23.08.2021

Studie zur Kulturpolitik

Kulturberichterstattung ist «gefährdet»

Die Kulturberichterstattung in Schweizer Medien gilt als «intakt, aber gefährdet». Hauptgrund dafür ist die sinkende Vielfalt aufgrund einer steigenden Medienkonzentration. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Forschungszentrums für Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich.

Die Studie mit dem Titel «Qualität der Kulturberichterstattung. Untersuchung des Status Quo in der Schweiz» ist am Montag in deutscher und französischer Sprache erschienen. Die Wissenschaftlerin Franziska Oehmer und ihr Kollege Daniel Vogler vom Fög haben für ihre Untersuchung 48 Leitmedien aus allen drei Sprachregionen ausgewertet im Zeitraum von 2015 bis 2019. Nicht berücksichtigt sind spezifische Kulturmedien.

Zudem haben die Autorin und der Autor einen sehr breiten Kulturbegriff angewendet, der «alle Ausdrucksformen des menschlichen Lebens und der Gesellschaft» umfasst. Auf dieser Basis stellen sie fest, dass Kulturberichterstattung rund 10 Prozent der Gesamtberichterstattung ausmacht und dass dieser Anteil im Verlauf des Untersuchungszeitraums konstant geblieben ist. Unter anderem resultiert die Aussage, die Kulturberichterstattung in den Schweizer Medien sei «intakt».

«Gefährdet» ist sie, weil beispielsweise regionale Zeitungen wie Basler Zeitung, Berner Zeitung, Der Bund und der Tagesanzeiger unter dem Dach der TX Group einen Verbund bilden oder Aargauer Zeitung, Luzerner Zeitung und St. Galler Tagblatt unter CH Media. Derartige Konzentrationen bedeuten, dass journalistische Beiträge generell und somit auch Kulturbeiträge in allen dieser Zeitungen immer häufiger identisch sind.

In der Studie heisst es dazu, dass «aufgrund der angespannten finanziellen Lage des Journalismus» davon auszugehen sei, dass «die Konzentration der Kulturinhalte in nächster Zeit eher zu- statt abnehmen» werde. Besonders davon betroffen seien «meinungsbetonte Formate, allen voran Rezensionen».

Diese Situation stelle ein Problem dar für die Kulturschaffenden, so die Studie. Als Gefahr stuft sie zudem ein, dass sich gesamtgesellschaftliche Trennlinien weiter vertiefen könnten, weil kritische Kulturberichterstattung «zu einem Luxusgut» verkomme.

Mit- statt gegeneinander

Unter dem Titel «Was tun?» schlagen Oehmer und Vogler mehr «Miteinander anstatt Gegeneinander» der Akteure vor, beispielsweise eine gemeinsame Infrastruktur für die verschiedenen Plattformen oder in der Informationsaufbereitung eine breit abgestützte Nachrichtenagentur für Kulturinformationen.

Mitfinanziert hat die Studie CH-intercultur, früher Schweizer Feuilleton-Dienst, der bis 2020 als kultureller Pressedienst mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA zusammengearbeitet hat. CH-intercultur arbeitet nun an einem Modell für Kulturberichterstattung und Kulturkritik.

Zudem ist die Problematik der Kulturberichterstattung Thema der Tagung «Kulturberichterstattung in der Krise – wie kommt Kultur künftig zu den Menschen?». Die Tagung wird von Swissfoundations, der Dachorganisation der Schweizer Förderstiftungen, mit dem Bundesamt für Kultur am 26. August veranstaltet. (sda/lol)



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Kommentare

  • Philipp Landmark, 25.08.2021 13:09 Uhr
    Hatte ich noch vor gut 20 Jahren als Journalist einen Maler oder eine Bildhauerin, eine Schauspielerin oder einen Musiker besucht, konnte ich davon ausgehen, mit dem Vis-à-vis über die Inhalte der Zeitung diskutieren zu können. Wenn vor wenigen Jahren sich Kulturschaffende über strukturelle Änderungen (und, ja, auch Sparmassnahmen) echauffierten und mir ausführlich erläutern, was wir gefälligst zu tun hätten, erlaubte ich mir gelegentlich die Frage, ob er oder sie eigentlich ein Abo hätten. Den Zusammenhang haben nicht alle kapiert.
  • Thomas Läubli, 24.08.2021 21:20 Uhr
    Mir ist diesen Sommer vor allem im Tagesanzeiger aufgefallen, dass er einfach Artikel der Süddeutschen Zeitung übernimmt, und dies sind dann vorwiegend popkulturelle News. Bei diesen News geht es meistens gar nicht um Inhalte, sondern darum, was XY fühlt, zur Tagespolitik meint oder wie das neue Album heisst und "Tipps", welche Serien wir auf Netflix anschauen sollen. Es handelt sich also auch nicht mehr um Kritik. Gerade diese ist es jedoch, die künstlerische Inhalte von blosser Unterhaltung unterscheidet: sich begründet ein ästhetisches Urteil bilden können. Diese Fähigkeit verkümmert, wenn Tageszeitungen, dem Lifestyle-People-News-Modell von «20Minuten» nacheifern und Kulturberichterstattung durch politische Pseudo-Debatten (z.B. die tausendste Polemik gegen das Gendersternchen) ersetzen.
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