12.05.2024

Todesfall

Bundesratssprecher Simonazzi ist gestorben

Bestürzung im Bundesrat und der Schweizer Politik: Der langjährige Bundesratssprecher und Vizekanzler André Simonazzi ist unerwartet gestorben. Der 55-Jährige brach auf einer Wanderung am Freitag plötzlich zusammen, wie die Bundeskanzlei am Samstag mitteilte. «Der Bundesrat ist schockiert über den plötzlichen Tod», schrieb Bundespräsidentin Viola Amherd auf X.
Todesfall: Bundesratssprecher Simonazzi ist gestorben
Ist 55-jährig verstorben: Bundesratssprecher und Vizekanzler André Simonazzi. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

Der gebürtige Walliser sei «auf einer seiner geliebten Wanderungen» verstorben, hiess es. André Simonazzi suchte vom Spitzenjob in der Bundesverwaltung gerne Erholung in den Bergen. Angaben zum Ort seines Todes machte die Kanzlei nicht. Simonazzi hinterlässt eine Frau und drei erwachsene Kinder.

Wer nach dem plötzlichen Tod kurzfristig seine Amtsgeschäfte übernimmt, war zunächst unklar. Es gebe dazu noch keine Lösung, die bekanntgegeben werden könne, teilte die Bundeskanzlei der Nachrichtenagentur Keystone-SDA auf Anfrage am Samstag mit. Kanzler Viktor Rossi prüfe die Situation, hiess es.

Interimistisch besetzt ist zurzeit auch die zweite Vizekanzlerstelle. Dort übernahm Jörg de Bernardi vorübergehend, bis Anfang Juli Rachel Salzmann einsteigt. Sie folgt auf Rossi, der erst Anfang Jahr zum Bundeskanzler aufgestiegen ist.

Hartnäckiger Bundesratssprecher

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt war Simonazzi vor allem als Bundesratssprecher. Er beherrschte drei Landessprachen fliessend, hielt sich aber meist im Hintergrund. Während der Corona-Pandemie leitete er unermüdlich die vielen Medienkonferenzen der Landesregierung. Menschen im ganzen Land verfolgten diese jeweils live im Internet. Auch am vergangenen Mittwoch moderierte Simonazzi nach der Bundesratssitzung in Bern drei Pressekonferenzen.

Unter seiner Führung wurde die Kommunikation der Landesregierung professionalisiert und digitalisiert. Unter seiner Ägide nutzte die Regierung immer häufiger Twitter respektive X sowie Instagram. Simonazzi machte die Kommunikation zu einem integralen Bestandteil der Regierungstätigkeit.

«Die Bundeskanzlei ist das Cockpit der Bundesratskommunikation, die Departemente sind der Motor, die Flügel, das Gepäck. Und sie sitzen als Co-Piloten mit im Cockpit», beschrieb Simonazzi seine Arbeit in einem persoenlich.com-Interview vom Mai 2020.

Bekannt war er auch für seine Hartnäckigkeit. Auch unter grossem Druck liess sich von Journalistenfragen im Einzelfall nicht beirren. Bisweilen bleib der Sprecher auch wortkarg.

Simonazzi wurde im November 2008 zum Vizekanzler und Bundesratssprecher ernannt (persoenlich.com berichtete). Seit dem 1. Januar 2009 nahm er auch an den Sitzungen der Regierung teil, führte Protokoll und nahm die Kommunikation wahr. In der Bundeskanzlei führte er mehrere Sektionen und den Präsidialdienst.

«Viel zu früh»

Der Bundesrat regierte schockiert auf den unerwarteten Todesfall. Die Nachricht habe die Mitglieder des Bundesrates und den Bundeskanzler bestürzt, hiess es in der Mitteilung. Bundesrat und Bundeskanzler sprachen der Familie und den Angehörigen Simonazzis ihr tiefstes Beileid aus.

Simonazzi sei ein Staatsdiener im besten Sinne des Wortes gewesen, würdigte die Bundeskanzlei den Vizekanzler. Der Massstab, den er an seine Arbeit und die seiner Kolleginnen und Kollegen angelegt habe, sei der gesetzliche Informationsauftrag gewesen.


Alt Bundesrat Moritz Leuenberger würdige seinen SP-Parteikollegen und früheren Angestellten in einem Nachruf am Sonntag als Mitgestalter der Regierungsarbeit. Simonazzi habe dem Bundesrat oft zu Konsens verholfen und so dessen Arbeit mitgeprägt. «Er sah öffentliche Reaktionen vorweg und begriff, wann ein Beschluss nicht zu übermitteln, weil nicht zu erklären war", schrieb Leuenberger auf dem Portal Journal21.ch.

Simonazzi sei oft einem Bundesratsmitglied rechtzeitig ins Wort gefallen, wenn es im Begriff war, eine Ungeschicklichkeit zu äussern. Oder er habe diese nachträglich wieder zurechtbiegen können.

Auch Schweizer Bundespolitiker reagierten auf die Todesnachricht. «Fassungslos, bestürzt und viel zu früh müssen wir uns von André Simonazzi verabschieden», schrieb Samira Marti, Co-Präsidentin der SP-Bundeshausfraktion und Nationalrätin (BL) auf X. «Wir verlieren einen wunderbaren Menschen, der sich aus Überzeugung und mit viel Charme für unsere Institutionen engagiert hat.»

Simonazzi sei «eine aussergewöhnliche Persönlichkeit» und «der Stolz unserer Region» gewesen, schrieb der Walliser FDP-Vizepräsident und Nationalrat Philippe Nantermod. Mitte-Präsident Gerhard Pfister bezeichnete Simonazzi als «loyalen, zurückhaltenden und bescheidenen Staatsdiener».

Journalist und bei der Caritas

Der aus Monthey stammende Simonazzi schloss an der Universität Genf ein Studium der internationalen Beziehungen mit dem Lizentiat ab. Danach liess er sich bei der Zeitung Nouvelliste zum Journalisten ausbilden. Von 1995 bis 1998 wirkte er bei der Caritas Schweiz als Pressesprecher für die Romandie. 1998 übernahm er die Gesamtabteilung für Information.

Danach stiess er 2004 zum Informationsdienst des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek). Zunächst war er stellvertretender Informationschef und Pressesprecher für die französischsprachige Schweiz. 2005 wurde Simonazzi Informationschef im Departement des damaligen SP-Bundesrats Leuenberger, bevor er Vizekanzler wurde.

Im vergangenen Herbst wurde Simonazzi als möglicher Nachfolger des zurückgetretenen Bundeskanzlers Walter Thurnheer gehandelt. Simonazzi sagte allerdings ab. Seine Chancen für eine Wahl zum Bundeskanzler seien bei einer Zweiervertretung der SP im Bundesrat gering, sagte er. Deshalb wolle er nicht unnötigerweise in einen Kampf steigen. Die Bundeskanzlerwahl sei halt auch eine politische Wahl.

Wenn er mit seinen Argumenten auf Widerstände stiess, griff der Bundesratssprecher mit äusserst gutem Gedächtnis bisweilen auch zu Witz und Charme. Hin und wieder imitierte Simonazzi trefflich seinen früheren Chef aus Zürich, Moritz Leuenberger. Dieser erfuhr laut eigenen Angaben erst aus den Nachrufen davon. «Ich bereue, dass ich es nie anhören dufte.» (sda/cbe)


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