Schon wieder eine neue Herausforderung für Hansruedi Schoch: Nach nur gut einem Jahr als Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, wechselt der 45-jährige Journalist auf Anfang 2011 an die Spitze der neu geschaffenen Programmabteilung. Dort wird er die Programme auf die verschiedenen Vektoren verteilen, das Archiv öffnen und neue trimediale Programmformate entwickeln, wie er im Gespräch mit "persoenlich.com" erzählt. "Im Prinzip der noch publizistischere Job", sagt er. Zum Interview:
Herr Schoch, Sie haben die Chefredaktion erst vor einem Jahr übernommen, jetzt treten Sie auf Anfang Jahr schon wieder eine neue Stelle an. Wie ist das für Sie?
Das stimmt für mich so. Als ich die Chefredaktion übernommen habe, war für mich klar, dass ich daneben noch zusammen mit Ruedi Matter in das Konvergenzprojekt involviert bin. Und auch, dass ich nur einen befristeten Vertrag bis Ende dieses Jahres habe. Ich habe mich dann diesen Sommer entschieden, wieder eine neue Herausforderung anzunehmen und die Programmabteilung aufzubauen.
Erst hiess es, Sie wollen zu einer Weltreise aufbrechen.
Ja, das war durchaus eine Möglichkeit, die ich ins Auge gefasst hatte. Ich könnte mir auch nach wie vor vorstellen mit meiner Familie einige Monate im Ausland zu verbringen oder mich für einige Zeit zum Schreiben von Drehbüchern auszuklinken. Generell reizen mich neue Aufgaben, neue Herausforderungen. Ich bin weniger der, der gerne eine Arbeitsroutine entwickelt.
Ihr Wechsel in die Programmabteilung bedeutet auch den Abschied vom Bereich Information.
Das ist richtig. Deshalb verlasse ich die Chefredaktion auch mit mindestens einem weinenden Auge. Ich war jetzt 16 Jahre im Bereich Information tätig. Ich finde aber, dass man sich ganz im Geiste der Konvergenz stetig weiterentwickeln und weiterbewegen sollte. Für mich ist der Entscheid die Programme zu übernehmen, der richtige.
Haben Sie die Begeisterung für den Journalismus verloren?
Überhaupt nicht. Der Job als Leiter der Abteilung Programme ist im Prinzip der noch publizistischere Job. Wir wollen damit eine neue publizistische Kultur etablieren. Eine Kultur, die das richtige Verkitten der Vektoren sicherstellt und für ein breiteres Denken steht. So sollen bald auch neue Formate entstehen. Dafür wird es eine Programmentwicklungstruppe geben. Ich bin nämlich der Meinung, dass im trimedialen Bereich riesige kreative Wiesen brachliegen. Diese zu beackern wird ein wichtiger Teil des neuen Jobs sein.
Ihr Nachfolger als Chefredaktor wird ihr derzeitiger Stellvertreter Diego Yanez. Die richtige Wahl?
Absolut. Die beste. Diego ist ein Vollblut-Newsjournalist mit sehr viel Erfahrung. Er hat seinen Hunger nie verloren.
Was leistet die Abteilung Programme genau?
Die Abteilung hat die Gesamtverantwortung über alle Vektoren, über alle Programme. Viele Mitarbeiter von DRS 1, DRS 3, Virus und der Musikwelle sind ihr ab nächstem Jahr zugeordnet. Aber nicht nur sie: Im Fernsehbereich gehört die ganze Programmsteuerung mit dazu. Wir entscheiden dort über die Dramaturgie des Programms des SRF: Welches Programm setzt man wann und wo ein? Es geht darum, das Gesamtprogramm besser im Auge zu haben und richtig auszurichten. Auch das Multimedia-Zentrum, die Gestaltung, die Dokumentation und Archive (D + A) unterstehen diesem Bereich. Gerade D+A hat sehr viel Knowhow zu bieten, das von den anderen Bereichen sehr viel besser genutzt werden kann.

