25.10.2020

Kampf gegen zweite Welle

So kommentieren die Zeitungen den «Slowdown»

Mehr Eigenverantwortung oder braucht es wieder eine autoritäre Führung? Wer am Wochenende die Zeitungen von Tamedia, CH Media, Ringier und NZZ gelesen hat, stellt fest: Die Meinungen gehen sogar innerhalb einzelner Medienhäuser auseinander.

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Die Schweizer Coronapolitik im Fokus der Medienberichterstattung: Den einen geht es viel zu langsam, andere finden sie verantwortungslos. Die Debatte in der Bevölkerung, aber auch in den Medien, verläuft kontrovers, bis teilweise aggressiv. Patrik Müller, Chefredaktor von CH Media, stellt fest, dass dabei die Ideologien der Parteien keine Rolle spielen. «Auch in den Mitte-Parteien gibt es die unterschiedlichsten Positionen. Das Virus spaltet nicht nur SP und SVP, sondern auch die anderen Parteien.» Nur in einem Punkt herrsche parteiübergreifend Einigkeit: Dass das eigenverantwortliche Verhalten der Leute entscheidend sei. Anders als in den USA sei diese Coronamassnahme noch nicht verpolitisiert worden. Müllers Fazit: «Die Kräfte des Föderalismus und das Allparteiensystem wirken integrierend.»

  

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Selbstverantwortung ist ebenfalls das Kernthema im Leitartikel der NZZ. Laut Chefredaktor Eric Gujer verhalten sich «die meisten Bürger trotz widersprüchlichen und manchmal widersinnigen Anordnungen erstaunlich kooperativ». Er warnt jedoch vor der Langfristigkeit: «In der ersten Welle stand die Bereitschaft zur Befolgung sämtlicher Regeln ausser Frage, in der zweiten dürfte es schon schwieriger werden, spätestens in der dritten Welle wäre es damit wohl vorbei. Man sollte die Duldsamkeit nicht überschätzen», so Gujer. Mit den nach oben schiessenden Zahlen sei die Freiwilligkeit der Leute verstärkt gefragt. Es gelte die Devise: «Kontrolle ist gut, Freiheit ist besser. Der Staat sollte die Grenzen seiner Möglichkeiten akzeptieren und das nicht nur, weil er die wirtschaftlichen Folgen eines umfassenden Lockdowns fürchtet», so Gujer. Gesundheitsschutz beruhe auf Freiwilligkeit, so der NZZ-Chefredaktor. Zwang müsse die absolute Ausnahme sein. Nur dort, wo Vorgaben unumgänglich sind, brauche es klare Regeln, so Gujer, ohne jedoch konkreter zu werden. 

 

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Weniger Vertrauen in die Eigenverantwortung zeigt die NZZ am Sonntag. Laut Chefredaktionsmitglied Nicole Althaus ist falsch verstandene Eigenverantwortung sogar der Grund für den raschen Wandel der Schweiz von einem Corona-Vorzeigestaat zur Risikonation. Laut Althaus wird jetzt das Präventionsparadox sichtbar: «Gerade weil die Schweiz die erste Welle so gut überstanden hat, wird hinterher die Notwendigkeit der Einschränkungen infrage gestellt. Sorglosigkeit breitete sich aus.» Den Regierenden sei es nicht gelungen, die Gefahr der anrollenden zweiten Welle dringlich genug zu vermitteln. In den letzten Wochen habe die freiwillige Selbstbeschränkung nachgelassen. Das sei unvernünftig und falsch verstandene Eigenverantwortung. Aber es sei menschlich, so Althaus. Sie findet, dass uns mit Maske, Hygiene und Stay-at-Home eigentlich nicht viel abverlangt wird. Althaus’ Appell: «Die Leute sollen aufhören immer eigenverantwortlich das zu tun, was einem gerade so passt.» «Statt zu jammern, könnte man ja auch die Aussicht auf einen wahrlich besinnlichen Advent ohne Rummel und Stress geniessen.»

