06.09.2010

Kachelmann

Prozess kurz nach Beginn wieder vertagt

Grund: Befangenheitsanträge gegen zwei Richter.

Der Vergewaltigungsprozess gegen den Schweizer Wettermoderator Jörg Kachelmann ist am Montag gleich nach Beginn vertagt worden. Die Anwälte des 52-Jährigen hatten zuvor Befangenheitsanträge gegen den Vorsitzenden Richter und eine weitere Richterin gestellt. Die Verhandlung vor dem Landgericht Mannheim soll am kommenden Montag fortgesetzt werden. Die Staatsanwaltschaft wirft Kachelmann vor, seine langjährige Geliebte mit einem Messer bedroht und sie nach einem Beziehungsstreit vergewaltigt zu haben. Kachelmann bestreitet dies. Bei einer Verurteilung drohen dem Schweizer bis zu 15 Jahre Haft.

Eine Begründung der Befangenheitsanträge wurde nicht genannt. Kachelmanns Verteidiger Reinhard Birkenstock sagte zum Inhalt seines Ablehnungsgesuchs nur, dass die beiden von ihm angegriffenen Richter "Herrn Kachelmann gegenüber nicht völlig unbefangen" seien. Er habe den Antrag auf der Geschäftsstelle abgegeben und nicht öffentlich in der Hauptverhandlung verlesen, weil es um die Sache gehe und nicht darum, "die Richterpersönlichkeiten dieser Kammer öffentlich herabzusetzen".

Medienberichten zufolge ist der Vorsitzende Richter Michael Seidling Vizepräsident des Sportvereins TSV Oftersheim bei Heidelberg; der Vater des mutmasslichen Opfers leitete jahrelang den benachbarten Sportverein TV Schwetzingen. Obwohl beide Vereine kooperieren, hatte Seidling gemäss Medienberichten gesagt, er kenne weder den Vater noch "das Opfer". Dass er dabei nicht vom "mutmasslichen Opfer" sprach, könnte aus Sicht der Verteidigung für ein Voreingenommheit des Richters sprechen.

Der Prozess begann am Montagmorgen mit leichter Verspätung unter grossem Medieninteresse und unter strengen Sicherheitskontrollen. Neben den Medienvertretern waren 85 Plätze für die Öffentlichkeit vorgesehen. Vor dem Gericht warteten Fernsehteams und Fotografen auf die Beteiligten. Das mutmassliche Opfer, eine Radiomoderatorin, erschien zum Prozessauftakt überraschend vor Gericht. Die 37-Jährige wird als Nebenklägerin gleichfalls von einem Anwalt vertreten. Neben dem mutmasslichen Opfer sollen vor Gericht 25 Zeugen vernommen werden. Ausserdem sind fünf Sachverständige geladen. Die Nebenklägerin soll nach bisherigen Planungen erst am neunten Verhandlungstag (13. Oktober) aussagen. Der letzte planmässige Termin ist für den 27. Oktober vorgesehen. Dann könnte ein Urteil gegen Kachelmann verkündet werden.

Kachelmann war am 20. März verhaftet worden. Ende Juli wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen, weil nach Auffassung des Oberlandesgerichts Karlsruhe die Angaben des mutmasslichen Opfers durch Gutachten nicht eindeutig gestützt wurden. Das Gericht will sich nun im Streit von Verteidigung und Staatsanwaltschaft über bislang mehr als ein Dutzend Gutachten ein unabhängiges Bild machen: Der Heidelberger Psychiater Hartmut Pleines soll Kachelmann während des Verfahrens begutachten und den Wahrheitsgehalt von dessen Aussagen einschätzen. Im Gegensatz zum mutmasslichen Opfer hat der 52-Jährige eine psychologische Begutachtung bislang abgelehnt. (sda)


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