24.11.2015

NZZ

Seilziehen zwischen CEO und Chefredaktor um die Kriegsrhetorik

Die "neue Dimension des Terrors": Realität oder gefährliches Säbelrasseln?
NZZ: Seilziehen zwischen CEO und Chefredaktor um die Kriegsrhetorik

Befindet sich Europa im Krieg? Sind die Attentate in Paris beispiellos und historisch einzigartig? Hat Europa mit einem grossen Sicherheitsproblem oder doch nur mit einem Randphänomen zu kämpfen?

Die Anschläge in Paris werfen viele Fragen auf. Zu ganz unterschiedlichen Antworten haben der Chefredaktor und der CEO der "Neuen Zürcher Zeitung" gefunden. Eric Gujer schrieb in seinem Leitartikel von einer "neuen Dimension des Terrors" und warnte, Europa habe keine Antwort auf dieses "virulente Sicherheitsproblem". Gujer plädiert nach der "beispiellosen Serie von Attentaten" für einen Ausbau der Überwachung.

Terrorismus als Randphänomen

Ganz andere Töne waren vom CEO des gleichen Medienunternehmens zu vernehmen. Veit Dengler schrieb am Montag auf NZZ.at: "Dramatische Ereignisse wie jene in Paris werden reflexartig als historisch einzigartig wahrgenommen. Nun, sie sind es nicht." Die Geschichte Europas habe immer wieder Terrororganisationen hervorgebracht. Terrorismus sei ein Randphänomen von Gewaltmonopolen.

Wo ist hier die vielbeschworene Haltung der NZZ, wenn sich Chefredaktor und CEO in so elementaren Fragen widersprechen? Natürlich liegt die publizistische Hoheit beim Journalisten und nicht beim Manager. "Ich habe keinen Einfluss auf die publizistische Linie der 'Neuen Zürcher Zeitung' oder irgendeines anderen Mediums unseres Hauses. Die klare Trennung zwischen Redaktion und kommerzieller Unternehmensführung nehmen wir sehr ernst", schreibt Dengler auf Anfrage von persoenlich.com.

"Keine Rhetorik des allgemeinen Krieges"

Denglers Absage an die Kriegsrhetorik – auf die er laut eigener Aussage keine negativen Reaktionen erhalten hat – steht dennoch etwas quer zum europäischen Kriegszustand, den Gujer beschreibt. Auch von seinen Vorgängern unterscheidet sich der mahnende Kommentar des Chefredaktors. Wie die Medienwoche aufzeigte, sorgten sich diese angesichts des globalen Terrorismus um die offene Gesellschaft. Gujers Vorgänger Markus Spillmann schrieb vor einem Jahr: "Der Mensch orientiert sich am Hier und Jetzt. Das führt zu Übertreibungen. Zäsuren jedenfalls sind jeweils rascher ausgerufen, als sie weltgeschichtlich zutreffen."

Diese Passage könne als "Kommentar ex ante zu den neuen Tönen von der Falkenstrasse gelesen werden", schreibt die Medienwoche. Hugo Bütler plädierte zwar wie Gujer für ein militärisches Vorgehen, warnte aber gleichzeitig vor der "Gefährdung der offenen Gesellschaft".

Auch Veit Dengler schliesst in seinem Text auf NZZ.at eine militärische Intervention nicht aus. Doch sogleich fügt er an: "Wir benötigen dazu keine Rhetorik des allgemeinen Krieges oder des Kampfes der Kulturen. Es gibt keinen stichhaltigen Grund, unsere Demokratien im allgemeinen Säbelrasseln zu beschädigen." (ruh)

Bild: Keystone


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