Der Tagi lanciert ein neues Online-Format: Der Fotoblog mit dem Namen «Zoom» soll laut einer Mitteilung vom Mittwoch eine Plattform sein für Fotografen und Talente aus aller Welt. Zoom zeigt Autorenfotografie, Fotos aus Fotonetzwerken, Leser-Einsendungen, Sport- und Reisefotografie. Besonders dabei: Die Rubrik «Chöpf (vgl. auch Abb. unten), welche mit Boris Müller einen ehemaligen Streetworker raus auf die Strassen schickt, um die Menschen zu porträtieren. Was ist dabei geplant? persoenlich.com hat bei ihm nachgefragt. Müller (vgl. Bild oben) hat den Blog zusammen mit Koni Nordmann, dem Teamchef der Tagi-Bildredaktion, entwickelt:
Herr Müller, was ist die Idee hinter «Chöpf»?
Die Idee ist, und das wollen wir gar nicht verheimlichen, von «Humans of New York» kopiert. Wenn man dazu steht und es deklariert, ist das meiner Meinung nach in Ordnung. Und schlussendlich sind es Menschen, die auf eine Frage eine Antwort geben. Man nennt das (Kurz-) Interview und ich glaube diese journalistische Form ist nicht rechtlich geschützt (lacht).
Auf «Humans of New York» (HONY) erzählen Menschen dem fremden Fotografen teilweise sehr persönliche Dinge an. Wie reagieren die Zürcher auf Sie?
Bei HONY hat sich das auch verändert mit der Zeit. Anfangs waren das teils nur kurze Sätze oder auch mal ein «Fuck You!». Mittlerweile erzählen ihm die Menschen ihr ganzes Leben. Wie sich das hierzulande entwickeln wird, weiss ich nicht. Als Zürcher ist man es sich nicht so gewohnt, wildfremde Menschen anzusprechen. Gleich geht es den Angesprochenen. Aber je weniger man sich verstellt, umso ehrlicher sind die Leute. Vermutlich ist es in NY schon etwas einfacher auf mitteilungsfreudige Menschen zu treffen.
Wie suchen Sie Ihre «Modelle» aus und wie überzeugen Sie die Menschen, sich ablichten zu lassen?
Ich war früher zehn Jahre lang Streetworker. Menschen mit speziellen Biografien haben mich schon immer irgendwie interessiert. Aber man darf natürlich nicht in die Klische-Falle tappen: Ein Zutätowierter kann der grösste Normalo sein und hinter der entenfütternden älteren Frau verbirgt sich möglicherweise die verrückteste Persönlichkeit. Schlussendlich hat es auf «Chöpf» für alle Platz – eine gute Mischung ist interessant.
Nach Ihren Streifzügen durch die Stadt, wie würden Sie die Einwohner Zürichs zusammenfassen?
Natürlich ist Zürich nicht New York, auch wenn das Zürcher manchmal gerne so hätten. Ziel ist auch nicht Zürich als etwas Grösseres oder Wichtigeres darzustellen, das ist meist recht peinlich. Aber Menschen erleben überall auf der Welt Verrücktes, Lustiges, Trauriges, Spannendes, auch in der Schweiz. Mit der Zeit wollen wir übrigens aus Zürich raus, um andere Schweizer Städte zu besuchen.
Welche Menschen sind Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben?
Es gibt diesen speziellen Typen, einen Schwarzen, ganz in schwarz gekleidet, er trägt Rollkragenpullover auch bei 38 Grad, hat eine Mappe dabei und raucht fette Zigarren, meist am HB. Ich hab ihn in den letzten Monaten schon zweimal angehauen, aber er hat mich beide Male mit Blicken getötet. Ich lass es jetzt sein.
Interview: Lucienne Vaudan, Bild: zVg


