Kappeler, Girsberger, Engeler, Baer. Hat jetzt der Exodus begonnen?
Nein, ich glaube und ich hoffe es nicht. Ich persönlich bedaure die Abgänge natürlich sehr. Allerdings waren die Gründe bei den Einzelnen ja verschieden: Reizvolle Angebote, die neue verlegerische Situation, da müssen Sie die Betroffenen selber fragen.
In zehn Tagen hätte der Relaunch stattfinden sollen. Jetzt wurde er verschoben. Haben Sie keine Angst, dass noch weitere KollegInnen davonlaufen werden?
Das sind unproduktive Gedanken, die nichts bringen. Wir sind in einer Phase des Übergangs, das mag verunsichern. Und natürlich will die Konkurrenz Kapital aus dieser Situation schlagen. Schliesslich haben wir ein hervorragendes Team. Ich sage meinen Leuten: Ruhe bewahren, abwarten, zusammenbleiben. Die Weltwoche ist einer der faszinierendsten Titel des Landes. Da soll man sich zu nichts drängen lassen.
Die Weltwoche-Autorin Margrit Sprecher veröffentlichte am vergangenen Wochenende einen Artikel im Magazin des Tages-Anzeigers. Bedeutet das eine Abkehr von der Exklusivität, die bisher bei der Weltwoche galt?
Sie hören das Gras wachsen. Margrit Sprecher hat schon mal für das Tagi-Magi geschrieben, als ich noch Chefredaktor war. Der aktuelle Artikel wurde im vergangenen Sommer in der Interimsphase vereinbart. Ansonsten halte ich an der Exklusivität fest.
Wie beurteilen Sie die Stimmung in der Redaktion?
Den Umständen entsprechend gut. Eine gewisse Verunsicherung ist in der jetzigen Situation normal. Ich pflege einen sehr offenen Kommunikationsstil. Ausserdem bin ich stolz auf die Arbeit meiner Kolleginnen und Kollegen, die ein gutes Blatt machen. Was nicht immer einfach ist, wenn die Gerüchteküche dampft und brodelt.
Ihr aktueller Leitartikel ist verschiedentlich als "Schmusekurs" belächelt worden - zumindest ist es die erste klare Stellungnahme für einen Uno-Beitritt. Wie sehen Sie das?
Ich glaube, es wäre ein Fehler, wenn die Schweiz nicht der Uno beitreten würde. Ist in dieser Frage mehr zu sagen?
Frank A. Meyer gilt nicht als Ihr Freund. Wie beurteilen Sie Ihre Chancen bei Ringier?
Ich habe ein realistische Selbsteinschätzung und verfolge den Showdown- und Rorschachtest-Journalismus mit einer gewissen Verwunderung. Für mich ist das kein Thema.
Sie sitzen also fest im Sattel?
Mich interessiert eher die Frage, ob wir ein Interview mit Prince oder Hillary Clinton bekommen.
Ihre Präsentation vor der Ringier-Geschäftsleitung vor etwa zehn Tagen wurde unterkühlt aufgenommen. Welche Chancen räumen Sie Ihrem Projekt noch ein?
Unterkühlt? Das habe ich nicht so empfunden. Zu den Fakten: Ich bin bereit. Wir haben ein ausgezeichnetes Team und stehen vor einen faszinierenden Herausforderung, die uns alles abverlangen wird. Ich betrachte die Weltwoche nicht als "mein Projekt", sondern als eine in Schwierigkeiten geratene Spitzenzeitung, die eine grosse Zukunft vor sich hat, wenn man die richtigen Schritte unternimmt.
Als Zeithorizont für einen Relaunch wurde von Ringier der Sommer genannt. Kommt Ihnen das nicht etwas sehr langsam vor? Immerhin hat die Weltwoche ein Imageproblem, das doch schnellstens gelöst werden müsste.
Die Gefahr eines Image-Schadens wird überschätzt, Marken sind recht robust. Und über die Weltwoche wird schon seit Jahren schlecht geredet. Die Probleme löst man nicht in drei Monaten. Was nicht heissen soll, dass man nicht möglichst rasch Nägel mit Köpfen machen soll. Man muss solche Herausforderungen aber ohne jede Hektik mit klarem Kopf und Entschlossenheit angehen.
Dennoch: Bis wann rechnen Sie mit einer Entscheidung von Ringier?
Ich habe volles Vertrauen, dass Herr Ringier das Richtige zum richtigen Zeitpunkt unternehmen wird. Ich schaue nicht auf die Stoppuhr. Wir stehen in einem Erneuerungsprozess, und alles was sich jetzt abspielt, ist für solche Prozesse völlig normal. Meine ersten persönlichen Eindrücke von den neuen Besitzern, die ich nicht kannte, waren sehr positiv.