(Bild: Hansruedi Schoch verlässt die Abteilung Information des Schweizer Fernsehens nach 16 Jahren)
Wie gross wird die Abteilung sein?
Sie wird, rein von der Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter her, fast die grösste Abteilung im Haus sein eben weil wir das ganze Radioprogramm mit drin haben. Insgesamt sind das rund 350 Stellen. Sie ist damit wohl sogar etwas grösser als die Abteilung Information beim Fernsehen.
Und die Entwicklungsabteilung?
Die wird klein sein, was die Festanstellung betrifft. Mir schwebt ein Modell vor, das vorsieht, immer wieder anderen Leuten aus dem Unternehmen die Gelegenheit zu geben hier mitzutun. Man bewirbt sich für spezifisches Projekt, arbeitet für sechs Monate in der Entwicklungsabteilung und geht dann wieder in seinen Bereich zurück. Das sorgt für frischen Wind. Ich glaube, das wäre für ganz viele Leute im Haus extrem attraktiv.
Sind Sie bereits auf der Suche nach geeignetem Personal für die Fixposten?
Die Grundidee ist, die Ressourcen von SF Spezial in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres nach der Fernweh-Produktion in die Programmabteilung zu verschieben, angereichert durch Radio- und Multimedia-Knowhow.
Ihr breites Medien-Know-how wurde während dem letzten Jahr für das Konvergenz-Projekt genutzt. Wie kommt dies eigentlich bei der Belegschaft an? Wirkt sich das negativ aus? Die Geschichte um den Job von Ueli Haldimann sorgte ja für gewissen Unmut.
Insgesamt ist klar, dass solche Umwälzungsprozesse immer wieder auf die Stimmung schlagen. Das ist nicht zu vermeiden. Es gibt immer wieder in gewissen Bereichen Unsicherheiten. Interessant war, dass die Stimmungseinbrüche bei der Belegschaft in meiner Wahrnehmung zeitversetzt eingetreten sind. Am Anfang des Prozesses war die Unsicherheit beim Radio sehr gross. Viele dachten wohl: Kommt jetzt das grosse Fernsehen und schluckt das kleine Radio? Beim Fernsehen war man lange relativ gelassen und hat erst diesen Sommer realisiert, dass die Pläne tatsächlich umgesetzt werden. Die Verunsicherung ist in meiner Wahrnehmung nun aber schon wieder am Abschwellen.
Wird das Konvergenz-Projekt anfangs 2012 vollends vollzogen sein?
Nein, das haben wir nie gesagt. Die Fusion von Radio und Fernsehen geht am 01.01.2011 über die Bühne. Die Konvergenz selber ist ein Prozess, der uns über Jahre hinweg beschäftigen wird. Konvergenz ist letztlich nichts Anderes als das Bekenntnis zu einer dynamischen Unternehmensführung. Je nachdem, was sich in Bezug auf die technische Entwicklung, in Bezug auf die Gesellschaft und die Mediennutzung tut, müssen wir reagieren können.
Kommen wir noch kurz zu einem anderen Thema: Wie in allen Medienhäusern geistert das Newsroom-Gespenst seit geraumer Zeit auch durch die Gebäude der SRG. Wo steht das Unternehmen da derzeit?
Das Newsroom-Projekt des Schweizer Fernsehens steckt tatsächlich schon seit längerem in der Pipeline. Es handelt sich dabei aber nicht um ein Konvergenz-Projekt, sondern es geht darum, die Sendungen "Tagesschau", "10vor10" und "Schweiz Aktuell" örtlich näher zusammenzubringen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist dieses Projekt allerdings noch immer nicht spruchreif. Das hängt mit Immobilienfragen und Gebäudesanierungen zusammen. Im Sport werden wir, wie Sie wissen, 2012 effektiv einen Newsroom realisieren. Dort soll wirklich Konvergenz gelebt werden und die Kanäle Radio, Multimedia und Fernsehen aus einer Redaktion, aus einem Raum hier im Leutschenbach bedient werden.
(Interview: Adrian Schräder)

