13.05.2024

Nachruf

So erlebten Bundeshausjournalisten André Simonazzi

Am vergangenen Freitag ist der Vizekanzler und Bundesratssprecher überraschend verstorben. Wer regelmässig mit ihm zu tun hatte, erlebte ihn als Mann «mit einer eigenen Haltung und einem feinen Gespür für die Menschen».
Nachruf: So erlebten Bundeshausjournalisten André Simonazzi
Wie ihn die Journalistinnen und Journalisten im Bundeshaus kannten: Der Vizekanzler erteilt das Wort in einer Aufnahme von 2011. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)
André Simonazzi war jener Behördenvertreter, dem die Journalistinnen und Journalisten im Bundeshaus am regelmässigsten gegenübersassen. Woche für Woche, jahrein, jahraus leitete Simonazzi als Vizekanzler und Bundesratssprecher die Medienauftritte der Landesregierung. Über so eine lange Zeit entsteht eine Beziehung. Man kennt sich. Simonazzi rief die meisten Journalistinnen und Journalisten mit Namen auf. Fünf von ihnen erinnern sich in Nachrufen, die sie in ihren Medien, respektive auf Anfrage von persoenlich.com, formulierten an den am Freitag verstorbenen Bundesratssprecher (persoenlich.com berichtete).


Doris Kleck, Chefredaktorin Zentralredaktion, Co-Ressortleiterin Inland CH Media
«Die Bundesräte kamen und gingen – Bundesratssprecher André Simonazzi war während 15 Jahren immer da. Er kannte uns Medienschaffende alle beim Namen. Tauchte jemand neues auf, schloss er die Wissenslücke rasch. Eine Medienkonferenz ohne ihn und seine immergleiche Begrüssung und Verabschiedung ist schwer vorstellbar. Er hinterlässt eine grosse Lücke. Natürlich, manchmal hätte man sich von Simonazzi mehr Sprechen und weniger Schweigen gewünscht. Doch die Rolle von uns Journalisten ist eine andere als die eines Bundesratssprechers. Dessen waren sich immer alle bewusst.

André Simonazzi blieb sich während seiner Amtszeit treu. Er verkörperte das Kollegialitätsprinzip perfekt. Egal welche Parteicouleur der Bundesrat hatte, der neben ihm auf dem Podium sass: Simonazzi war neutral und loyal, einzig seinem Informationsauftrag und dem Gesamtbundesrat verpflichtet.»



Georg Häsler, NZZ-Bundeshausredaktor und Präsident der Vereinigung der Bundeshausjournalist*innen

«Wir sind bestürzt über den Tod von Vizekanzler André Simonazzi. Vielleicht gerade die kritischsten Geister unter uns werden ihn am meisten vermissen: einen Bundesratssprecher mit Ecken und Kanten, mit einer eigenen Haltung und einem feinen Gespür für die Menschen.

Simonazzi wusste sich im entscheidenden Moment zurückzunehmen: Wenn die Eitelkeiten der Medienschaffenden auf den Führungsanspruch der Bundesräte prallten, fand er die richtigen Worte, um einen Eklat vor den Augen der Öffentlichkeit abzuwenden.»




Beni Gafner, Bundeshausredaktor Plattform J

«Ein abrupt eingetretener Tod, viel zu früh, der betroffen macht. Betroffen aus Sicht des Bundeshausredaktors, weil ein prägender Mann künftig fehlt, der zum Alltag, zum Geschäft, zur Politik gehörte.

Zwischen Journalisten und dem Bundesratssprecher, dem Vizekanzler, der Magistratsperson Simonazzi, gab es die letzten Jahre vielfältige Machtkämpfe. Wer darf wann mit dem Bundesratsmitglied sprechen, wenn die offizielle Medienkonferenz vorüber ist? Welche Dienstleistungen soll die Bundeskanzlei erbringen, die das Berufsleben der Journalisten erleichtern?

