04.12.2019

Watson

«Reichweite ist nicht allein entscheidend»

In den letzten Monaten hat «Watson» kräftig an Reichweite zugelegt, 1,6 Millionen Besucher zählt das Newsportal im Monat. Chefredaktor Maurice Thiriet und der stellvertretende Geschäftsführer Tarkan Özküp über «News als Debattenrohstoff» und Vermarktungsformen der Zukunft.
Watson: «Reichweite ist nicht allein entscheidend»
«Man kann mit einem guten Projekt ein journalistisches Vollprogramm refinanzieren», sagt «Watson»-Chefredaktor Maurice Thiriet (r.). Neben ihm sitzt der stv. Geschäftsführer Tarkan Özküp. (Bild: Emily Engkent)
von Matthias Ackeret

Herr Özküp, Sie haben von der Credit Suisse, sozusagen vom Marketingolymp, zu «Watson» gewechselt, einem im Vergleich winzigen Laden. Warum dieser Abstieg?
Özküp:
Also ich denke nicht in solchen Kategorien, aber wenn es Sie beruhigt, dann bin ich ja auch noch in der Unternehmensleitung von AZ Medien: Stellt das meinen gesellschaftlichen Status in Ihren Augen wieder her?

Nicht wirklich.
Özküp:
Gut, dann ist das Ihr Problem. Ich denke jedenfalls nicht so. Mich fasziniert die Herausforderung. Ich bin überzeugt, dass man in der Medienbranche, die von den Auguren schon für scheintot erklärt wird, sowohl für das Publikum als auch die Werbepartner sowie den Eigentümern einen Mehrwert generieren kann. Und den Beweis will ich mit «Watson» antreten. Immer getreu meinen Allzeit-Karriere-Mantras: Mut zur Tat, flache Hierarchien und echte Partnerschaften durch Prägung der Kultur durch alle.

Herr Thiriet, Sie wollen also die digitalen Werbeumsätze von den Tech-Giganten zurückholen. Das wollen alle, aber nur Sie wissen, wie es geht?
Thiriet:
Nicht der Özküp oder der Thiriet allein, natürlich. Wir sind viele, und wir haben einen Plan. Aber im Grunde: ja. Man kann mit einem guten Projekt, das auf den veränderten Medienkonsum zugeschnitten ist und den Bedürfnissen der kommenden User-
Generationen gerecht wird, ein journalistisches Vollprogramm refinanzieren. Und ich glaube, dass das für Werbetreibende attraktiver sein kann, als plump Ad-Spending auf Google und Facebook zu kippen. Nein, ich bin sogar überzeugt davon.

«Wir verstehen uns als Massenmedium und sind mittlerweile auch eins, was einen inhärenten Leistungsauftrag mit sich bringt.»

Aber warum soll jemand bei «Watson» Werbung machen? «20 Minuten» und «Blick» haben eine grössere Reichweite.
Özküp:
Reichweite ist nur eine Dimension und künftig auch nicht die wichtigste, wenn es darum geht, Brands beim Aufbau einer Marke oder der Lancierung von Produkten zu unterstützen …

… Sie verwedeln. Reichweite ist wichtig, sonst würden Sie bei der Login-Allianz mitmachen.
Özküp: Eins nach dem anderen. Erstens: Sie haben natürlich recht, ich sage ja auch nicht, dass Reichweite keine Rolle spielt, bloss dass sie künftig ab einer gewissen kritischen Masse nicht mehr allein entscheidend ist, sondern dass Engagement und Identifikation der User mit der Medienmarke ebenso zentral sind. Und zweitens: Selbst wenn die Reichweite entscheidend wäre, müssten wir keine Angst haben; wir haben jetzt 30 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr, und es ist aktuell kein Abbruch dieser Entwicklung in Sicht. Ganz im Gegenteil.

Ihr Slogan lautet «News ohne Blabla». Was heisst das konkret?
Thiriet: Der Slogan verknappt unseren journalistischen Grundanspruch, dass wir uns für nichts instrumentalisieren lassen wollen. Das gilt auch für den Erfolg im User-Markt. Wir würden nicht auf eine rechtspopulistische Schiene umschwenken, bloss weil wir damit in die grösste Filterbubble kämen. «Ohne Blabla» heisst nicht, dass wir keine seichten oder unterhaltsamen Sachen machen, sondern dass wir keine Hidden Agenda haben oder eine solche Dritter bewirtschaften. Auch nicht von Kunden, wie Tarkan Özküp gerade ausgeführt hat.

Mittlerweile gilt «Watson von allen grossen Newsportalen als das politisch am weitesten links stehende und wohl auch urbanste. Ist dies bewusst so?
Thiriet: Wir denken nicht in Links-rechts-Kategorien. Wir verstehen uns als Massenmedium und sind mittlerweile auch eins, was einen inhärenten Leistungsauftrag mit sich bringt. Dieser ist, den sozialpolitischen Diskurs eines Landes mit zu ermöglichen. Das tun wir, indem wir mit den News den Debattenrohstoff liefern. Wir tun es, indem wir selbst als Debattenplattform fungieren, mit der Kommentarspalte und der Community. Und letztlich treten wir auch als Stimme in den Debatten dieses Landes auf mit der Gewichtung der Themen und der Kommentierung. Und die ist gesellschaftsliberal, öffnungs- und wirtschaftsfreundlich.

Welche Vermarktungsformen werden sich im Internet langfristig durchsetzen?
Özküp: Die erste Säule ist das programmatische Angebot. Wir sehen den Trend zu Preferred Deals, gefolgt von Private Auctions. Klare Floorpreise sind stark gefragt. Die zweite Säule ist Content-Marketing im Sinne eines Bereitstellens von exklusiven und vertrauenswürdigen Kommunikationsplattformen mit kompetitiver Reichweite.

Wo sehen Sie ein Wachstumspotenzial?
Thiriet: Bei jeder Geburt in jeder Entbindungsstation im ganzen Land, ehrlich gesagt. Ich gehe nicht davon aus, dass Kinder oder Jugendliche, die zuerst via Community-Plattformen oder Messengerdiensten wie Instagram, Youtube, Whatsapp mit Journalismus in Kontakt kommen, die Konzepte der alten linearen Massenmedien überhaupt noch begreifen, geschweige denn je massenhaft nutzen werden. Stattdessen werden sich künftige Generationen von Medienkonsumenten ihre News dort holen, wo sie sich zu Hause fühlen. Und das muss und wird watson bieten. Das ist und bleibt unser Anspruch.


Das ausführliche Interview mit Tarkan Özküp und Maurice Thiriet finden Sie in der aktuellen Ausgabe von «persönlich». Abo-Informationen finden Sie hier.



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Kommentare

  • Roland Ehrler, Direktor Schweizer Werbe-Auftraggeberverband, 04.12.2019 09:41 Uhr
    Toll, 1,6 Millionen Besucher bei watson! Die Onliner würden statt Monatszahlen besser mal anfangen Tagesreichweiten zu publizieren. Das würde den Werbeauftraggebern mehr Newsgehalt statt "Blabla" bieten.

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