23.07.2016

Medien

«Live-Berichte gab es auch schon vor dem Internet»

Ein Attentat folgt aufs nächste, und wir sind dank Pushmeldungen und Tickerdiensten sekundengenau dabei. Verändert das unseren Blick auf Geschehnisse in der Welt? Ein Gespräch mit der Medienwissenschaftlerin Edda Humprecht.
Medien: «Live-Berichte gab es auch schon vor dem Internet»
«Das Medienbashing ist eine alte Leier»: Edda Humprecht, Medienwissenschaftlerin am IPMZ der Universität Zürich. (Bild: zVg.)
von Sonja Gambon

Frau Humprecht, der Politologe Michael Hermann stellt in einer Kolumne im «Tagesanzeiger» die These auf, dass sich durch die Echtzeit-Berichterstattung via Liveticker, Pushmeldungen und Livestreaming unsere Wahrnehmung zu den Ereignissen auf der Welt aus den Fugen geraten sei. Wie beurteilen Sie diese Aussage?
Es gibt hier zwei Entwicklungen, die man getrennt betrachten muss. Erstens stehen Informationen immer schneller zur Verfügung. Diese Entwicklung hat mit dem Aufkommen des Internets vor 20 Jahren an Fahrt gewonnen, Live-Berichterstattung gab es allerdings schon vorher. Eines der ersten grossen Ereignisse, das live mitverfolgt werden konnte, ist 9/11 zu nennen. Seitdem hat sich die Berichterstattung immer weiter beschleunigt.

Ist die politische Situation nun einfach prekärer?
In Europa beobachten wir aktuell eine starke politische Polarisierung. Populistische Parteien haben Aufwind und es gibt eine Bedrohung durch den Terrorismus, den wir vorher in dieser Form nicht hatten. Es handelt sich um eine Bedrohung, die sich gegen unsere westlichen Werte richtet. Diese Nähe ist ein Grund, weswegen die Medien intensiv über die Vorkommnisse berichten.

Tragen die Medien Schuld an dieser Entwicklung?
Das «Medienbashing», also die Aussage, dass Medien Schuld an dieser Entwicklung seien, ist eine alte Leier. Zwar beobachten wir, dass mit zunehmender Berichterstattung auch das Gefühl der Bedrohung in der Bevölkerung zunimmt. Allerdings gibt es auch Gewöhnungseffekte und Rezipienten sind durchaus in der Lage, die Berichterstattung zu kontextualisieren.

Befinden sich die technologische Entwicklung und die politische Situation nun auf einem Höhepunkt?
Da wir den weiteren Verlauf der Geschichte nicht kennen, lässt sich das so nicht bejahen. Die technologische Entwicklungen hat ihren Höhepunkt sicher noch nicht erreicht und wird sie fortsetzen. Was die politische Situation angeht, ist die weitere Entwicklung unklar.

Wir sind ständig blutigen Videos, Live-Tickern über Katastrophen und Pushmeldungen über Attentate ausgesetzt. Was hat das für Konsequenzen für unser Mitgefühl?
Wie vorher schon erwähnt, kann es zwei Effekte haben. Einerseits kann dies Angst, aber auch einen Gewöhnungsprozess in der Bevölkerung auslösen. Gerade bei gewaltsamen Videos und Bilder gibt es kurzzeitige Effekte, die zu einer emotionalen Abstumpfung führen können, besonders bei jungen Menschen, die noch leichter zu beeinflussen sind und bei denen sich ein gewisses Gewaltpotential entwickeln könnte. Allerdings sind persönliche Kontakte und das soziale Umfeld sehr wichtig und können solche Effekte relativieren. Die ständige Konfrontation mit solchen schlimmen Bildern kann aber durchaus traumatisierend sein.

Wie hat sich die Berichterstattung im Laufe der Digitalisierung verändert?
Echtzeit-Berichterstattung gab es auch schon vor dem Internet. Es macht allerdings keinen Unterschied, wie schnell wir die Informationen bekommen – ausschlaggebend ist die Detaillierung. Es ist natürlich auch so, dass es viel mehr Kanäle gibt, über die Informationen verbreitet werden, und auch mehr Falschinformationen. Es fällt dem Nutzer teilweise schwerer, nachzuvollziehen, wo die Informationen herkommen und ob dem Absender zu vertrauen ist. Grundsätzlich ist diese Beschleunigung, die in den Medien zu beobachten ist, ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das sich überall wiederfinden lässt: Im Arbeitsleben, im Alltag, in den Dienstleistungen.

Hermann spricht in seinem Text vom «Sprung von der Zeit der klassischen Massenmedien zur volldigitalen Gegenwart», der in der zeitlichen Unmittelbarkeit liege. Wie sehen Sie das?
Ich würde nicht von einem Sprung sprechen, es handelt sich dabei vielmehr um einen kontinuierlichen Prozess. Es war zwar eine sehr rasante Entwicklung in den letzten 20 Jahren, aber die Live-Berichterstattung war schon bei den klassischen Massenmedien möglich. Heute gibt es einfach viel mehr Kanäle, viel mehr Informationsanbieter, die schnelle Berichterstattung anbieten.

