Christof Münger, Leiter Ressort International Tages-Anzeiger:

«Donald Trump sagt, was er macht, und er macht, was er sagt. Das hat das erste Jahr seiner zweiten Amtszeit gezeigt. Überraschen können nur noch die Konsequenz, das Tempo und die Verve, mit denen er seine Pläne umsetzt. (…) Um die Unterbindung des Drogenhandels ging es nur nebenbei, obwohl Trump den Zusammenzug einer Armada in der Karibik damit begründete. Denn sonst hätte der US-Präsident kaum den wegen Drogenhandels verurteilten, früheren honduranischen Staatschef Juan Orlando Hernández kürzlich aus seiner lebenslangen Haft entlassen. Vielmehr steckte Trump mit der Machtdemonstration in Caracas die westliche Hemisphäre ab, die er offiziell, unverfroren und unwidersprochen als sein Revier betrachtet.»
Werner J. Marti, Auslandredaktor und ehemaliger Südamerika-Korrespondent NZZ

«Völkerrechtler, zahlreiche Regierungschefs und auch amerikanische Politiker kritisieren den Militäreinsatz gegen Nicolás Maduro. Selbst in den Reihen der Republikaner in den USA gibt es Stimmen, die Präsident Trump vorwerfen, den Kongress nicht konsultiert zu haben. Aus formaljuristischer Sicht sind diese Vorwürfe wohl korrekt. Aber aus moralischer Sicht – und beim jetzigen Stand der Dinge – muss man festhalten, dass der Nutzen die Kosten der Operation voraussichtlich weit übersteigt. Man sollte in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass seit der gefälschten Präsidentschaftswahl von 2024 nicht nur die Amerikaner, sondern auch die Europäer und fast alle lateinamerikanischen Staaten Maduro nicht mehr als legitimen Präsidenten anerkennen.»
Fredy Gsteiger, Diplomatischer Korrespondent SRF Audio:

«Es steht ausser Frage, dass Nicolás Maduro ein brutaler Diktator war. Darüber, dass er nun aus dem Amt entfernt wurde, ist kaum jemand traurig, am wenigsten die venezolanische Bevölkerung. Ausser Frage steht aber ebenfalls, dass die US-Operation gegen das Völkerrecht verstiess. Präsident Donald Trump machte nicht einmal den ernsthaften Versuch, die Attacke völkerrechtlich zu legitimieren. Es geht den USA also nicht um eine Schutzverantwortung, es geht nicht um die Wiederherstellung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten – es geht um amerikanische Interessen, nicht zuletzt um Öl.
Obschon die Rechtslage in diesem Fall eindeutig ist, drücken sich viele westliche Regierungen um klare Positionsbezüge, auch die schweizerische. Sie fordern zwar die Respektierung des Völkerrechts, aber verurteilen nicht, dass die USA dieses bereits krass verletzt haben. Prinzipientreue ist weniger wichtig als Pragmatismus. Und der gebietet, das zerrüttete Verhältnis Europas zur jetzigen US-Regierung nicht noch stärker zu beschädigen.
Die US-Aktion ist ein weiterer Schlag gegen die Nachkriegsweltordnung. Die USA sehen sich nicht mehr als Weltpolizist, der auf Recht und Ordnung pocht, sondern als Macht, die ihre eigenen Interessen auch mit Gewalt durchsetzt.
Wir erleben eine Rückkehr zu einer Welt der Einflusssphären. Die militärischen Grossmächte USA, Russland oder China wollen jeweils eine von ihnen beherrschen. Trumps Aktion dürfte Russland in seinen Ansprüchen auf die Ukraine und auf weitere Teile Europas bestärken. Und China ermuntern, sich nun rasch Taiwan einzuverleiben. Das Faustrecht könnte die neue Normalität prägen.»
Roger Köppel, Verleger und Chefredaktor Weltwoche:

«Der Angriff der USA auf Venezuela ist ein militärisch brillant durchgeführter Bruch des Völkerrechts. Das Völkerrecht allerdings war schon immer nur Ausdruck internationaler Machtverhältnisse und daher im Konfliktfall eine zwar erstrebenswerte, aber keine ausschlaggebende Grösse. Den Amerikanern geht es darum, ihre Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre abzusichern, die Russen und die Chinesen von Venezuelas Rohstoffen, vor allem Erdöl, fernzuhalten. Trump folgt dem gleichen Muster wie Putin in der Ukraine, die er vor allem deshalb angegriffen hat, um das Vordringen der amerikanischen Nato-Allianz in seiner Einflusssphäre zu stoppen. Ich gehe davon aus, dass der Schlag gegen Venezuela mit den Russen und mit China abgesprochen war. Es könnte sein, dass die beiden jetzt im Gegenzug Taiwan und die Ukraine bekommen. Willkommen in der neuen, Alten Welt der Raubtiere und Reviere! Die Schweiz muss zurück zur absoluten schweizerischen Neutralität, immerwährend, bewaffnet, umfassend.»
Fabian Hock, Ressortleiter Ausland CH Media:

«Zuerst, was die Entführung des venezolanischen Diktators nicht bedeutet: Trumps Aktion macht weder eine chinesische Invasion Taiwans wahrscheinlicher noch legitimiert sie Putins Krieg gegen die Ukraine. Der Kreml-Herrscher brauchte keinen Präzedenzfall aus Lateinamerika, um 2014 die Krim zu annektieren oder 2022 die Ukraine zu überfallen. Und Peking richtet seine Taiwan-Politik nach militärischen Fähigkeiten und am eigenen, langfristigen innenpolitischen Plan aus – nicht nach der Tagesform eines US-Präsidenten.
Trump betrachtet die westliche Hemisphäre als exklusive Einflusszone der USA. Darin fühlt er sich an keinerlei Regeln gebunden. Das ist seit der Festsetzung Maduros sonnenklar. Die vielbeschworene ‹regelbasierte Ordnung› erodiert weiter. Das ist einerseits bedauerlich. Andererseits konnte diese Ordnung nicht verhindern, dass Putin die Ukraine überfällt. Oder sich die Mullahs im Iran seit einem halben Jahrhundert an der Macht halten. Letztere müssen nun zittern – und das ist eine gute Nachricht.
Zittern müssen allerdings nicht nur die Schurken. Auch Grönland liegt in der westlichen Hemisphäre. Trump verfolgt keine konsistente Strategie – er nimmt sich, was er kriegen kann und was Geld abwirft. Ihn einzuhegen wäre Aufgabe der Europäer (die UNO ist nicht brauchbar). Solange deren schärfste Waffe jedoch ist, mit dem Völkerrecht zu wedeln und auf dessen Einhaltung zu pochen, wird sich Trump nicht kontrollieren lassen.
Die Welt ist abhängig von Trumps Willkür. Das produziert tatsächlich teils erfreuliche Ergebnisse – etwa den Sturz des sozialistischen Diktators von Venezuela. Aber niemand weiss, was danach kommt. Und wen der nächste Akt trifft.»

