Prozess filmen möchten. Doch ich fürchte, dass dies wirklich langweilig wäre, weil es viele Leerlaufzeiten gibt. Es ist ein fortlaufender Prozess, ähnlich wie bei Kolumnisten, die Meinungen schreiben. Wir lesen Artikel und recherchieren. Der einzige Unterschied ist, dass wir anfangen, auf Servietten kleine Ideen zu skizzieren oder in unserem Skizzenbuch winzige Thumbnails anzufertigen. Und sobald man sich für eine Idee und ein Thema entschieden hat, wird es finalisiert.  

«Satire ist fast ehrlicher als viele heutige Nachrichtenorganisationen»

Wie sieht diese Phase aus? 
Ein rasches Beispiel: Meine Karikatur, die in der Washington Post nicht veröffentlicht werden durfte, war eine Art Skizze. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits recherchiert, Artikel über all die Milliardäre gelesen, die nach Mar-a-Lago gehen, mir eine Meinung gebildet und meine Idee entwickelt. Ich erstellte meine Skizze, ein sogenanntes «Rough», und wenn sie genehmigt worden wäre, wäre sie in die Endfassung gegangen. Für die finale Version – verschiedene Karikaturisten haben unterschiedliche Arbeitsweisen – zeichne ich immer noch von Hand auf Papier und verwende normalerweise Aquarellfarben. Dann muss ich das Ganze scannen und vorbereiten. 

Welche Rolle spielt Satire in der politischen Kommunikation heute, besonders in einer zunehmend polarisierten Medienlandschaft? 
Betrachten wir die «Daily Show», etwa im Jahr 2016. Viele Menschen bezogen ihre Nachrichten damals von der Daily Show mit Jon Stewart. Auch ich habe sie ständig gesehen. Natürlich macht es mehr Spass, wenn man etwas mehr über Politik weiss, weil es dann witziger ist. Ich denke, Satire spielt eine sehr wichtige Rolle dabei, wie Menschen ihre Nachrichten bekommen.  

Warum?  
Im Gegensatz zu Fake News, über die heutzutage alle sprechen, im Gegensatz zu Fox News und anderen, die absichtlich Fakten weglassen, basiert Satire auf Fakten. Sie wurzelt in der Realität. Sie nimmt diese Realität, dehnt sie und macht sie lustig. Daher denke ich, dass Satire fast ehrlicher ist als viele heutige Nachrichtenorganisationen. Und Menschen fühlen sich zu satirischen Dingen hingezogen, besonders zu Bildern. Ich denke, sie sind auf diese Weise sehr mächtig und spielen eine sehr wichtige Rolle dabei, dass Menschen verstehen, was vor sich geht. 

«Ich bin nicht da, um zu zeichnen, was mein Vorgesetzter mir sagt»

Wie bereits erwähnt, arbeiten Sie nicht mehr für die Washington Post. Wie navigieren Sie durch die Spannung zwischen künstlerischer Integrität und kommerziellen Interessen? 
(Lacht.) Es ist nicht so, dass meine Werke nie redigiert wurden. Auch ich musste Anpassungen vornehmen. Das ist nicht das Problem. Man muss akzeptieren, dass man für eine Organisation, für ein Unternehmen arbeitet. Ich überarbeite meine Werke auch selbst. Ich sitze manchmal da und denke: Das ist zu viel für meinen Standpunkt, das Bild ist zu stark. Aber dennoch ist man eine politische Karikaturistin und hat bestimmte Prinzipien. Ich bin keine Illustratorin. Ich bin nicht da, um einfach zu zeichnen, was mein Vorgesetzter mir sagt. So soll es nicht funktionieren. Sie sollten einen für seine Fähigkeit, sein Talent einstellen und respektieren, dass die eigene Meinung vielleicht nicht zwingend dieselbe ist wie diejenige der Zeitung. Aber das macht die Zeitung stärker. Jeder hat seine eigene Grenze, so auch ich. Nun habe ich herausgefunden, wo meine liegt. 

Müssen Verlage die Meinungsfreiheit ihrer visuellen Kommentatoren schützen? 
Absolut. Wenn man einen politischen Karikaturisten hat und an ihn glaubt, dann ist dies Pflicht des Verlegers. Wenn eine Karikatur nach der Veröffentlichung angegriffen wird, und die Leute lesen sie falsch oder stellen sie als etwas dar, das sie nicht ist, dann hat man die Verpflichtung, sich zu wehren und zu erklären, was der Karikaturist beabsichtigte. Man kann sagen: «Ich respektiere Ihre Meinung, dass es eine schreckliche Karikatur ist und Sie sie als beleidigend erachtend, aber es ist nun mal ein anderer Standpunkt» – das ist die Rolle eines Redaktors.

Wie gehen Sie persönlich mit Kritik oder Gegenreaktionen um, wenn Ihre Karikaturen besonders sensible Themen berühren? 
Als Karikaturistin ist man ziemlich an Kritik gewöhnt. Ich habe mich schon mit Leuten auseinandergesetzt, die E-Mails schreiben, in denen sie dies sagen und ich jenes antworte. Doch das kann man nicht ständig tun, sonst bleibt keine Zeit zum Zeichnen mehr übrig. Was mir besonders aufgefallen ist: Es gibt viel Frauenfeindlichkeit online. Das habe ich erlebt, wie andere Journalistinnen sicherlich auch. Aber man kann in diesem Geschäft nicht zu empfindlich sein. Viele Leute haben mir und meinen Kollegen gesagt, dass wir dumm seien und nicht wissen, wovon wir reden, dass wir schreckliche Karikaturen machen. 

