26.11.2010

Moritz go nicht home!

Boshaftes von Helmut-Maria Glogger.

Sagenhaft, wie wir Journalisten auf den einschlagen, der eine Zeitung rettet! Sind wir noch bei Trost. Da rast eine Sparrunde nach der anderen durch unsere Verlagshäuser – einer rettet ein marodes Blatt. Und wir verteufeln den. Ein gesteuerter Hohn!

Gerne zwirble ich hier den medialen Wahn der letzten Tage auseinander. Zunächst sprechen alle Suter jede Art von Kompetenz ab. Na, da frage ich mal – und fragen darf mal noch dürfen: Welche publizistische Grundkompetenz hat – sagen wir mal – Liz Mohn. Die allmächtige Chefin des Bertelsmann-Konzerns war Zahnarzthelferin, später Telefonistin, bevor sie eine der Geliebten Reinhard Mohns wurde. Und Friede Springer? Die Chefin des allmächtigen Springer-Konzern. Die war Kindermädchen im Hause Springer, bevor sie die Geliebte und Lebensgefährtin Axel Springers wurde.

Sorry. Da kann Moritz Suter als Schweizer Unternehmer, Pilot und Pionier der schweizerischen sowie europäischen Luftfahrt doch mithalten: in Sachen Kompetenz. Er gründete die Crossair, versuchte die Swissair zu retten, ist heute an der neuen Fluggesellschaft Hello beteiligt.

Dann wird das Grossgeschütz aufgefahren. In jeder ersten Zeile muss stehen: Suter ist 67 Jahre alt! Na und?

67 Jahre? Wenn euch das nicht passt. Dann fragt, warum der Basler Jung-Playboy Carl Hirschmann die BAZ nicht gekauft hat? Was er finanziell jederzeit könnte. Oder Gigi Oeri? Die auf einen Schlag Tagi und Ringier kaufen könnte. Müsste nur an den Bacomat gehen und fragen: Ist bar genehm? Ohne anschliessend Hunger zu leiden? Aber nein. Der Mann mit Mut muss abgekeilt werden. In vorauseilendem Gehorsam. Journalisten! Sagt endlich, welches Parteibuch ihr habt! Jetzt treten die sattsam bekannten Apostel auf: O Karl Lüönd, heute feinsinniger Medien-Ethiker, früher Hau-Drauf-Boulevard-Gurgel, macht sich Sorgen um Suters Taschen: "Sind Suters Taschen tief genug, um den Turnaround der BaZ zu finanzieren?"

Sorry: Ist es ein Naturgesetz, dass nur sehr reiche ErbenInnen sich Zeitungen leisten können? Ich kenne jedenfalls keinen armen Verleger. Ich kenne aber Verlagsmanager, die ehrlich genug sind, uns Journalisten zu warnen: „Schaffe, spare, aber ja kei Häusle baue“.

O Dann der ewige Blocher! Wer hat sich diese perfekt inszenierte Kampagne gegen die BAZ mit der Blocher-Story ausgedacht? An der ja nun nichts Publizistisches von Bedeutung ist. Warum nicht?

1. Wer glaubt allen Ernstes, dass ein 80jähriger Herr Tito Tettamanti und ein bald 70jähriger Blocher Lust verspüren, sich als Über-Chefredaktoren einzubringen? In allen Ehren: Darüber können die beiden wohl am meisten lachen. Das ist so, als würde Martin Kall oder Michael Ringier publizieren, welches Beratungsteam gerade für sie unterwegs ist. Ohne, dass einer auf die Idee kommt, dass deren Geistesgut von McKinsey, Boston Consulting & anderen Abzock-Beratern in eine Zeitung einfliesst.

2. Was soll das Gerede von Fachkompetenz? Bisher haben nur Quereinsteiger morsche Medienstrukturen erschüttert. Beispiele gefällig?

The Independent ist die britische Qualitäts-Tageszeitung. Wer hat die 2010 gekauft? Der russische Oligarch Alexander Jewgenjewitsch Lebedew. Ein ehemaliger KGB-Agent. Und dem Evening Standard? Den kaufte Lebedew bereits 2009? Geht’s denen schlecht? Mitnichten! Die bauen sogar die Redaktion aus! Und bei uns? In der Schweizer Medienbranche? Freut man sich über die Rettung einer Zeitung. Nein. Man keilt sofort gegen den neuen Inhaber. Dabei schreiben die meisten heute mehr Bewerbungen als Texte.

Helmut-Maria Glogger war in Chefredaktionen von Schweizer Illustrierte, Blick, Glückspost. Er ist Autor beim Magazin des SonntagsBlick und Biograf von Udo Jürgens, Eliette von Karajan und Urs Althaus ("Ich der Neger")


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen