30.06.2019

CH Media

Letzte «Zentralschweiz am Sonntag» erschienen

Die «Zentralschweiz am Sonntag» sei ein Opfer der unerbitterlichen wirtschaftlichen Logik im Internetzeitalter, schreibt Pascal Hollenstein, Publizistischer Leiter von CH-Media. Derweil wittert die Konkurrenz-Zeitung der NZZ-Gruppe eine Chance auf neue Kunden.
CH Media: Letzte «Zentralschweiz am Sonntag» erschienen
Um einen Titel ärmer: Ein Zeitungsständer mit den Sonntagszeitungen, fotografiert am Sonntag, 24. März 2019, in Zug. (Bild: Keystone/Alexandra Wey)

Am heutigen Sonntag ist die Ära der regionalen Sonntagspresse zu Ende gegangen. Die Redaktionen der Zeitung «Zentralschweiz am Sonntag» und der «Ostschweiz am Sonntag» lieferten ihre letzten Ausgaben ab.

Die Blätter verabschiedeten sich unter anderem jeweils mit speziellen Editorials. In der «Zentralschweiz am Sonntag» erklärte der Publizistische Leiter CH-Media, Pascal Hollenstein, die Einstellung habe wenig mit der Leserschaft oder den Zeitungsmachern zu tun. «Dramatisch indes verlief die Entwicklung am Inseratemarkt.» Die «Zentralschweiz am Sonntag» sei ein Opfer der unerbitterlichen wirtschaftlichen Logik im Internetzeitalter geworden, wo die Zeitungsbranche im zweistelligen Prozentbereich an Google, Facebook & Co. verliere.

Der Chefredaktor des «St. Galler Tagblattes» Stefan Schmid verglich rückwirkend das Aus der «Ostschweiz am Sonntag» nach gut sechs Jahren mit einem Sterben auf Raten. Seit November 2017 erschien die Zeitung nur noch digital. Mit diesem Schritt sei die Hoffnung verbunden gewesen, möglichst viele Leser zum Umstieg auf das E-Paper zu bewegen. Die Leserschaft habe jedoch fortan auf die Lektüre der digitalen «Ostschweiz am Sonntag» verzichtet.

Verschiedene Alternativen

Beide Editorials verweisen jedoch darauf, dass die Leserschaft des «St. Galler Tagblatts» und «Schweiz am Wochenende» künftig über ein umfangreicheres Angebot aus allen Ressorts und aus der Region am Samstag erhalte.

Die «Zentralschweiz am Sonntag» würdigte zum Abschied gute Geschichten der Vergangenheit und verweist als jüngstes Beispiel etwa auf die Untersuchung der Eidgenössischen Finanzkontrolle EFK beim Rüstungskonzern Ruag, welche die Zeitung angestossen habe. Auch die Recherchen zu Aktienanlagen der Nationalbank in Rüstungskonzerne sowie das Aufdecken von Missständen bei der Armee werden hervorgehoben.

Derweil wittert die Konkurrenz eine Chance auf neue Kunden. Luzi Bernet, Chefredaktor der «NZZ am Sonntag» richtete seinen wöchentlichen Tweet mit der fertig gestellten Frontseite auch an «unsere potenziellen Neu-Abonnenten in der Zentralschweiz».

 

Die «NZZ am Sonntag» offeriert eine Ausgabe als Probe-Exemplar und die Option auf ein kostenloses Probeabo für vier Wochen:

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Die vierbündige «Zentralschweiz am Sonntag» hatte zuletzt eine Auflage von 89'089 Exemplaren und erreichte rund 178'000 Leserinnen und Leser in der Deutschschweiz. Der Verlag CH Media hatte im März angekündigt, die Zeitung aus finanziellen Gründen nicht länger drucken zu wollen (persoenlich.com berichtete).

Stellenabbau in Gang gesetzt

Von der Einstellung der «Ostschweiz am Sonntag» sind in den Redaktionen der Ost- und Zentralschweiz rund zehn Vollzeitstellen betroffen. Zudem gibt es weniger Arbeit bei der Zeitungszustellung. Gemäss der Gewerkschaft Syndicom drohten durch die Einstellung der Zentralschweizer Sonntagzeitung rund 400 Personen die Entlassung bei der Post-Tochter Presto Presse-Vertriebs AG.

Die «Zentralschweiz am Sonntag» war im September 2008 lanciert worden, weil, wie es damals hiess, der Sonntag immer mehr zum Lesetag werde. Das Blatt startete mit dem Anspruch, neben den national ausgerichteten Sonntagstiteln eine Regionalzeitung zu sein. Der damalige Verlag, die LZ Medien, war bei den Inseraten eine Zusammenarbeit eingegangen mit der ehemaligen Zeitung «Sonntag» der Mittellandzeitungen.

Sonntagsangebot ausgedünnt

2018 schloss die NZZ-Mediengruppe die Tagblatt Medien in St. Gallen und die LZ Medien aus Luzern unter dem Dach der Regionalmedien zusammen. In der Folge kam es 2016 bei der «Zentralschweiz am Sonntag» zu einem neuen Layout.

Aus der Taufe gehoben worden war der Titel von Thomas Bornhauser, ab 2012 wurde sie von Dominik Buholzer verantwortet, der letztes Jahr seinen Rücktritt bekanntgab. Seine Nachfolge wurde intern mit Sasa Rasic besetzt.

Mit der Einstellung der «Zentralschweiz am Sonntag» und des E-Papers «Ostschweiz am Sonntag» dünnt sich Sonntagmarkt aus. Vor wenigen Jahren galt der siebte Wochentag für regionale Medienunternehmen als ein Wachstumsfeld. Künftig erscheinen in der Deutschschweiz noch die »SonntagsZeitung», die «NZZ am Sonntag» und der «SonntagsBlick». (sda/eh)

 



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Kommentare

  • Robert Weingart , 30.06.2019 13:23 Uhr
    Einfach schade, sehr schade. Die publizistische Vielfalt in der Schweiz hat einen gehörigen Nackenschlag erhalten damit. Da kommt der Gedanke nach einem Wanner-Diktat auf. Nun wird der Teppich des seichten Bürostuhljournalismus a la Patrik Müller am Samstag fast über die halbe Deutschschweiz gelegt.
  • Tobias Frey, 30.06.2019 18:23 Uhr
    So kommt es, wenn man Zeitungen nicht mehr für den Leser, sondern für eine (richtige oder - in diesem Falle - falsche) Marktstrategie macht: Zuerst wurden die Abonnenten mit den Sonntagstiteln "zwangsbeglückt"; jetzt lässt man sie - samt den Redaktoren - fallen. Am Ende liest keiner mehr Printmedien; sie sind überflüssig, wenn der Markt nicht mehr stimmt.

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