«Wenn alle denken, dass man gute Arbeit leistet, dann macht man keine grossartigen Karikaturen.»

Hat Sie das in gewisser Weise abgehärtet? 
Man muss einfach verstehen, dass es zum Job gehört. Man kann nicht von allen geliebt werden. Wenn alle denken, dass man gute Arbeit leistet, dann macht man wahrscheinlich keine grossartigen politischen Karikaturen. 

Welche Ähnlichkeiten oder Unterschiede sehen Sie zwischen Marketingkommunikation und politischer Karikatur als Kommunikationsformen? 
Wenn man von Ähnlichkeiten spricht – im Marketing, nehme ich an, verwendet man bestimmte Bilder, um eine bestimmte Reaktion zu erzeugen. Man tut das auf eine Weise, bei der man will, dass die Menschen hierhin und dorthin schauen. Wir Karikaturisten tun das auch. Wir versuchen, Aufmerksamkeit zu erregen. Trotzdem müssen wir bei unserer Arbeit vorsichtig handeln, denn wir sind Meinungsjournalisten, keine Reporter. Wir haben immer noch die Verpflichtung, nicht so zu erscheinen, als würden wir für ein Unternehmensprodukt oder Ähnliches werben. 

Wir befinden uns in einer Ära sinkender Zeitungsleserzahlen. Wie können politische Karikaturisten ihre kulturelle Relevanz und Reichweite aufrechterhalten? 
Ich denke, wir müssen uns weiterentwickeln. Wir haben keine gedruckten Zeitungen mehr und werden sie nicht in der früheren Form zurückbekommen. Also ist der Weg offensichtlich online. Das betrifft auch meine eigene Arbeit. Meine Werke waren zwar auch in der Printausgabe, aber seit ich bei der Washington Post war, lebe ich gewissermassen online. Vor ein paar Jahren habe ich einige Semester lang einen Kurs über politische Karikatur unterrichtet.  

«Egal wie viele Prompts eingegeben werden – KI ist Diebstahl»

Was geschah da? 
Die meisten Studierenden wussten vermutlich gar nicht, was eine traditionelle politische Karikatur in einer Zeitung ist, weil sie keine Zeitungen lesen. Nichtsdestotrotz sind sie alle sehr informiert. Sie wissen, was in der Welt vor sich geht. Und sie alle sind Verfechter, weil sie wirklich da draussen sein und bekannt machen wollen, dass sie eine bessere Welt wollen. Als es darum ging, ihr Abschlussprojekt zu machen, wählten die Meisten «long form», schliesslich lieben viele junge Menschen grafische Romane. Sie wollten also eine Serie von Karikaturen machen. Ich ermutigte sie, animierte Karikaturen anzufertigen heisst, ich erlaubte auch alles andere als eine klassische Printkarikatur. Ich denke also, es ist nur eine Frage des Mediums und des Arbeitsmarktes. Der Wunsch, Karikaturisten zu sein, die redaktionelle Standpunkte vertreten, ist immer noch da. 

Wie glauben Sie, könnte KI die politische Karikatur in den kommenden Jahren beeinflussen? Ist das eine Bedrohung für politische Karikaturisten? 
Oh ja. KI ist generell für Künstler schrecklich. Es ist Diebstahl. Egal wie viele Prompts man eingibt, die KI muss es irgendwoher bekommen. Und das ist existierende Kunst. Ja, man kann «schöne» Bilder erstellen, wie etwa Trump als Papst, aber es bleibt Diebstahl. 

Wieso Diebstahl? 
Kunst zu schaffen, sei es ein Gemälde oder eine politische Karikatur, muss von irgendwoher kommen. Und zwar vom Künstler selbst. Ich habe ein Leben lang verschiedene Erfahrungen gemacht, und das hat zu meiner Arbeit beigetragen, wie es sein sollte. Aber man muss diese Schritte durchlaufen und die Grundlagen erlernen. Und einfach KI zu nutzen, um diese schönen, hübschen, polierten Dinge zu machen, das ist keine Kunst. Also bin ich sehr gegen die Verwendung von KI in der Kunst. 

«Karikaturisten müssen woanders hinschauen als zu den etablierten Medien»

Sie persönlich nutzen also überhaupt keine KI in Ihrem Arbeitsprozess? Vielleicht für Entwürfe? 
Nein, niemals. Mach es selbst. 

Nach Ihrem Abtreten bei der Washington Post wie sehen Sie die Zukunft der unabhängigen politischen Karikatur in einer von Unternehmen geprägten Medienlandschaft? 
Ich denke, wir müssen woanders hinschauen als zu den etablierten Medien, den grossen Zeitungshäusern, von denen wir immer dachten, sie wären der Ort, an dem wir arbeiten würden. Substack, wo ich jetzt bin, ist ein solcher Ort, weil wir dort bezahlte Abonnenten und ein Publikum gewinnen können. Ich hatte meinen Substack schon, bevor ich die Washington Post verliess. Damals habe ich ihn erstellt, um meine persönliche Arbeit dort zu machen, und als wir uns der Wahl näherten, begann ich, mehr Karikaturen zu veröffentlichen, weil ich wollte, dass die Leute sie sehen. Und natürlich, als ich kündigte, gewann ich so viele Abonnenten, dass ich meine bezahlten Abonnements aktivierte und jetzt komme ich gut zurecht. Mir geht es in Ordnung. Und auch anderen Karikaturisten geht es so. 


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KOMMENTARE

Robert Schnieper
19.05.2025 09:19 Uhr
Ihre Karikaturen in der WP gehörten zu den ersten Mails, die ich am Morgen öffnete. Wirklich schade!
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