Simonazzi baute die Medienpräsenz des Bundesrats die vergangenen 15 Jahre massiv aus, vor allem via soziale Medien, aber auch über die Kanalisierung der Informationen, wo immer das möglich ist. Simonazzi beherrschte die Bühne, indem er den Bundesratsmitgliedern möglichst gute Bedingungen schuf, sich in der Öffentlichkeit zu bewähren. Simonazzi drückte der Kommunikation der Bundesverwaltung hinter den Kulissen den Stempel auf und planierte verwaltungsintern den Boden, auf dem sich Bundesrätinnen und Bundesräte kommunikativ zu bewegen hatten. Gehen aber mussten sie auf solch präpariertem Boden indes stets alleine.» (aus einem Nachruf auf der Plattform J)


Matthias Steimer, Leiter Bundeshaus elektronische Medien CH Media

«Der plötzliche Tod von André Simonazzi hat mich schockiert. Erst noch vergangenen Mittwoch begrüsste er uns Journalisten wie immer freundlich und gut gelaunt im Foyer des Medienzentrums. Da wartete er jeweils vor den Medienkonferenzen auf die Mitglieder des Bundesrats, denen er während 15 Jahren als Sprecher diente.

Nicht nur wenn es um Medienfragen ging, stellte er sich konsequent schützend vor die Magistraten. Kurze Anekdote: Bei einem Treffen mit der Bevölkerung brachte eine unbekannte Person Alain Berset ein Glas Wein. Der Gesundheitsminister hätte gerne davon getrunken, aber André Simonazzi nahm ihm das Glas wieder weg – eine Vorsichtsmassnahme, denn man wusste ja nicht, was genau drin war. Der Spitzenbeamte Simonazzi erfüllte seinen Auftrag umfassend und gewissenhaft.

In persönlichen Gesprächen erlebte ich ihn als witzig, kulturell breit interessiert und politisch scharfsinnig. Seine Meinung zeigte er jedoch niemals öffentlich, selbst in kommunikativ heiklen Momenten, wo er die kommenden Schlagzeilen bestimmt schon vor Augen hatte – Ueli Maurer: ‹Solange es kein ‚Es‘ ist, geht es ja noch.› André Simonazzi: Pokerface – nächste Frage. Er war immerzu loyal, verkörperte die Kollegialität perfekt – als sozialdemokratischer Sprecher einer bürgerlichen Regierung. Nicht nur dem Gremium Bundesrat wird André Simonazzi fehlen. Die nächste Medienkonferenz, die erste ohne ihn, wird für alle, die ihn kannten, bedrückend.»


Philipp Loser, Inlandredaktor Tages-Anzeiger

«Die Medienkonferenzen des Bundesrats wurden durch ihn ritualisiert, Simonazzi machte immer alles gleich. Die Begrüssung, die formelhafte Frage nach anderen Geschäften, die an diesem Tag in der Sitzung behandelt wurden (und die formelhafte Nicht-Antwort auf alle journalistischen Vorstösse in diese Richtung), das Leiten der Fragerunde, die Verabschiedung. André Simonazzi gab den Sound des Bundesrats vor, er bestimmte massgeblich mit, wie die Regierung nach aussen wirkte. Oft wirkte sie besser dank ihm. Geeinter, kollegialer.

Simonazzi prägte in seinem Amt eine neue Ära. Die Bundesratssprecher vor ihm – Achille Casanova und Oswald Sigg – waren Promis gewesen, Männer mit ausgeprägtem Geltungsbedürfnis. Das war Simonazzi nicht, selbst dann nicht, als er während der Coronapandemie plötzlich eine viel grössere Sichtbarkeit erhielt. Gerade zu Beginn seiner Amtszeit wurde ihm die Zurückhaltung von vielen Journalistinnen und Journalisten übel genommen. Bei Casanova und Sigg war der Draht ins Bundesratszimmer kürzer gewesen, Indiskretionen einfacher zu beschaffen. Voraussetzung war allerdings, dass man den Draht auch wirklich hatte. Simonazzi demokratisierte den Austausch zwischen Regierung und Öffentlichkeit. Alle sollten gleichzeitig die Informationen erhalten – nicht nur ein paar Privilegierte. Das machte die Arbeit mit Simonazzi etwas langweiliger. Aber auch fairer.» (aus einem Nachruf des Tages-Anzeigers)

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