Herr Hofmann, kürzlich publizierte Adecco in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich wiederum den "Swiss Job Index". Das Fazit: Generell läuft es gut, einzig im Mediensektor harzt es - die Stellenangebote nahmen um 11 Prozent ab. Läuft es in der Medienbranche tatsächlich so harzig?
Es gibt viele Arten, wie Unternehmen und Menschen zusammenfinden. Formelle Stellenangebote sind also kein allgemeingültiger Massstab. Persönlich fühle ich mich dieses Jahr eher sogar 11 Prozent besser. Man kann aber nicht verneinen, dass vielerorts auch harte Zeiten herrschen.
Welche Entwicklungen bereiten besondere Kopfschmerzen?
Neue Entwicklungen bereiten mir grundsätzlich nicht Schmerzen, sondern Freude. Sich verändernde Berufsbilder bereichern die Arbeitswelt. Wandelnde Technologien animieren die geistige Beweglichkeit. Weh tut höchstens, mit anzusehen, dass nicht alle fit genug sind für die immer schnellere Welt. Und dass ausgerechnet der "Technologie- und Bildungsstandort Schweiz" in der Digitalen Branche anderen Ländern den Vortritt überliess.
Wie können sich Arbeitnehmer sich davor schützen, nicht plötzlich schwer vermittelbar zu werden?
Schwer vermittelbar wird jemand in der Regel nicht plötzlich, sondern schleichend. Man kann es also nur einmal mehr wiederholen: alles laufend auf dem neusten Stand halten, von der Weiterbildung übers Erfahrungsspektrum bis zum Beziehungsnetz.
Sprechen wir über die Stellensituation in den verschiedenen Bereichen: Wie präsentiert sich die Lage bei den Werbe- und Mediaagenturen?
Werbeagenturen bewölkt, Mediaagenturen Aufhellungen: Während die modernen Kommunikationsformen auf der Kreativseite immer mehr Ad-hoc-Teams ermöglichen, bedingen die immer komplexeren Mediatools wieder vermehrt eine bestimmte Grösse.
Und im Journalismus? Laut der Adecco-Studie suchen Redaktionen eher Online- als Print-Journalisten. Ist die Ära des Onlinejournalisten als Journalist minderwertiger Ordnung also vorbei?
Ja ganz klar: Die Onlinejournalisten gelten nicht mehr als Journalisten zweiter Klasse. Es ist zum Beispiel kein Geheimnis, dass sich viele Journalisten darum reissen, im neuen "Starensemble" des zur Kultfigur gewordenen Hansi Voigt dabei zu sein. So wie es früher die Leute zu renommierten Printprodukten hin zog.
Beim Schweizer Radio und Fernsehen herrscht bis Ende Jahr ein Einstellungsstopp. Wie wirkte sich diese Massnahme aus?
Es wird immer noch gesendet wie ich höre und sehe… In der Regel empfiehlt sich aber eher eine fliessende Kapazitätsanpassung als ein "Stopp and go".
In einem Interview prognostizierte Detlef Gürtler vom GDI letzthin das Ende der Verlage (persoenlich.com berichtete).
In der Tat wurde mit dem Internet viel Privatinitiative möglich. Nüchtern betrachtet sind aber viele solche Engagements Selbstausbeutungsmodelle. Oder es werden vereinzelte Erfolge zum "neuen Massstab" hochgejubelt, obwohl sie sich nicht verallgemeinern lassen. Vielleicht heissen die Verlage in ein paar Jahren nicht mehr Verlage, sondern Businesszentren oder wie auch immer - ihre zentrale Funktion nimmt aber eher noch zu. Gerade ein Blick in die Landschaft der grossen Internet-Player zeigt: Parallel zur "Demokratisierung" findet schon heute eine ausgeprägte Konzentration statt, Tendenz zunehmend.
Medienhäuser bauen vor allem verlagseitig Personal ab, gleichzeitig werden aber Digital-Profis gesucht. Wo werden diese neuen Arbeitnehmer rekrutiert?
Vorweg möchte ich mich dagegen wehren, die Welt in analoge und digitale Menschen einzuteilen. Nicht wenige, die analog überdurchschnittlich waren, sind es früher oder später auch digital. Aktuell ist es aber tatsächlich so, dass der digitale Markt in Deutschland zwei bis drei Jahre weiter entwickelt ist – dass man also etliche Leute von dort holt. Zugleich ist die digitale Welt per Definition sehr kompatibel. Entsprechend kommen viele interessante KandidatInnen aus Startups und weiteren innovativen Kleinunternehmen.
Die Schweizer Arbeitnehmer müssen sich immer mehr gegen ausländische Bewerber durchsetzen. Inwiefern gilt diese Entwicklung auch für die Kommunikations- und Medienbranche?
Ganz ausgeprägt. In unserer Branche kann sich niemand mit dem Argument gegen die ausländische Konkurrenz wehren, dass das Produkt "100 Prozent Bio" sei, oder "aus tiergerechter Haltung" stamme. Hier muss man schlicht und einfach besser sein, um zu bestehen. Im digitalen Bereich ist das sehr schwierig, weil in der Schweiz wie gesagt Aufholbedarf herrscht. Umgekehrt haben Schweizer und Schweizerinnen einen natürlichen Heimvorteil, wenn es um Beziehungsnetze und Marktnähe geht – von Salespositionen bis zum Lokaljournalismus.
Sie selber sind seit 1986 mit Ihrer Agentur als Headhunter tätig. Seither hat sich durch den Strukturwandel vieles geändert. Wo müssen Sie selber aufpassen, dass Sie den Anschluss nicht verlieren und wie genau gehen Sie vor, um dies zu verhindern?
Ich hatte immer die Philosophie, aus eigener Erfahrung zu wissen, wovon ich bei einer Vermittlung spreche. Vom Schriftsetzen bis zum Schreiben. Bei der heutigen Vielfalt von Berufsbildern kann das nicht mehr durch eine Person allein abgedeckt werden. Also habe ich schrittweise Leute ins Team integriert, die in neuen Umfeldern aufgewachsen sind. Zum Beispiel eine Mitarbeiterin, die in einem Online- und Community-Medium gross geworden ist und unserem neuen Schwerpunkt "Top of Digital" gerecht wird. Oder einen Researcher, der ausgebildeter Psychologe ist. Oder eine weitere Mitarbeiterin, die Film studiert hat und sich in die wichtigsten Corporate-Rollen vertieft. Zudem ist der Schweizer "Digital Pioneer of the Year" ebenso in unserem Netzwerk wie der Digital-Leader aus Deutschland, welcher wiederum beste Beziehungen zum angelsächsischen Raum hat. Und last but not least stelle ich vielleicht bald einen jungen Geschäftsführer ein, der meine Gene in ihrer neusten Form weiterträgt.
Und welches sind Felder, auf die sich Journalisten, Werber oder Kommunikationsfachleute spezialisieren sollten?
Bei einem Pianisten würde man sagen: "Beherrsche die ganze Klaviatur, aber spezialisiere Dich auf ein bestimmtes Repertoire". Übertragen auf die Medien- und Kommunikationsbranche heisst das: Möglichst mit allen Technologien vertraut sein, namentlich auch den digitalen – aber im Themenfokus und im Beziehungsnetz klare Schwerpunkte setzen.
Interview: Edith Hollenstein, Bild: zVg