 

 

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Auch im SonntagsBlick ist der «Slowdown» Frontseite-Thema Nummer 1. «Schaffen wir das?», steht da geschrieben. Chefredaktor Gieri Cavelty prognostiziert anstrengende Wintermonate: «Es ist kaum anzunehmen, dass die bisherigen Massnahmen reichen, um die zweite Corona-Welle zu brechen.» Der Bundesrat komme nicht umhin, das Heft jetzt wieder in die Hand zu nehmen. «Dies ist zuallerletzt ein Ruf nach einer autoritären Führung! Es ist schlicht so, dass die Fahrlässigkeit und das Zögern der Kantone das Leben vieler Menschen bedroht», schreibt Cavelty. Wichtig sei jetzt Komplexitätsreduktion. Die Verantwortung für die Eindämmung müsse unmissverständlich bei einem einzigen Gremium liegen. Cavelty ist überzeugt: «Unser Seuchenalltag ist belastend genug. Da darf die Politik nicht für zusätzliche Komplikationen und Verwirrung sorgen.»




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Blick-Chefredaktor Christian Dorer schildert persönliche Eindrücke aus dem «nahezu virenfreien» Griechenland, wo er letzte Woche war. «Desinfizieren ist beim Betreten aller Gebäude ebenso Pflicht wie das Anlegen der Schutzmaske. Im Restaurant halten alle den grösstmöglichen Abstand, auf jedem Tisch stehen Flaschen mit Handreiniger, Frühstücksbuffets sind abgeschafft. Und was erlebe ich – zurück in der Schweiz – bei meinem ersten Einkauf? Am Eingang zum Coop ist das Desinfektionsmittel leer …» Dorers Schlussfolgerung: «Wir müssen diese zweite Welle überwinden – und gemeinsam können wir das auch. Denn eine Gewissheit gibt es: Keine Pandemie dauert ewig. Je klüger wir handeln, desto schneller ist sie vorbei.»

 

 

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In den Tamedia-Zeitungen kommentiert Wissenschaftsredaktorin Alexandra Bröhm die Lage. Den Grund für die aktuell bedrohliche Lage ortet sie in den raschen und starken Öffnungen. Die Behörden hätten damit ein falsches Signal gesendet. «Für ein vollständiges Zurück-zur-Normalität war es leider zu früh. Und das rächt sich jetzt brutal.» Überraschend ist die momentane Entwicklung laut Bröhm nicht. Auch wenn viele ein frustrierendes Déjà-vu erkennen, so hoffnungslos sei es nicht, denn «eigentlich können wir Corona nämlich». Für die Tamedia-Wissenschaftsredaktorin ist klar: «Wir wissen inzwischen ziemlich genau, wie wir uns alle vor dem Virus schützen können. Wir müssen dieses Wissen im Alltag nur anwenden. Jeder und jede persönlich, zu Hause, am Arbeitsplatz, in der Freizeit.»

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Einen anderen Fokus wählt die Sonntagszeitung (ebenfalls aus dem Hause Tamedia). Dort stellt Redaktionsleiter Andreas Kunz eine zunehmend «vergiftete, besserwisserische und beleidigende» Debatte hin. Denn im Land herrsche mit Blick auf die kommenden Wochen Nervosität, Angst und Unsicherheit. Es sei eine Art Glaubenskrieg ausgebrochen. Am gelassensten erscheinen Kunz jedoch ausgerechnet jene, die am meisten Grund zur Sorge hätten: die Alten und Gebrechlichen sowie jene, die in den Spitälern und Pflegeheimen im Einsatz stehen. Sie seien die Vorbilder, die das Land jetzt am meisten brauche, so Kunz.

 

 

 

 

Welche weiteren nationalen Verschärfungen es geben wird zur Bekämpfung der Pandemie, wird erst diese Woche klar werden: Am Mittwoch, dem Tag der nächsten planmässigen Bundesratssitzung, ist mit weiteren Entscheidungen zu rechnen. Dann dürfte das Land wieder in einem Teil-Shutdown sein. Oder wie es Lukas Engelberger, Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektoren, ausdrückte: ein «Slowdown». (eh)



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