Viele scheinen von der ständigen Informationsflut überfordert. Will der Mensch überhaupt immer alle Informationen sofort zur Verfügung haben?
Es wäre falsch, hier eine verallgemeinernde Aussage zu treffen. In der Forschung hat sich zwar gezeigt, dass immer mehr Menschen heutzutage Informationen über soziale Medien bekommen – beispielsweise über Links zu Artikeln von klassischen Massenmedien. Diese Art der Informationsbeschaffung macht aber trotz zunehmender Tendenz nur einen kleinen Teil des individuellen Medienrepertoires aus. Die wichtigsten Nachrichtenquellen sind immer noch ganz klassisch Fernsehen und die interpersonale Kommunikation im engeren Netzwerk. Es ist aber so, dass es heute mehr verschiedene Anbieter gibt und es dem Menschen mitunter schwerer fällt, sich zu orientieren. Dass man beispielsweise nur eine Zeitung liest, ist heute immer weniger der Fall. Jedoch stehen Medienmarken immer noch für eine bestimmte Form von Information, an denen sich der Nutzer orientiert. Insgesamt haben sie aber durch die Vielzahl der Kanäle etwas an Relevanz verloren.

Trotz der einfachen Zugänglichkeit werden Informationen selektiert. Haben sich die Kriterien in den letzten Jahren gewandelt?
Die klassischen Nachrichtenfaktoren, nach denen News ausgewählt werden, haben ihre Gültigkeit nicht verloren. Das liegt daran, dass sie unter den Journalisten und in der Ausbildung weitergegeben werden und im journalistischen Alltag wichtige Orientierungspunkte darstellen. Beispiele für solche Faktoren sind Nähe, Relevanz, Prominenz. Was heute hinzukommt, ist der ökonomische Druck, der auf Medienhäusern lastet. In der Schweiz findet eine starke Konzentration der Medien statt. Eine Folge davon ist Ressourcenkanppheit in den Redaktionen. Oft werden gerade im Onlinebereich Themen bearbeitet, von denen man weiss, dass sie eine grosse Reichweite erzeugen und häufig angeklickt werden – und diejenigen, die aus professionell-journalistischer Sicht relevant wären, werden vernachlässigt.

Glücklicherweise können wir immer noch selbst bestimmen, wie viel und welche Nachrichten wir konsumieren. Sind wir selbst schuld, wenn es uns deswegen schlecht geht?
Es gibt sicher Leute, die sich aufgrund beängstigender Medieninhalte von diesen abwenden. Dem ist man sich im Journalismus durchaus bewusst, weshalb auch bewusst positive Nachrichten veröffentlicht werden. Ein Grossteil des Publikums wendet sich ohnehin eher unterhaltenden Inhalten zu und konsumiert Nachrichten im kleineren Umfang.

Wenden sich heute mehr Menschen von den Medien ab?
Nein, im Gegenteil. Wir verbringen heute mehr Zeit mit Medien als je zuvor, sie verteilt sich nur ganz anders. Es werden immer mehr Kanäle genutzt und dabei bleibt mitunter weniger Zeit für politische Informtionen.

Ein weiteres wichtiges Stichwort im Bezug auf Soziale Medien ist wohl die «Filterbubble». Was bedeutet dieser künstliche Raum für unsere Mediennutzung?
In der Forschung spricht man hier von Fragmentierung. Früher gab es mithilfe der Massenmedien einen gemeinsamen «Themenpool». Heute informiert man sich nur noch punktuell und es entsteht eine fragmentierte Öffentlichkeit - so die These. In der Forschung hat sich dies aber nicht bestätigt. Es gibt kaum Personen, die von sehr wichtigen Themen nichts mehr mitbekommen. Allerdings besteht die Gefahr, dass man sich um die eigene Achse dreht, besonders, wenn keinerlei Informationen aus den Massenmedien konsumiert werden.

Zum Schluss ein Fazit Ihrerseits: Wie verändern die digitalen Medien unsere Wahrnehmung der Welt?
Sie weiten unseren Blick auf die Welt, insofern verändern sie unsere Wahrnehmung. Durch sie wird es möglich, viel mehr Informationen aufzunehmen und diese auch schneller zu bekommen. Allerdings machen das Medien allgemein. Dafür sind sie da, sie tragen diese Transmitterfunktion in sich. Die Echtzeitberichterstattung führt vor allem dazu, dass alles beschleunigt wird. Diese hat Vorteile, aber sicherlich auch Nachteile und zwingt letztendlich den Nutzer dazu, sich schneller mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Smartphones und Social Media können zudem dazu verleiten, sich übereilt zu den Ereignissen zu äussern, ohne die ganze Geschichte zu kennen. Solche Schnellschüsse unterlaufen auch immer wieder Politikern - und das kann weitreichende Folgen haben.

Dr. Edda Humprecht arbeitet als Assistentin am IPMZ Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich in der Abteilung Internationale vergleichende Medienforschung.



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